Waldsterben: Der erfolgreiche Streit für saubere Luft und ökologischen Fortschritt


BUND

02.05.11
UmweltUmwelt, News 

 

von Bund für Umwelt und Naturschutz

Das Jahr 2011 ist das Internationale Jahr der Wälder.Grund genug, einmal 30 Jahre zurück zu blicken. Das Thema Waldsterben und die massive Luft- und Umweltverschmutzung haben damals die Menschen und Medien bundesweit beschäftigt. Im Rückblick lässt sich sagen, dass der Streit für den Wald, für saubere Luft und eine bessere Umwelt eine Erfolgsgeschichte war.

Die zunehmenden sichtbaren Waldschäden, führten ab dem Jahr 1975 zu vielfältigen Medienberichten, zu Aktionen und Demonstrationen gegen das Waldsterben und für saubere Luft. Die bundesweite Debatte um das Waldsterben verstärkte sich insbesondere um das Jahr 1983.
Auch in Südbaden gab es große Demonstrationen und Aktionen für saubere Luft und gegen umweltgefährdende Industrien und Luftverschmutzer.

Mit über dreißig Jahren Abstand wird von interessierten Kreisen gerne die Frage gestellt, ob so ein Plakat und die ganze Bewegung gegen das Waldsterben eventuell zu "heftig und undifferenziert" waren.

Diese Frage wird insbesondere von den organisierten Klimawandelleugnern und Industrielobbyisten aufgeworfen. vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/klimawandelleugner.html

Doch sowohl das Plakat als auch die Aktionen der Umweltbewegung in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts müssen vor dem geschichtlichen und umweltpolitischen Hintergrund der damaligen Zeit gesehen werden.

Damals wie heute gab es einflussreiche und mächtige Interessengruppen, die für die uneingeschränkte "Freiheit der Industrie" stritten Gewinne zu machen, ohne Rücksicht auf Mensch, Natur und Umwelt nehmen zu müssen. Wenn sich diese Konzerninteressen damals durchgesetzt hätten, wären wir heute immer noch in der umweltpolitischen Steinzeit.

Die erkennbaren Symptome der Waldschäden nahmen damals zu, Kinder in der Nähe von Großverbrennungsanlagen litten an Pseudokrupp, in der Nähe von deutschen Bleichemiewerken starben Kühe an Bleivergiftung, Kläranlagen waren selten und viele Bäche und Flüsse Kloaken, die Schweiz versenkte ihren Atommüll im Meer, wo auch Gifte und Dünnsäure "verklappt" wurden und Müllverbrennungsanlagen waren Gift- und Dioxinschleudern.

Es war die Zeit des schweren Chemieunfalls am 10. Juli 1976 in Seveso, am 3. Dezember 1984 kam es im indischen Bhopal zu einer verheerenden Chemiekatastrophe, am 1. November 1986 verseuchte ein Großbrand beim Chemiekonzern Sandoz in Basel den Rhein und am 26. April 1986 gab es im Atomkraftwerk Tschernobyl die Reaktorkatastrophe...

Ist die Bewegung gegen das Waldsterben und für die Umwelt damals "zu weit gegangen"? Wolf Biermann antwortete einmal auf die Frage, ob er, Biermann, da nicht ein bisschen zu weit gehe mit einem Lied, und seine Antwort lässt sich auch auf die Umweltbewegung übertragen:

"Mein Lieber, das kommt von der Arbeitsteilung. Der Eine schweigt, und der Andere schreit. Wenn solche wie Du entschieden zu kurz gehen, dann gehen eben andere ein bisschen zu weit!"

Wolf Biermann: Ballade für einen wirklich tief besorgten Freund

Die Proteste und Aktionen gegen das Waldsterben und für saubere Luft, Flüsse und eine menschengerechte Umwelt führten mittel- und langfristig zu einer massiven Verbesserung der Luftqualität und zu einer Zunahme des Umweltbewusstseins. Gesetze wurden auf Druck der Umweltbewegung und gegen die Lobbyisten verschärft, der PKW-Katalysator wurde eingeführt, verbleites Benzin wurde verboten, Kraftwerke und Industrieanlagen wurden entstickt, entschwefelt und zum Teil technisch auch sicherer.

Auch die Düngung mancher Wälder ist ein Ergebnis der Debatte. Eine von vielen Ursachen der Walderkrankungen war der Ausstoß von Schwefeldioxid und der damit verbundene saure Regen. Hier brachte der Protest die größten Erfolge. "So konnten zum Beispiel alleine in Baden-Württemberg die SO2-Emissionen von 334.200 Tonnen 1973 auf 58.800 Tonnen 1995 reduziert werden, was einem Rückgang um über 80 % entspricht." schreibt die LUBW Baden-Württemberg
www.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/41578/05_luft.pdf?command=downloadContent&filename=05_luft.pdf.
"In den alten Bundesländern lagen schon im Jahr 1994 die SO2-Emissionen um 76% unter dem Niveau des Jahres 1970." schreibt das Umweltbundesamt in den "Daten zur Umwelt" 1997.

