Alle sehen den Absturz - ich nicht


04.04.08
WirtschaftWirtschaft, Debatte 

 

Von Herbert Steeg

"Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen." (Kurt Tucholsky)
Nun steckt das internationale Kreditwesen seit dem letzten Sommer ernsthaft im Schlammassel, und auf der Linken beeilen sich alle, böse Vorahnungen und allerschlimmste Vorhersagen in Umlauf zu setzen. Das hat zwei Vorteile: Ersten ist die oder der mit der ganz üblen Vorhersage nachher stets im Vorteil, denn über einen günstigeren Verlauf ärgert sich niemand. Zweitens ist das wie bei dem Angler mit der Erzählung vom Riesenfisch, der haftet im Gedächnis. Da stört es auch nicht weiter, dass der Erkenntnisgewinn bei solchen Kommentaren kümmerlich ist.

Über die Zukunft der Kreditkrise will ich nicht spekulieren. Aber mindestens drei Punkte verdienen Beachtung:
1. Kynesianer und Marxisten haben seit geraumer Zeit vor den faulen Immobilienkrediten in den USA gewarnt. Recht haben sie gehabt. Das manche dabei die ökonomische Höllenfahrt Richtung Erdmittelpunkt vorhersagten - was bisher nicht eintrat - siehe oben.
2. Faszinierend ist jedoch, dass der Crash der US-Immobilienkredite die Industrieentwicklung der USA bislang so gering mitreißt. Am Schreckenstag des letzten Sommers stieg der US-Industrieindex "Dow Jones" sogar noch. Die Börsenindizes die heute noch am besten darstehen, sind der brasilianische, der russische und der US-amerikanische "Dow Jones".
3. Spannend ist auch, das der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes bisher das europäische Kreditsystem stärker getroffen hat, als das US-amerikanische.
Die Punkte 2 und 3 wurden bisher wenig diskutiert. Wie sind sie zu erklären?

Kein Großunternehmen kann ohne Kredite tätig sein. Dabei unterscheiden Fachleute das angloamerikanische und das kontinentaleuropäische Modell.(1) Das Kontinentaleuropäische zeichnet sich dabei durch bedeutende bis völlige Kreditgenerierung über Banken aus, das  Angloamerikanische besorgt sich in der Regel seine Kredite an der Börse (Aktien, Anleihen ...). Auch wenn die beiden Wirtschaftsräume inzwischen ähnlicher geworden sind, sehe ich hier doch einer der wesentlichen Gründe, wieso die Bankenkrise in Europa stärker durchschlägt.

Was ist für Marxisten daraus zu lernen (neben der Banalität, dass es heute keine abschottbare Nationalökonomie mehr gibt)?
Hilferding hat den Komplex von Industrie und Banken als Erster "Finanzkapital" genannt und Lenin hat den Begriff übernommen. (Bei Marx gibt es konstantes und variables Kapital, Bankkapital, Handelskapital ... aber Finanzkapital gibt es bei Marx nicht.) Zu berücksichtigen wäre also, daß diese Begrifflichkeit die Realität nicht absolut darstellt und das die Entwicklung zum Finanzkapital auch keine Einbahnstrasse ist.

Wie ist der Verlauf der derzeitige Krise einzuordnen? Oft wird zum Vergleich der große Börsenkrach von 1929 herangezogen. Das ist verständlich, denn der "schwarze Freitag" ist für viele der einzige Börseneinbruch den sie kennen. Das heißt aber nicht, dass diese Analogie trifft. Wer erinnert sich z.B. an die Börsenkrise von 1987? Damals ist der Dow Jones um 33% abgestürzt, während im der aktuellen Verlauf 2007/08 der Dow Jones um 14% nachgegeben hat und der deutsche DAX um 24%.
Mir scheint die heutige Krise eher der von 1909 bis 1912  zu ähneln, und das nicht wegen ihres Ablaufs mit der schwachen Zwischenkonjunktur 1911. Denn es ist ein Unfug der bürgerlichen Ökonomie Kursverläufe in die Zukunft zu interpolieren, oder aus gleichartigen Kurven auf Entwicklungsähnlichkeiten zu schließen. So wie es Blödsinn wäre, aus der Strecke die ich bisher morgens fahre, mein Fahrverhalten in der Zukunft zu folgern. Ich könnte schon übermorgen eine andere Arbeitstelle haben.

Wirtschaftliche Verläufe können nur aus den materiellen Bedingungen der Ökonomie geschlossen werden. Die Krise 1909 bis 1912 war eine Folge der Veränderung des liberalen Kapitalismus hin zum monopolisierten Kapitalismus, und daraus folgend, weg von der Textilindustrie hin zur Schwerindustrie als Leitbranche. Diese Umstrukturierung begann etwa 1870, war bis 1880 sehr lebhaft und wurde erst gegen 1900 wesentlich abgeschlossen.
Auch in den 1990er Jahren hat sich die Weltökonomie umgeordnet, weg von der vertikalen Monopolisierung, hin zur horizontalen Monopolisierung. Dazu gehörte die Durchdringung der Produktion durch die moderne Datenverarbeitung, die diese Strukturveränderung erst ermöglichte. Eine solche Veränderungsphase bringt jedoch den Kapitalismus stets an seine Grenzen, da sie ein sehr hohes Kreditvolumen benötigt. Kynesianer werden vermutlich nie verstehen, wie in einer Periode hoher Profite gleichzeitig hohe Kredite nötig werden. So wenig wie sie verstehen werden, das jemand der gerade eine saftige Lohnerhöhung bekommen hat, einen großen Kredit aufnimmt. Wobei die Lösung hier vielleicht einfach ist: wegen der Lohnerhöhung hat derjenige beschlossen ein Haus zu bauen. Ähnlich in der Weltökonomie: Hochprofite und neue technische Möglichkeiten bringen Großkonzerne dazu, sich umzustrukturieren. Das übersteigt aber selbst die finanziellen Möglichkeiten eines Weltkonzerns, er braucht verstärkt Kredite. Beginnt ein Konzern mit der Veränderung folgen flugs andere, denn wer zu spät kommt, ...  Diese Mutationsbewegung bringt jedoch rasch das Kreditsystem an den Rand seiner Möglichkeiten. Neuer Kredit muß generiert werden (etwa indem man noch den letzten Malocher lockt, sein Geld an der Börse anzulegen), man beginnt es mit den Sicherheiten lockerer zu nehmen und der Wucher (Hedgefonds ...) schießt ins Zeug. Das alles funktioniert erstmal, da es zu einer profitsteigernden Umstrukturierung führt. Geht diese Phase jedoch dem Ende entgegen, entspannt sich der Kreditmarkt. Die Unternehmen zeigen den wucherischen Hedgefonds zunehmend eine lange Nase, alle beginnen erneut auf Deckung zu achten und die gammeligen Kredite wackeln bedenklich. Da ungefähr sind wir heute.

Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht, aber wer an eine Instabilität des Kapitalismus denkt, wird  vermutlich falsch liegen. Denn die Beschaffenheitsveränderung des Systems hat zur Möglichkeit höherer Profitraten geführt - und das wirkt auf den Kapitalismus mittelfristig stabilisierend.

Herbert Steeg
 


1. "Produkt- versus Kapitalmarkt: Zwei Dimensionen der Internationalisierung von Unternehmen", Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln







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