„Keine Jagd auf meinem Grundstück!“


Zwangsbejagung ade

18.03.14
UmweltUmwelt, Wirtschaft, Bewegungen 

 

von Wildtierschutz Deutschland e.V.

Immer mehr jagdfreie Grundstücke in Deutschland

In Deutschland gibt es die ersten jagdfreien Grundstücke: Ab dem 1. April 2014 sind in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen etliche Hektar Wiesen, Wälder und Felder offiziell jagdfrei.

Ein großartiger Erfolg im Sinne der Rechte von Grundstückseigentümern und des Tierschutzes! Bereits Anfang 2013 waren in Bayern die ersten Grundstücke durch einen Beschluss des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs jagdfrei gestellt worden und in Baden-Württemberg wurden einige Grundstücke vorläufig jagdrechtlich befriedet. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein dagegen klagen Grundstückseigentümer, die ihre Flächen jagdrechtlich befrieden lassen wollen, über Schikanen, hohe Hürden und hohe Kosten.

Die Regelungen der Zwangsmitgliedschaft in Jagdgenossenschaften gehen noch auf das Reichsjagdgesetz von 1934 zurück. Immer mehr Grundstückseigentümer wollen nicht länger hinnehmen, dass Jäger ihre Grundstücke betreten und dort Tiere erschießen oder Fallen aufstellen. Sie berufen sich auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom 26.6.2012: Dieser hatte entschieden, dass die Zwangsmitglied- schaft in einer Jagdgenossenschaft gegen die Menschenrechte verstößt, wenn der Grundeigentümer die Jagd aus ethischen Gründen ablehnt. Aufgrund dieses Urteils wurde die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, ihre Jagdgesetzgebung entsprechend zu ändern.

Laut der Bürgerinitiative „Zwangsbejagung ade“ (www.zwangsbejagung-ade.de) haben bundesweit bereits einige Hundert Grundeigentümer einen Antrag auf jagdrechtliche Befriedung ihrer Flächen gestellt. „Da ist längst eine Lawine ins Rollen gekommen“, sagt Rechtsanwalt Dominik Storr, der über 60 ethische Jagdgegner aus ganz Deutschland vertritt.

In einigen Bundesländern wird durch ein aufwändiges Antragsverfahren und die Ankündigung hoher Bearbeitungsgebühren versucht, Grundstückseigentümer von einem Antrag abzuhalten. „Doch trotz hoher Hürden haben alleine in Niedersachsen und Schleswig-Holstein bereits weit über 50 Grundstückseigentümer den Antrag auf jagdrechtliche Befriedung ihres Grundstücks gestellt“, so Rechtsanwalt Storr. „Es kann ja nicht sein, dass man eine Menge Geld hinblättern muss, um ein vom Europäischen Gerichtshof bestätigtes Menschenrecht in Deutschland wahrnehmen zu können.“ Dies sei vor dem Hintergrund des völlig eindeutigen Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte juristisch nicht haltbar.

Ab 1.4.2014: 25 Hektar in Rheinland-Pfalz jagdfrei

Das gut 25 Hektar große Grundstück von Margot Scheibe in Hohenöllen-Sulzhof in Rheinland-Pfalz ist ab 1. April 2014 offiziell jagdfrei. Auch von weiteren Grundstückseigentümern aus Rheinland-Pfalz wurden die Flächen von der Behörde jagdrechtlich befriedet.

Margot Scheibe, die vor Jahrzehnten selbst Jägerin gewesen war, ist seit vielen Jahren überzeugte Vegetarierin und Tierschützerin. Mit ihrem gut 25 Hektar großen Grundstück war sie automatisch und gegen ihren Willen Mitglied in der Jagdgenossenschaft. Das Grundstück ist ein kleines Paradies mit viel Wald. Die Tierfreundin wollte nicht länger hinnehmen müssen, dass Jäger ihr Grundstück betreten und dort Tiere tot schießen. Sie stellte einen Antrag auf jagdrechtliche Befriedung ihrer Flächen. Mit Bescheid vom 3.3.2014 hat die untere Jagdbehörde dem Antrag von Margot Scheibe stattgegeben.

Nordrhein-Westfalen: Grundstückseigentümer muss Jagd nicht länger dulden

Auch André Hölscher hat es geschafft: Seine beiden landwirtschaftlichen Grundstücke im Münsterland mit insgesamt 10 Hektar Fläche sind mit Beginn des neuen Jagdjahres am 1.4.2014 jagdfrei. Der 39-Jährige ist als Comedian alias „Bauer Heinrich Schulte-Brömmelkamp“ bekannt.

In den vergangenen Jahren gab es zwischen dem Grundeigentümer und dem Jagdpächter immer wieder Auseinandersetzungen im Rahmen der Treibjagden. Im Herbst 2012 berichteten das WDR-Fernsehen und die Westfälischen Nachrichten von einer polizeilich angemeldeten Demonstration des unfreiwilligen Jagdgenossen. Er stellte sich während einer Treibjagd mit einem Schild in der Hand "Keine Jagd auf meinem Grundstück" mitten auf seine eigene Wiese. Vor den Augen der Journalisten musste die Jagdgesellschaft abziehen - ohne dass ein Schuss fiel.

