We all live in a yellow submarine


Graphik aus dem Buch von Thurn und Clasen

13.09.12
UmweltUmwelt, Internationales 

 

von Bernhard Clasen

Atommüll im Nordmeer: Endlich gemeinsame Anstrengungen von Norwegen und Russland

17 000 radioaktiv strahlende Container, 19 mit Atommüll beladende Schiffe, 14 Atomreaktoren, von denen 5 noch abgebrannten Atombrennstoff enthalten, 735 radioaktiv verstrahlte Bauteile und das gesunkene einstmalige Super-U-Boot „K-27“ mit zwei Atomreaktoren und Atombrennstoff an Bord liegen in der Karasee, direkt gegenüber der Nordmeerinsel „Nowaja Semlja“, auf Grund.

Diese Angaben enthält eine Liste, die das offizielle Moskau Anfang des Monats der norwegischen Regierung übermittelt hatte. Eine der ersten, die über dieses Ereignis berichtete, war die aus der Ukraine stammende Moskauer Umweltschützerin Alla Jaroschinskaja. Jaroschinskaja ist nicht irgendwer. 1992 hatte die Journalistin den alternativen Nobelpreis für ihre Recherchen zur Katastrophe von Tschernobyl und ihre Veröffentlichung der geheimen Politbüro-Protokolle zu Tschernobyl verliehen bekommen.

„So erfreulich die Tatsache ist, dass nun Norwegen und Russland gemeinsam die ökologische Bedrohung angehen wollen, die von dem strahlenden Atommüll im Nordmeer ausgeht: mit einer neuen Umweltsensibilität hat das nichts zu tun, da geht es schlicht und einfach um Profit“ erklärte Jaroschinskaja telefonisch gegenüber „scharf-links“. „Hier sollen die Claims abgesteckt werden, man will die Bodenschätze des Nordmeeres, unter anderem Öl, gezielt ausbeuten. Und da stört der Atommüll natürlich“.

Lange Zeit galt der sowjetische Atommüll im Nordmeer als Staatsgeheimnis. Erst Ende 1994, so Jaroschinskaja im russischen Internet-Portal „Rosbalt.ru“, seien erstmals offiziell Zahlen über dieses strahlende Erbe veröffentlicht worden. Die 1994 veröffentlichten Zahlen seien regelmäßig aktualisiert worden, jede Aktualisierung legte höhere Zahlen an den Tag. Hatte man 1994 noch offiziell von sieben im Nordmeer versenkten Atomreaktoren sowjetischer Atom-U-Boote gesprochen, sei in der jüngsten Veröffentlichung bereits von 14 die Rede.

Da komme der Verdacht auf, so Jaroschinskaja, Russlands Behörden hätten selbst keine vollständige Karte über die versenkten strahlenden Objekte. Und weitere Überraschungen könnten folgen. Per Strand von der norwegischen staatlichen Strahlenschutzkommission äußerte die Befürchtung, dass die jüngst aus Russland eingegangenen Daten noch nicht das letzte Wort seien.

Besonders beunruhigt sei die norwegische Öffentlichkeit, so Jaroschinskaja in ihrem „Rosbalt“-Artikel, über festen radioaktiven Müll in der Karasee. Dieser befinde sich in Tiefen zwischen 11 und 380 Metern. Insgesamt habe sich in der Karasee Atommüll mit einer Strahlung von 20 Tausend Curie angesammelt. Die strahlenden Objekte seien ohne jegliche Vorsichtsmaßnahmen einfach in das Meer gekippt worden.

Die größte Bedrohung stelle jedoch das 1981 gesunkene einstmalige Prestige-U-Boot der sowjetischen Flotte, die „K-27“, dar. Dieses Submarine liege in einer Tiefe von 30-40 Meter, enthalte zwei Atomreaktoren und abgebrannten Atommüll. Während einer der beiden Reaktoren noch mehr oder weniger in ursprünglichem Zustand sei, sei im anderen bereits eine Kernschmelze eingetreten.

Die „K-27“ war lange Zeit das Vorzeige-U-Boot der sowjetischen Marine. In gerade einmal 15-20 Minuten nach Verlassen des Hafens konnte dieses Boot abtauchen. Alle anderen Atom-U-Boote hatten hierzu zwei bis drei Stunden benötigt. Bevor es 1981 sank, hatte es das Mittelmeer und den Atlantik überquert. 52 Tage konnte das legendäre U-Boot unter Wasser bleiben und stellte damals einen Weltrekord auf.

