Atomstadt Angarsk


Karl-Marx-Prospekt in Angarsk


Lenin-Straße. Im Hintergrund die „Angarsker Tore“

21.02.11
UmweltUmwelt, Internationales, Bewegungen, NRW, TopNews 

 

Von Bernhard Clasen

In Mönchengladbach hat sich ein breiter Kreis von Organisationen zusammengefunden, die anlässlich des 25. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten. Das Spektrum ist sehr breit, in ihm wirken der Kreisverband der CDU genauso mit, wie Greenpeace, die Kirchen und die LINKE.

Die Veranstaltungen haben einen ersten Höhepunkt am 25. April um 23.23 Uhr. Zur Erinnerung: die Reaktorkatastrophe ereignete sich am 26. April 1986 um 1.23 Uhr Ortszeit. Und da uns Tschernobyl damals zwei Stunden voraus war, ist die eigentliche Gedenkminute in Mönchengladbach bereits am 25. April um 23.23 Uhr.

Gleichzeitig haben sich alle Gruppen darauf geeinigt, gemeinsam im Rahmen der Tschernobyl-Gedenk-Aktionswoche eine Städtepartnerschaft mit der russischen, am Baikal-See gelegenen, Stadt Angarsk zu fordern.

Bereits heute verbindet das sibirische Angarsk und Nordrhein-Westfalen sehr viel. Tausende Tonnen von ab­gereichertem Atommüll, Uranhexafluorid (UF6), aus dem idyllischen nordrhein-westfälischen Städtchen Gronau, wurden in den vergangenen Jahren von Nordrhein-Westfalen direkt in das am Baikalsee gelegene Städtchen Angarsk gebracht, wo er in rostenden Fässern unter offenem Himmel die Gesundheit der Bevölkerung, vor allem der Kinder, bedroht. Dieser abgereicherte Atommüll ist auch chemisch gefährlich. Bei Kontakt mit Wasser oder Luftfeuchtigkeit setzt das UF6 Flusssäure frei, die lebensgefährliche Ver­ätzungen verursachen kann.

Es ist sehr unbefriedigend, dass das einzige, was uns Nordrhein-Westfalen mit Angarsk verbindet, der nordrhein-westfälische Atommüll ist, der in Angarsk lagert. Wir sollten auch den Kontakt der Menschen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Bevölkerung am Baikal-See nicht zu kurz kommen lassen.

Auch in Angarsk ist man sehr an einer Städtepartnerschaft mit Mönchengladbach interessiert. Neben der Journalistin Swetlana Slobina, die für die Angarsker Stadtzeitung „Vremja“ arbeitet, setzt sich auch der Photojournalist Nikolaj Sternin für diese Partnerschaft ein, beliefert die Mönchengladbacher mit seinen hervorragenden Photos.

Angarsk

Die 1945 gegründete Stadt ist mit 240 Tausend Einwohnern ungefähr so groß wie Mönchengladbach. Sie gilt als die Stadt mit dem höchsten Lebensstandard in Sibirien. Bedingt durch die starke Luftverschmutzung und andere Umweltbelastungen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen 3 – 5 Jahre unter dem russlandweiten Durchschnitt, der unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 56 und 60 Jahren liegt.

Neben verschiedenen Petrochemie-Werken und Maschinenbaufabriken verfügt die Stadt über eine Wiederaufbereitungsanlage von Uran und lagert Atommüll, u.a. auch aus Deutschland.

Seit 1957 produziert das Angarsker „Chemisch-Elektrolytische Kombinat“ Uran-235 für Atomkraftwerke. In Rekordzeit hatte die Sowjetunion die Stadt zu einem wichtigen Pfeiler der sog. friedlichen und der militärischen Atomwirtschaft gemacht. Wie hoch die Kosten waren, die die Bevölkerung mit ihrer Gesundheit bezahlen musste, darüber findet sich nichts in den offiziellen Schriften. Derzeit sind noch 4200 Personen in dieser Fabrik beschäftigt.

Seit 2007 findet sich in der Stadt das „Internationale Zentrum zur Urananreicherung“. Aufgabe dieses Zentrums ist es, Atommüll zu lagern und wiederaufzubereiten. In diesem Programm spielt aus dem Ausland importierter Atommüll eine zentrale Rolle.

Anfang 2010 hatten Russland und die internationale Atomenergiebehörde IAEO den Bau einer „Internationalen Atombrennstoffbank“ in der Stadt vereinbart. Dies bedeutet, dass in Zukunft noch mehr Atommüll aus aller Herren Länder im Bereich der Stadt gelagert und wiederaufbereitet werden wird. Russland plant, von Angarsk aus mehrere Länder mit Atombrennstoff zu beliefern.

Umweltschützer aus dem nahe gelegenen Irkutsk und Angarsk und Organisationen wie Greenpeace sind immer wieder Sturm gelaufen gegen die Pläne von russischer und internationaler Atomwirtschaft, die Stadt am Bajkalsee zu einem Zentrum der internationalen Atomwirtschaft zu machen.

Bernhard Clasen

 

 

Quelle der Photos: Nikolaj Sternin (Angarsk)







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