"Ich bin überglücklich und erleichtert, dass meine Grundstücke bald jagdfrei sind", sagt André Hölscher. Die Behörde hat seine Grundstücke noch vor Ablauf des Jagdpachtvertrages, der noch bis 2018 läuft, zum Ende des Jagdjahres am 31.3.2014 jagdfrei gestellt. Dazu erfolgt die Befriedung ohne weitere Beschränkungen. Der Tierfreund muss nun die Kosten für die jagdrechtliche Befriedung tragen. Diese belaufen sich laut Bescheid auf allerdings nur auf 115,- Euro.

Niedersachsen und Schleswig-Holstein: Schikanen für Grundstückseigentümer, welche die Jagd nicht dulden wollen

In Niedersachsen haben bereits über 30, in Schleswig-Holstein über 20 Grundstückseigentümer einen Antrag auf jagdrechtliche Befriedung ihrer Flächen gestellt – Tendenz steigend. Doch der Austritt aus der Jagdgenossenschaft ist in Niedersachsen und Schleswig-Holstein mit einem aufwändigen Antragsverfahren und unverhältnismäßigen Kosten verbunden. Die Grundstückseigentümer müssen sich nicht nur einer Gewissensprüfung unterziehen, sondern für die Befriedung ihrer Grundstücke auch noch eine Menge Geld hinblättern: Alleine für das Antragsverfahren sollen Gebühren zwischen 1.000 und 2.000 Euro erhoben werden.

Umwelt- und Naturschützer Dieter Grade aus Dithmarschen in Schleswig-Holstein kritisiert, dass er nicht nur seine ethischen Motive „glaubhaft machen“ musste – „wie früher bei der Wehrdienstverweigerung“. Zudem musste er nicht nur für jedes einzelne seiner Grundstücke Grundbuchauszüge, Karten und Angaben vorlegen sondern auch für die Grundstücke seiner Nachbarn. Dieter Grade hat den Verlauf seines Antragsverfahrens auf seiner Internetseite natur-in-not-dithmarschen.de ausführlich dokumentiert.

„Immer neue Forderungen zu stellen, wenn alle bisherigen geliefert worden sind, halte ich für eine üble Hinhaltetechnik. Ich denke, dass die Untere Jagdbehörde auf Fehler meinerseits hofft, die dann zu der endgültigen Ablehnung des Antrages führen würden.“
Zudem wurde für den Antrag eine Bearbeitungsgebühr von bis zu 2.000 Euro angekündigt.

Der für die Jagd zuständige Umweltminister Robert Habeck (Grüne) hatte im NDR Schleswig-Holstein Magazin geäußert, er finde es befremdlich, dass eine Gewissensentscheidung etwas kosten solle. „Niemand, der aus ethischen Gründen die Jagd grundsätzlich ablehnt, sollte dazu gezwungen werden, einer Jagdgenossenschaft anzugehören“, zitiert dpa am 16.3.2014 den Minister und fügt hinzu: „Die Realität sieht womöglich anders aus.“

Keine zusätzlichen Wildschäden

Entgegen der von den Jagdverbänden verbreiteten Befürchtungen, werde es laut Wildtierschutz Deutschland aufgrund der jagdlichen Befriedung vieler kleinerer Grundstücke wohl kaum zu höheren Wildschäden kommen. Dafür gebe es nicht einmal ernstzunehmende Indizien. „Das Argument höherer Wildschäden war von Anfang vorgeschoben, wohl auch um Gesetzgeber und Behörden hinsichtlich Ihrer Handlungen im Sinne der Jagd zu beeinflussen“, erläutert Lovis Kauertz von Wildtierschutz Deutschland.

Unmissverständlich erklärte der renommierte Zoologe Prof. Dr. Josef Reichholf im Bayerischen Fernsehen ("Unser Land" vom 16.11.2012), das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte sei längst überfällig: „Für das Wild ist das Urteil gut, weil es da und dort Ruhezonen schafft, die das Wild bei uns dringend braucht.“ Ruhezonen könnten die gefürchteten Wildschäden vermindern: „Weniger Jagddruck, mehr Ruhezone, bedeutet für das Wild weniger Energieausgabe. Also muss es weniger Nahrung zu sich nehmen, weil es weniger herumwandern muss. Was es frisst, entnimmt es verstärkt der Ruhezone. Dadurch werden die angrenzenden Flächen eher entlastet als durch das Wild belastet.“´

Lovis Kauertz | Vorsitzender
Wildtierschutz Deutschland e.V.

www.wildtierschutz-deutschland.de
www.schonzeit-fuer-fuechse.de

Am Goldberg 5
55435 Gau-Algesheim
T. (0177) 7230086

wildtierschutz@gmail.com


VON: WILDTIERSCHUTZ DEUTSCHLAND E.V.






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