Doch, so Jaroschinskaja, es gab auch eine Kehrseite des Erfolges. Immer wieder war es auf dem Schiff zu Unfällen mit radioaktivem Material gekommen, in deren Folge hunderte Matrosen strahlenkrank geworden seien. Der tragischste Unfall habe sich am 24. Mai 1968 auf dem „legendären“ Schiff ereignet, als 144 Matrosen bei einem Unfall verstrahlt wurden. Fünf Matrosen seien wenig später einen qualvollen Tod gestorben.

Erst im Februar diesen Jahres sei erstmalig auf einer Tagung von „Rosatom“ und der Umweltorganisation „Bellona“ davon gesprochen worden, dass sich auf einem Reaktor des gesunkenen U-Bootes möglicherweise eine unkontrollierte Kettenreaktion ereigne.

Nun gebe es Pläne, das Schiff zu bergen. Spätestens 2014 soll das Schiff geborgen sein. Doch diese Pläne seien nicht beschlossen, hier könne bestenfalls von einer guten Absichtserklärung die Rede sein.

Anfang September machte sich eine gemeinsame norwegisch-russische wissenschaftliche Expedition unter Mitwirkung von Fachleuten der IAEO auf den Weg Richtung der Insel „Nowaja Semlja“ und der Karasee, um eine genauere Einschätzung der Reaktoren des gesunkenen Schiffes vorzunehmen. Außerdem entnahm die Gruppe Gewässerproben.

Bleibt zu hoffen, dass endlich etwas geschieht, um diese Bedrohung als Bedrohung wahrzunehmen und zu handeln.

Alla Jaroschinskajas Artikel vom 7. September zu dem Thema findet sich auf russisch hier: http://www.rosbalt.ru/main/2012/09/07/1031448.html

Bereits 1992 legten die russischen Umweltschützer Alexander Emeljanenkow und Wladimir Jakimets in dem Buch „Klassenfeind Natur“ (Valentin Thurn / Bernhard Clasen) erste Angaben der radioaktiven Verseuchung des Nordmeers vor.

Nowaja Seralja - Radioaktiver Mülleimer der Sowjetunion

  1. Meeresgraben der »Neuen Erde«: Hier befinden sieh 1450 Container, ein Schiff mit einem Notatomreaktor (170000 Curie) und ein Schiff mit flüssigen radioaktiven Abfällen.
  2. Die Neupokojewa-Bucht: In den Gewässern dieser Bucht sind feste radioaktive Abfälle gelagert (3400 Curie).
  3. Die Ziwolki-Bucht: 4750 Fässer. Hier lagern das Schiff »N. Bauman« und der zentrale Abschnitt des Eisbrechers »Lenin« mit drei Notreaktoren.
  4. Die Oga-Bucht: 850 Fässer mit radioaktivem Abfall.
  5. Stepowo-Bucht: Hier wurden 1850 Fässer und ein Atom-U-Boot versenkt. An zwei der U-Boot-Reaktoren war noch atomarer Brennstoff an Bord.
  6. Abrosimowa-Bucht: Hier befinden sich 550 Fässer und die zentralen Abschnitte von vier Atom-U-Booten mit insgesamt acht Reaktoren. Drei der Reaktoren hatten bei der Entsorgung noch atomaren Brennstoff an Bord.
  7. Blagopolutchie- Golf: 650 Atommüll-Fässer.
  8. Techenij - Golf: In seinen Gewässern liegt ein atomarer Reaktor (ohne Brennstoff) auf Grund.
  9. Offenes Meer: 400 bzw. 250 Fässer mit Atommüll.
  10. Offenes Meer: 400 bzw. 250 Fässer mit Atommüll.
  11. Die Inselspitze »Suchoj Nos«: Hier fanden die heftigsten Atomtest-Explosionen statt.
  12. Matochkin Tschar: Hier fanden in Stollen die vorerst letzten Atomversuche statt.
  13. Meerbusen Tschernaja: Hier fanden der erste Unterwasser-, die ersten überirdischen und die ersten unterirdischen Versuche statt. Hier liegt das Schiff »Kit« auf Grund, wahrscheinlich auch das Atom-U-Boot »Komsomolez«.             
  14. Geplanter Entsorgungspark.
  15. Südwestlicher Bereich der Insel: Hier will Rußland seine Atomwaffenversuche wieder aufnehmen.

Privates Foto von Alla Jaroschinskaja 

 

 

 

 

 


VON: BERNHARD CLASEN






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