Atommüll, Urananreicherung und die Anti-Atom-Bewegung im Gebiet Irkutsk

21.10.12
UmweltUmwelt, Bewegungen, Internationales, TopNews 

 

von Bernhard Clasen

Sibirische Atomkraftgegnerin Swetlana Slobina auf Deutschland-Besuch
 
Anlässlich der Herbstkonferenz der Anti-Atom- kraft Bewegung in Berlin und auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung besucht die aus Angarsk am Baikalsee stammende Angarsker Journalistin Swetlana Slobina in der letzten Oktober-Woche Deutschland, wo sie in Berlin, Gronau und Mönchengladbach sprechen wird.  Mit im Gepäck ihr Vortrag, den sie auszugsweise im Folgenden vorstellt.

Der russische Atomkonzern „Rosatom“ verfügt über vier Urananreicherungsanlagen. Diese befinden sich sämtlich hinter dem Ural: in Nowouralsk im „Elektrochemischen Kombinat“, in Sewersk bei Tomsk im „Sibirischen Kombinat“, in Selenogorsk (Gebiet Krasnojarsk)  im „Elektrochemischen Werk“ und im „Angarsker Chemischen Elektrolyse-Kombinat“ im Gebiet Irkutsk.
Und nur diese Fabrik befindet sich in einer offenen Stadt. Die anderen drei Urananreicherungsanlagen sind in geschlossenen Städten. Und dies ist auch der Grund, warum 2006 die Entscheidung getroffen wurde, in Angarsk auf dem Gelände des „Angarsker Chemischen Elektrolyse Kombinats“ das „Internationale Zentrum für Urananreicherung“ anzusiedeln. In der Folge entstand in Angarsk und dem Gebiet Irkutsk eine Antiatomkraftbewegung.

Um die Jahreswende 2006 / 2007 organisierte die in Irkutsk angesiedelte Gruppe „Ökologische Baikal-Welle“ die ersten Anti-Atomaktionen. Gleichzeitig erfuhren wir in dieser Zeit von der internationalen Umweltorganisation „Ecodefense“, dass bereits seit 1996 in alle vier Urananreicherungsanlagen aus dem Ausland abgereichertes Uran, Uranhexafluorid, angeliefert worden war.

Die für diese Transporte verantwortlichen Firmen waren „Urenco“ (Deutschland) und 'Areva' (Frankreich).  Um auf die internationale Dimension der Atommülltransporte aufmerksam zu machen organisierten im Sommer 2007 die Umweltgruppen „Ecodefense“ und „Ökologische Baikalwelle“ ein ökologisches Camp. Mit diesem Camp wollte man die Bevölkerung über die Gefahren von Atomtransporten aufmerksam machen. Zusätzlich hatten Anarchisten ein weiteres  Protestcamp organisiert.

Dieses Camp endete mit einer Tragödie. Das Lager der Anarchisten war überfallen worden. Bei diesem Überfall kam ein Camp-Bewohner ums Leben. Unter den Angreifern befand sich auch der Sohn der Co-Vorsitzenden der „Ökologischen Baikalwelle“, Marina Richwanowa. Davon wurde in den Medien breit berichtet. Die Ermittlungsbehörden interessierten sich nicht für die Hintermänner der Tat. Der Umstand, dass auch der Sohn der Leiterin der „Ökologischen Baikalwelle“ unter den Angreifern war, erschien vielen Beobachtern kein Zufall zu sein. Offensichtlich wollte man die Proteste gegen das Internationale Zentrum für Urananreicherung unterbinden.

Trotz der Aktionen der Umweltschützer vor Ort wurde das Internationale Zentrum für Urananreicherung 2008 eröffnet. Auf dem Gebiet dieses Zentrums befindet sich ständig atomarer Brennstoff für den Betrieb von zwei Atomreaktoren. Dieser Brennstoff ist für Länder vorgesehen, die zwar eigene AKWs, aber nicht die Technik für die Trennprozesse des Urans haben. Die ständige Lagerung dieses atomaren Brennstoffes ist eine weitere ökologische Bedrohung. Hatte der Brennstoff bisher nach der Produktion das Werk verlassen, befindet sich nun ständig atomarer Brennstoff, unter Anwesenheit der IAEO, im Werk.

Trotzdem: wir Umweltschützer haben auch Erfolge gehabt: Rosatom hat den Vertrag mit Urenco zur Einfuhr von abgereichertem Uran zur weiteren Anreicherung nicht verlängert. 2009 wurden diese Transporte eingestellt.

Und was wird nun mit dem angelieferten Uranhexafluorid an diesen vier Urananreicherungsstätten gemacht? Dieses abgereicherte Uran wird unter freiem Himmel gelagert. Uranhexafluorid ist auch chemisch gefährlich. Bedingt durch seine Instabilität wandelt es sich bereits bei 56 Grad in einen gasförmigen Zustand um. Und gerät es dann mit Wasser in Verbindung, entsteht hierbei die hochgifte Flusssäure.

In Nowouralsk wird das abgereicherte Uranhexafluorid bei der Umwandlung von hoch angereichertem Uran in niedrig angereichertes Uran eingesetzt. In Selenogorsk findet eine französische Technik Einsatz, mit deren Hilfe Hexafluorid in ein niederwertiges Uranoxid umgewandelt, das stabiler ist als das ursprüngliche Uranhexafluorid.

In Angarsk nehmen die gelagerten Mengen abgereicherten Urans immer weiter zu. 2007 hatte „Rosatom“ angekündigt, man werde eine experimentelle Einrichtung „Kedr“ anfahren lassen, die eine Umwandlung in Tetrafluorid ermögliche. Doch bis heute wurde nur eine Wirtschaftlichkeitsberechnung der Anlage vorgenommen, die Anlage selbst nicht eingerichtet.

Swetlana Slobina - Aus dem Russischen: Bernhard Clasen


Swetlana Slobina wird in Berlin, Gronau und Mönchengladbach sprechen:
26. – 28. Oktober in Berlin
http://www.anti-atom-konferenz.org/de

29. Oktober in Gronau:
http://www.rosalux.de/event/47111/widerstand-gegen-atomanlagen-in-russland-und-belaruselarus.html

31. Oktober in Mönchengladbach

http://www.rosalux.de/event/47112/widerstand-gegen-atomanlagen-in-russland-und-belaruselarus-1.html

 

 


VON: BERNHARD CLASEN






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