Digitalisierung – schon wieder Fluch und Segen der Technik?

18.12.20
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Von Johannes Schillo

Eine neue Studie zur Automobilindustrie greift die Verschleierung der Interessengegensätze an

„Kein Tag vergeht mehr, ohne dass ein Artikel zu den ‚Chancen und Risiken‘ der Digitalisierung erscheint“, schrieb jüngst Peter Schadt in der linken Gewerkschaftszeitung Express (siehe die Information in labournet https://www.labournet.de/?p=179750). Von Schadt liegt seit Ende 2020 eine umfangreiche Studie zur Digitalisierung in der deutschen Autoindustrie vor, die aus einer Dissertation an der Universität Duisburg-Essen hervorgegangen ist. Wesentliche Ergebnisse dieser aufwändigen wissenschaftlichen Arbeit – die vor allem auf die Kritik eines sachzwanghaften, subjektlosen Prozesses der technologischen Umwälzung aller Lebensbereiche zielt – hatte der Autor schon in der Tageszeitung Junge Welt veröffentlicht (vgl. „Scheinsubjekt Digitalisierung“ und „Kampfansagen“, JW, 11.6. bzw. 4.8.2020).

Die ausführliche Begründung seiner Position kann man jetzt in der Langfassung nachlesen, die in der Reihe Hochschulschriften bei PapyRossa erschienen ist. Sie legt, dem akademischen Brauch folgend, in den Eingangskapiteln (Nr. 1 bis 4) das methodische Rüstzeug, den Forschungsstand und die theoretische Rahmung dar. Das heißt konkret, sie verteidigt im Rahmen des hiesigen sozialwissenschaftliches Betriebs die Bezugnahme auf einen „marxologischen Analyserahmen“ (14), der die Arbeitswelt als ein strategisches Handlungsfeld in den Blick nimmt. Dessen zentralen Akteuren – von den eigentlichen Herstellern, ihren Zulieferern samt neu entstehenden Start-ups bis hin zu Betriebsräten und Gewerkschaften – ist das 5. Kapitel gewidmet, wobei auch das Umfeld, also die Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sowie die „exogenen Rahmenbedingungen“ zur Sprache kommen. Im Folgenden (Nr. 6) geht es um die aktuellen Trends im Feld des untersuchten industriellen Segments.

Den Hauptteil der Studie macht das siebte Kapitel zu Kooperation und Konkurrenz in der deutschen Automobilindustrie aus. Die Ergebnisse der Studie werden dann noch einmal in einem kurzen Abschlusskapitel (Nr. 8) zusammengefasst. Dabei kommt auch die Kritik an gewerkschaftlichen Positionen deutlich zum Ausdruck. Gewerkschaften und Betriebsräte würden in diesem Handlungsfeld, heißt es, zwar formell als eigenständige Akteure auftreten, aber auf dem von ihnen eingeschlagenen Weg dann inhaltlich „die Interessen der Kapitalseite prinzipiell anerkennen und alle ihre Forderungen dementsprechend relativieren“ (354) – gemäß einer IG Metall-Losung aus dem Jahr 2019: „Wir wollen weiterhin die modernste Autoindustrie der Welt haben“. Der Konkurrenzvorsprung gegenüber dem Ausland soll also gewahrt werden, dafür setzen sich deutsche Gewerkschaften ein!

Das Fazit der Arbeit lautet, „dass es die Digitalisierung nicht gibt“, dass man bei diesem Befund vielmehr auf zwei Kollektive verwiesen sei: auf „die Akteure der Kapitalseite, welche ihre ökonomischen Zwecke mit NEO-Techniken [ein Akronym aus neue digitale, elektronische und robotik-Technik] verfolgen, sowie jene Akteure der Lohnarbeit, welche zwar selbst agieren, aber eine Charaktermaske vertreten, die das Mittel der anderen Seite ist. Dabei wird sich immer wieder der Illusion hingegeben, man könne die NEO-Techniken verwenden, um die Arbeit zu reduzieren, selbstbestimmter, weniger, besser etc. zu arbeiten, d.h.: Es wird postuliert, man könne die Technik gegen die ökonomischen Zwecke wenden, die gleichzeitig der einzige Grund dafür sind, warum sie überhaupt eingesetzt werden.“ (357) Mit dem Begriff der „Charaktermaske“, der dem „Kapital“ von Marx entnommen ist, zielt der Autor – seinem Analyserahmen gemäß – auf die Personifikation ökonomischer Funktionen, die die Akteure in der kapitalistischen Produktionsweise auszeichnet.