Ob das "angekündigte aber ausgebliebene" Waldsterben wegen der Verbesserung der Luftqualität, wegen der Düngung der Wälder, wegen der schnellen Fällung kranker Bäume oder wegen veränderter klimatischer Verhältnisse nicht stattfand, wird von der Forstwissenschaft immer noch kontrovers diskutiert.

Der BUND-Spezialist Gottfried May-Stürmer sagt: "Bei der Weißtanne ist der Fall relativ klar: Diese Art ist sehr empfindlich gegenüber Schwefeldioxid. Die Schwefeldioxid-Konzentrationen in der Luft wurden, vor allem durch die Großfeuerungsanlagen-Verordnung, seit 1980 gewaltig reduziert. Die Abgas-Grenzwerte für KFZ wurden verschärft (Einführung des 3-Wege-Katalysators) und dazu kam noch die Begrenzung des Schwefel-Gehalts in Brennstoffen. Gerade diese Maßnahmen wurden von der Industrie in den frühen 80er Jahren massiv bekämpft und der Untergang der abendländischen Marktwirtschaft bei ihrer Einführung prophezeit. Dass die Tanne sich nicht nur als Art, sondern auch in einzelnen Individuen deutlich erholt hat, gibt Hoffnung und zeigt, dass sich der Einsatz für Luftreinhaltung gelohnt hat. Ich erinnere mich daran, wie viele Kinder noch 1985 in Heilbronn unter Pseudokrupp und anderen Atemproblemen gelitten haben, bevor das EVS-Kohlekraftwerk entschwefelt wurde. Bei den Laubbäumen andererseits gibt es noch keine Entwarnung. Trotz einer geringen Erholung in den letzten Jahren - möglicherweise witterungsbedingt - ist der Zustand von Eichen und Buchen heute insgesamt deutlich schlechter als auf dem Höhepunkt der Diskussion ums Waldsterben. Ihre Schäden sind nur nicht so leicht zu erkennen wie die von Tannen und Fichten." (Zitatende)

Weitere Kollateralerfolge der Debatte und Aktionen um das Waldsterben und des geschärften Umweltbewusstseins waren regional die Einführung der preisgünstigen Regiokarte in und um Freiburg und der Ausbau des ÖPNV. Bundesweit und global kam nach massiven Protesten das Verbot von FCKW (und damit die Rettung der Ozonschicht) und die Verbesserung der Luftreinhaltung bei Industrieanlagen und Müllverbrennungsanlagen. Gesundheitsgefährdende Dioxinemissionen gingen zurück. Die bessere Luftqualität und die massive Verringerung von Schwefeldioxid und des sauren Regens ist auch ein Segen für Baudenkmäler.

Menschen in Ländern, in denen es diesen lauten Streit um Umwelt und Zukunft nicht gab, leiden teilweise immer noch unter starken Umweltbelastungen. Dies gilt insbesondere für die Metastasen unseres Raubbau- und Industriesystems, beispielsweise in Indien und China. Dort gibt es noch Umwelt- und Naturzerstörung wie in Deutschland in den so genannten Aufbaujahren, und eine sich erst langsam entwickelnde Umweltbewegung.

Die Waldsterbensdebatte, die Flugblätter, Plakate, Demos und Aktionen haben den ökologischen Fortschritt beschleunigt und die Lebensqualität erhöht.

Die Zeit der "guten, alten,“ offenen, sichtbaren Umweltverschmutzung ist in Deutschland (hoffentlich) vorbei, auch wenn es gerade in Sachen Klimawandel, Gentechnik und Atomausstieg noch viel zu tun gibt. Die aktuellen, großen Herausforderungen für den BUND und die Umweltbewegung sind die Fragen des Klimawandels, die bedrohte Biodiversität, die Endlichkeit der atomar-fossilen Energieressourcen und Rohstoffe, die Bedrohung des Weltfriedens durch die Verbreitung von Bio- und Atomkraftwaffen, die zunehmend demokratiegefährdende Macht der Konzerne, Fragen der globalen Gerechtigkeit, Innenweltverschmutzung und die Beantwortung der Frage, wie sich nach dem jetzigen Zeitalter der Habgier und des Raubbaus mit einem massiv verringerten Input an Energie, Rohstoffen und Arbeitszeit ein gutes Leben führen lässt.

http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/waldsterben.html

 


VON: BUND






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