“Minijobs“ = Erwerbsarmut = Mini-Rente = Altersarmut

02.10.12
WirtschaftWirtschaft, Soziales, TopNews 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

7,5 Millionen Frauen und Männer in Deutschland arbeiten in sogenannten “Minijobs“, nur wenigen gelingt der Sprung in sozialversicherte Erwerbsarbeit. Hunderttausende MiniarbeiterInnen müssen ihr geringes Einkommen mithilfe von Hartz IV aufstocken. Bezahlt wird dieser staatliche “Kombilohn“ von den werktätigen SteuerzahlerInnen.

Knapp 7,5 Millionen Erwerbstätige in Deutschland verdienen derzeit höchstens 400 Euro pro Monat. Das sind rund 20 Prozent aller Erwerbstätigen. Für etwa fünf Millionen ist die Miniarbeit die einzige bezahlte Tätigkeit, die anderen üben diese Arbeit zusätzlich neben einer “normalen“ Erwerbsarbeit aus. Der Zusammenhang mit den Hartz-Vollzugsgesetzen ist offensichtlich: Seit 2003 hat sich die Zahl der “Minijobber“ um ein Drittel erhöht.

Mini-Arbeit bzw. “Mini-Jobs“ sind vor allem eine Frauendomäne – zwei Drittel der Beschäftigten sind Frauen. Die “400-Eurojobs“ konzentrieren sich dabei auf wenige Branchen: Groß- und Einzelhandel (1,23 Millionen “Minijobs“), Gebäudebetreuung, Grundsrücks- und Wohnungswesen (782.000), Gastronomie (670.000) und Gesundheitswesen (420.000). In diesen vier Bereichen arbeiten über 42 Prozent aller Mini-Beschäftigten – im Hotel und Gaststättengewerbe kommen auf hundert sozialversichert Beschäftigte sogar fast genau so viele Mini-Beschäftigte bzw. “Minijobber“. In diesen Branchen führen die Mini-Arbeitsverhältnisse zu schweren Verwerfungen bei den Lohn- und Arbeitsbedingungen.

“Minijobs“ – ein gutes Geschäft für Unternehmer

Obwohl in der staats-offiziellen Theorie Teilzeitarbeitskräfte nicht benachteiligt werden dürfen, zeigt die Praxis, dass genau dies bei Mini-Arbeit bzw. Mini-Beschäftigung (“Minijobs“) der Fall ist. Die leicht höhere Abgabenbelastung [aus der Wertschöpfung der Werktätigen] kompensieren die Unternehmer, indem sie die Löhne drücken und Leistungen mit gesetzlichem Anspruch kürzen.

„Durch Lohnabschläge kommt der ,Vorteil’ durch die Steuer- und Abgabenbefreiung nicht den Beschäftigten im ‘Minijob’, sondern den Unternehmen zugute“, stellt das WSI der Hans-Böckler-Stiftung fest. Die ideologisch-manipulatorische Rechnung “Brutto gleich Netto“ geht für die Mini-Beschäftigen nicht auf.

Schwarzarbeit wird mit “Minijobs“ verschleiert

Mit den niedrig besteuerten “Minijobs“ sollte ursprünglich auch die Schwarzarbeit bekämpft werden. Diese angebliche Zielvorgabe wurde nicht erreicht: Etwa 4,5 Millionen Privathaushalte beschäftigen eine Putzkraft oder Haushaltshilfe [*]. Doch nur wenige der Haushaltshilfen sind sozialversichert beschäftigt, gerade 200.000 wurden als “MinijobberInnen“ angemeldet.

Im gewerblichen Bereich werden “Minijobs“ teils genutzt, um Schwarzarbeit zu verschleiern. Zwar wird ein “Minijob“ angemeldet, alles über 400 Euro jedoch „schwarz“ ausgezahlt (dies dient auch der privaten profitablen Einsparung beim Lohnabstand zum Tariflohn, zu den Brutto-Löhnen und Lohnnebenkosten - Sozialabgaben etc.). Bei Kontrollen fällt die Schwarzarbeit in der Regel nicht auf, weil die tatsächlich geleistete Arbeitszeit nicht kontrolliert wird und sich der “Minijobber“ legal im Betrieb aufhält. Wenn die “Minijobs“ in den regulären Arbeitsmarkt integriert werden, wird also die Schwarzarbeit nicht zunehmen (da es auch weiterhin keinen Nachweis über den tatsächlichen zeitlichen Arbeitsumfang gibt).

“Mini-Job“ = Mini-Rente = Altersarmut

Weil Mini-Beschäftigte keine eigenen Beiträge zur Sozialversicherung zahlen, erwerben sie auch keine vollwertigen Pflichtbeitragszeiten in der Rentenversicherung – Altersarmut ist damit vorprogrammiert. 70 Prozent der Beschäftigten, die ausschließlich Mini-Arbeit haben, wollen mehr arbeiten, können es aber nicht. Frauen und auch junge Mütter wollen nicht mit einem “Minijob“, Erwerbsarmut und künftige Altersarmut abgespeist werden.

Über 672.000 “MinijobberInnen“ mussten im Jahr 2011 ihr Einkommen mithilfe von Hartz IV aufstocken. Viele bleiben über viele Jahre auf staatliche Fürsorge angewiesen – bezahlt wird dieser staatliche “Kombilohn“ vor allem aus der Arbeit und Wertschöpfung der werktätigen SteuerzahlerInnen.
[Merke: Die Steuer der Reichen ist ein Teil aus der realen Mehrwertschöpfung der werktätigen Bevölkerungsmehrheit.] Diese Entwicklung muss beendet werden.

Viele soziale Berufsfelder – wie Pflege, Kindererziehung und Gesundheitswesen – leiden unter einem Fachkräftemangel. Das Ende der “Minijobs“ würde hier die auskömmlich bezahlte Beschäftigung und Erwerbsarbeit ausweiten. Beispiele in anderen europäischen Ländern zeigen, dass diese Ausweitung der (sozialversicherungspflichtigen) Beschäftigungszeiten die Arbeitslosigkeit nicht erhöht. Während die Erwerbstätigenquote von Frauen in Deutschland bei 60 Prozent liegt, arbeiten in den skandinavischen Staaten 70 Prozent der Frauen – dennoch ist dort die Arbeitslosigkeit nicht höher als in Deutschland. Merke: Frauen haben einen Anspruch auf eine auskömmliche Erwerbsarbeit und Altersrente.
[Ein modifizierter Auszug.]

Vgl.: DGB - Bundesvorstand, 01.10.2012, Arbeitsmarkt auf den Punkt gebracht 02/2012 | Minijobs: Fehlentwicklung beenden {...}
http://www.dgb.de/themen/++co++e688c500-094c-11e2-bf78-00188b4dc422

* Arbeitsplatz Privathaushalt – Ein Weg aus der Schwarzarbeit. Institut der deutschen Wirtschaft Köln
http://www.iwkoeln.de/de/presse/veranstaltungen/beitrag/67603

 

 

 


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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