Deutscher Atommüll in Russland


Bildmontage: HF

18.09.11
UmweltUmwelt, Internationales, Bewegungen, TopNews 

 

von Bernhard Clasen

Deutsch-russische Öko-Delegation meets Urenco

Eine gemeinsame Delegation von deutschen und russischen Umweltschützern sprach am vergangenen Samstag im nordrhein-westfälischen Gronau zwei Stunden mit dem Chef von Urenco Deutschland, Joachim Ohnemus.

Die Urenco ist die einzige Firma in Deutschland, die Uran anreichert. TeilnehmerInnen der Umweltdelegation waren Natalja Mironowa (Tscheljabinsk), Andrej Talavlin (Tscheljabinsk), Raschid Alimow (St. Petersburg), Marita Wagner (Gronau), Udo Buchholz (Gronau) und Bernhard Clasen (Mönchengladbach).

Über 20 Tausend Tonnen abgereicherten Urans hatte die im nordrhein-westfälischen Gronau angesiedelte Firma Urenco zwischen 1996 und 2009 nach Russland transportiert. Dort lagert es in vier Städten unter freiem Himmel. Im Mai hatte die Angarsker Journalistin Swetlana Slobina bei ihrem Besuch in Gronau berichtet, ihr lägen Berichte vor, dass jedes Jahr zwischen 100 und 150 der aus Deutschland in ihre Heimatstadt Angarsk angelieferten Fässer rissig würden.  Allzugerne hätte die Journalistin auch der Gronauer Urenco hiervon berichtet. Doch dort hatte man keine Zeit für sie.

Offensichtlich wollte man sich bei Urenco nicht wieder nachsagen lassen, dass man einem Kontakt mit deutschen und russischen Umweltschützern aus dem Weg gehe.  Und so kam es zu der Begegnung am 17. September.

„Jedes Jahr berichtet die russische Aufsichtsbehörde `Rostechnadsor´ von gravierenden Problemen bei der Lagerung des aus Deutschland angelieferten Urans“
erklärt Raschid Alimow seinem Gegenüber von der Urenco. Diese Behörde, vergleichbar dem deutschen TÜV, wiederhole seit 2003 jedes Jahr in ihren Jahresberichten, dass die Lagerung des abgereicherten Urans nicht den Sicherheitsvorschriften entspreche.

Doch beeindrucken konnte der russische Umweltschützer seinen Gesprächspartner Joachim Ohnemus, dem diese Information neu ist, damit nicht.  Man habe von der russischen Seite schriftliche Zusicherungen, dass das aus Deutschland nach Russland gelieferte abgereicherte Uran entsprechend der Sicherheitsbestimmungen gelagert werde, erwiderte Ohnemus. Der Transport von abgereichertem Uran nach Russland habe erst vertraglich geregelt werden können, nachdem alle vier beteiligten Staaten, Deutschland, die Niederlande, Großbritannien und Russland ihre Zustimmung erteilt und erklärt hätten, dass die Lagerung des abgereicherten Urans vor Ort sicher sei. Außerdem habe er sich selbst vor Ort, in Angarsk und Nowouralsk, ein Bild von der Lagerung dieser Behälter machen und sich davon überzeugen können, dass diese sicher gelagert seien, so Ohnemus.

So einen offenen Umgang habe er bei seinem Besuch in Angarsk aber nicht erfahren, widerspricht Raschid Alimow. Auch er habe sich in der Atomfabrik in Angarsk, die abgereichertes Uran aus Deutschland lagere, aufgehalten. Doch man habe ihm keine Möglichkeit gegeben, die Behälter aus der Nähe anzusehen. Schon beim Betreten des Geländes habe er sein Meßgerät abgeben müssen.

Überhaupt, so der Urenco-Chef, wenn er der Gruppe einen Rat geben dürfe: wäre es nicht sinnvoller, wenn sich die Umweltschützer erst einmal um die Altlasten des Kalten Krieges kümmerten. Dieses Feld zu bearbeiten wäre doch weitaus wichtiger als die sicheren Urenco-Behälter.

Wirklich verstehen kann der Geschäftsführer der Urenco Deutschland GmbH  die Befürchtungen der deutschen und russischen Umweltschützer nicht. Der Gesetzgeber habe die Urenco nicht in seinem Atomausstiegsbeschluss erwähnt. Und das mit gutem Grund, so Ohnemus. Schließlich sei das Risikopotential einer Urananreicherungsanlage mit dem Risiko eines Atomkraftwerkes nicht vergleichbar.