Mehrfache Kampfansage

Die Warnung vor Technik-Illusionen, die Schadt ausspricht, ist nur allzu berechtigt. Auch ein Autor wie Marcus Schwarzbach, der Gewerkschafter berät und die Industrie 4.0-Debatte in seiner Studie „Work around the clock?“ (2016) Interessen-orientiert angehen, also auf den Widerstreit beim Kampf um die Gestaltung von Arbeitsplätzen und um den Ertrag, den sie abwerfen, beziehen wollte, macht das deutlich. Die Digitalisierung der Arbeitswelt erscheint bei ihm tendenziell als eine Zukunftsfrage, die noch offen ist. Da heißt es etwa, man müsse realistisch Eingriffsmöglichkeiten abschätzen, es dürfe nicht Ziel sein, „Horrorszenarien aufzubauen oder unrealistische Visionen zu formulieren.“ So werden auch Überlegungen von Betriebsratsseite referiert, die die neue Technik begrüßten, wenn der Einsatz kooperierender Roboter dazu führe, anstrengende Routinetätigkeiten zu automatisieren, ohne dass damit Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden. Wenn das gegeben sei, formulierte ein IG Metall-Betriebsrat, „dann immer gerne, dann spricht nichts gegen deren Einsatz.“ Oder über die zukünftige Rolle von computergestützten Assistenzsystemen teilt Schwarzbach mit: „Noch ist nicht ausgemacht, in welche Richtung die Entwicklung geht“. So stehen dann auch aus gewerkschaftlicher Perspektive wieder Fragen wie die folgenden im Raum: Bleibt „der Mensch das Maß aller Dinge“ oder werden leicht austauschbare, unqualifizierte Kräfte eingesetzt? Wer entscheidet bei der Kooperation zwischen Mensch und Roboter? Gibt die Technik dem Arbeiter vor, was zu tun ist? (Vgl. auch „Betrifft: Industrie 4.0“ auf der IVA-Website https://www.i-v-a.net/doku.php?id=texts16#betrifftindustrie_40.)

All das, so Schadts zentraler Punkt, geht an den politökonomischen Zwecksetzungen vorbei – genau so wie Technikphantasien von der vollautomatisierten, menschenleeren Fabrik. Schadt verweist darauf, dass an und mit den technisch immer höher entwickelten Maschinen und Apps mehr gearbeitet wird als jemals zuvor. „Mit jeder Entwicklung der Produktivkraft“, heißt es in dem Express-Artikel, „wird die Arbeit dichter und der Stress nimmt zu. Einerseits sinkt also die notwendige Arbeit zur Herstellung verschiedenster Gebrauchsgüter. Die aufgewendete und verausgabte Arbeit wird immer weniger wichtig für alles, was man so braucht – immer wichtiger dagegen wird der Stand der Wissenschaft und der Maschinenpark, der mit dieser Arbeit in Bewegung gesetzt wird. Andererseits gehören Stress auf der Arbeit, Überstunden, die Verlängerung des Arbeitstages zu den Folgen aller Produktivkraftentwicklungen im Kapitalismus und so auch zu jenen der Digitalisierung.“

Dies ist in der Tat der zentrale Widerspruch, den es zu erklären gilt. Doch ist das Einerseits-Andererseits ja gerade keine Novität im Kapitalismus. Die kapitalistische Notwendigkeit, den technischen Fortschritt wegen und in der Konkurrenz um Profit zu betreiben, ist keine neue Erscheinung, die auf eine neuartige industrielle Revolution schließen ließe. Marx hat sie im ersten Band des „Kapital“ im Abschnitt über die Produktion des relativen Mehrwerts abgehandelt. Die Rolle des technischen Fortschritts in der Marktwirtschaft läuft, kurz gesagt, darauf hinaus, dass die Produktivkraft der Arbeit als Waffe im Konkurrenzkampf der Unternehmen um Rendite eingesetzt wird. Darauf zielt Schadts Analyse. Damit wird die großartig angekündigte digitale Revolution ihres besonderen Nimbus entkleidet und auf den Boden der ökonomischen Tatsachen zurückgeholt: Sie ist eine weitere Offensive in der endlosen Kette von Rationalisierungsmaßnahmen, mit denen industrielle Kapitalisten seit eh und je ihren Kampf um Extraprofit betreiben.

Sie hebt diesen Kampf natürlich auf eine höhere Stufe, die ganz neue Konkurrenzaffären mit sich bringt. Die digitale Innovation hat erstens die Besonderheit, dass sie zu einer veränderten, folgenreichen Form der Kooperation zwischen kapitalistischen Konkurrenten führt, nämlich zwischen Industrieunternehmen und Zulieferern bzw. Abnehmern, aber auch zwischen Betrieben, die im Prinzip das Gleiche herstellen und „Wertschöpfungsnetzwerke“ bilden. Man kann das auch darauf beziehen, dass die jeweiligen Produktionsprozesse automatisch ineinandergreifen, dass sie die Unternehmensgrenzen überschreiten und damit die exklusive Verfügung der Betriebsherren über ihr produktives Eigentum relativieren. Und die Umwälzung bisheriger Methoden der Produktion und Distribution ist zweitens kein bloßer Fall einer mehr oder weniger gelungenen Implementierung technologischer Verfahren in den einzelnen Firmen, sondern hat es mit einem fertigen Medium, dem Internet, zu tun, das sich in der Hand finanzstarker Unternehmen befindet, hinter denen letztlich die Macht des Standorts USA steht.

Somit ist der Schluss nicht von der Hand zu weisen, den Schadt mit der Zusammenfassung seiner Studie unter dem Titel „Kampfansagen“ (JW, 4.8.2020) gezogen hat. Er beginnt mit der Kampfansage aus Deutschland. Bekanntlich wird ja die Digitalisierung regierungsoffiziell als Triebkraft eines industriepolitischen Aufbruchs geführt, der hierzulande „Industrie 4.0“ heißt, in China (angeblich eine Kopie dieses Programms) als „Made in China 2025“ firmiert und ebenfalls in anderen Ländern als Kampf um Technologieführerschaft unterwegs ist. Industrie 4.0 ist ja auch der Name eines von der Bundesregierung geförderten Forschungsprogramms. Schadt listet ferner auf: die Kampfansage an die Beschäftigten, die Ansage der IT-Branche, dann die Ansagen in der Branche und schließlich die Kampfansagen der USA bzw. aus China. Es geht dem Autor natürlich nicht darum, die Kräfteverhältnisse abzuschätzen oder die Durchsetzungschancen in den Blick zu nehmen; genau so wenig wird für die Automobilproduktion als deutsche Schlüsselindustrie Partei ergriffen.

Schadt bilanziert vielmehr, wie das deutsche Kapital auf die neuen Herausforderungen in doppelter Weise reagiert: „Einerseits soll die Produktion des Verbrennungsmotors auslaufen, weil die Zukunftsmärkte für die E-Mobilität entstehen. Dafür sollen die deutschen Konzerne schnell und mit viel Kapital in diesen neuen Markt einsteigen. Gleichzeitig sollen Diesel- und Benzinmotoren noch so lange wie möglich produziert werden, weil Deutschland genau in dieser Technik Weltmarktführer ist und weil gerade damit der Umstieg finanziert werden soll. Wie auch immer diese Doppelstrategie ausgeht, wie erfolgreich die IT-Kapitale bei ihrer Konkurrenz gegen das produzierende Gewerbe sind; wie sehr China es schafft, sich gegen das deutsche Kapital zu behaupten – eines ist sicher: Bei dieser Konkurrenz der Kapitale und Staaten in der Autobranche kommen die Beschäftigten bloß als Variablen von politischen und ökonomischen Interessen vor, werden vor allem für eines eingeplant – das Menschenmaterial für die Profite der Kapitale und für die Durchsetzung des deutschen Standorts gegen konkurrierende Staaten abzugeben.“ (JW)

Peter Schadt, Die Digitalisierung der deutschen Autoindustrie – Kooperation und Konkurrenz in einer Schlüsselbranche. Köln (Papyrossa) 2020, 381 S., 32 Euro.

Johannes Schillo

 







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