Könne er sich vorstellen, wollte Raschid Alimow wissen, dass die inzwischen abgelaufenen Verträge zur Lieferung von abgereichertem Uran nach Russland wieder neu aufgelegt werden. Vorstellbar sei das schon, erwiderte Joachim Ohnemus, ohne lange zu überlegen. Sehr wahrscheinlich sei das jedoch nicht.

Als sich am Abend in Gronau die Umweltschützer aus Deutschland und Russland zusammensetzen, ist allen klar, dass die gemeinsame Zusammenarbeit verstärkt werden müsse. „Die Atomwirtschaft arbeitet doch auch schon lange international eng zusammen, wir Atomkraftgegner müssen das auch machen“ erklärt die Tscheljabinskerin Natalja Mironowa unter dem Beifall der ZuhörerInnen.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Russland seien größer als die Unterschiede. Beide Anti-Atom-Bewegungen hätten das gleiche Ziel, nämlich den völligen und unumkehrbaren Ausstieg aus der Atomenergie.

Und in beiden Ländern lege die Atomwirtschaft eine ähnliche Verantwortungslosigkeit an den Tag. Die Verantwortungslosigkeit, die sie bei der deutschen Atomwirtschaft erlebt habe, erinnere sie sehr an die Verantwortungslosigkeit der russischen Atommanager. Es könne doch nicht sein, dass die Verantwortung für ein produziertes Material bereits an den Werkstoren von Urenco ende, schimpft sie. In Deutschland habe ihr ein Atommanager gesagt: kümmert euch doch erst mal um eure Altlasten. In Russland höre sie von ihren Atommanagern: „eure Gegend ist doch jetzt schon radioaktiv verstrahlt. Da ist es nicht so entscheidend, wenn noch eine weitere Belastung hinzukommt.“.

Geradezu verlogen sei es von Deutschland, in aller Welt zu verkünden, dass man aus der Atomenergie aussteigen wolle und gleichzeitig die Ausbaumaßnahmen in der Urananreicherungsfabrik in Gronau vornehme. „Macht den Ausstieg komplett, schließt die Urananreicherungsanlage!“ ruft sie den Teilnehmern der abendlichen Informationsveranstaltung in Gronau zu.

Für den St. Petersburger Raschid Alimow ist eine mögliche Wiederaufnahme von Atomtransporten ein Ergebnis des Gespräches mit Urenco. „Wir werden unsere Proteste gegen Atomtransporte wieder aufnehmen“ berichtet er. Man müsse jetzt schon prophylaktisch gegen die möglicherweise erneut einsetzenden deutschen Atomtransporte  kämpfen. Raschid Alimow hält es nicht für ausgeschlossen, dass deutscher Atommüll auch über Frankreich oder Großbritannien nach Russland gelange. Er zitiert einen Sprecher der Stadt St. Petersburg, der im Frühjahr über den zeitweise vereisten Hafen geklagt habe.

Sogar ein britisches Schiff mit radioaktivem Material sei dabei im Eis stecken geblieben, habe der Beamte gesagt. Doch nachdem sich die Behörden einmal verplappert hatten, wollten sie ihren Fehler nicht mehr wiederholen. Alle weiteren Versuche der St. Petersburger Umweltschützer, etwas über das Schiff mit der radioaktiven Ladung aus Großbritannien in Erfahrung zu bringen, blieben im Eis stecken.

Die russischen Atomkraftgegnerinnen machten auch darauf aufmerksam, dass es nicht sein könne, dass Deutschland zwar aus der Atomenergie aussteige, gleichzeitig aber russischen Atomstrom beziehe.
Vor den Toren von St. Petersburg habe bereits der Bau von zwei weiteren Kraftwerksblöcken begonnen, auch in Kaliningrad ist ein Atomkraftwerk geplant.
Diese neuen Atomkraftwerke dienten eindeutig dem Export von Strom.
Hier schließe sich der Kreis mit dem Atommüllexport. „Ihr bekommt den Strom und wir bleiben auf dem Müll sitzen“ so Natalja Mironowa.

Foto: aaa-West


http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/urenco-auszeichnung.html

 


VON: BERNHARD CLASEN






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