CHRONOLOGIE : Grenzenlos erfolgreiche Umweltschützer
Wenn die Veteranen der Umweltschutzbewegung von "Marckolsheim" und vor allem "Wyhl" sprechen, bekommen sie leuchtende Augen: Diese Ortsnamen sind für sie untrennbar mit Ereignissen verbunden, die aus heutiger Sicht das Prädikat "geschichtlich" verdienen.
In Marckolsheim und Wyhl schlug eine Geburtsstunde der internationalen Umweltbewegung . Denn vor 35 Jahren war ein großer Tag für die Umweltschützer aus dem Elsass und Baden: Am 25. Februar 1975 reagierte die französische Regierung auf den monatelangen Protest gegen die Die Chemischen Werke München mussten sich nach einem anderen Standort umsehen. Die Gegner des Bleichemiewerks feierten den Erfolg – Ausdruck der Einmütigkeit auf beiden Rheinseiten.
Die Bauplatzbesetzung von Marckolsheim hat durchaus historische Dimensionen: Sie gilt als weltweit erster erfolgreicher Bürgerprotest gegen ein industrielles Großprojekt. Auch brachte sie die Elsässer und Badener näher zusammen – ein Meilenstein nach dem 2. Weltkrieg auf dem Weg zur Völkerfreundschaft. Ganz wichtig dafür: Das Alemannische bildete eine sprachliche Brücke, ein gemeinsames Heimat- und Kulturgefühl wuchs. Und weil sich die Menschen vom Kaiserstuhl mit den Marckolsheimern und Mackenheimern solidarisierten, unterstützten die Elsässer auch den Protest auf der anderen Rheinseite gegen das im Wyhler Rheinwald geplante Atomkraftwerk. Mächtigster Ausdruck des Protests dagegen: Am 23. Februar 1973, also auch vor fast genau 35 Jahren, demonstrierten 28 000 Menschen an der Natorampe am Rhein bei Wyhl friedlich gegen Reaktoren in der Natur und vor allem gegen die wenige Tage zuvor erfolgte Zwangsräumung des Bauplatzes durch Hunderte von Polizisten und Wasserwerfer. "Nai hämmer gsait" ist seitdem am Oberrhein zum geflügelten Wort geworden.
Auch dieser Protest von unten hatte Erfolg: Ministerpräsident Späth erklärte 1983, der Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl sei nicht nötig. Die Pläne der Kernkraftwerk Süd landeten in der Schublade; Das bereits für Wyhl gefertigte Reaktordruckgefäß wurde im Atomkraftwerk Philippsburg bei Karlsruhe eingesetzt. Seitdem herrscht Ruhe im Rheinwald.
hat sich nun, 35 Jahre nach den Bauplatzbesetzungen von Marckolsheim und Wyhl, eine kleine Runde der damaligen Umweltaktivisten bei Meinrad Schwörer in Wyhl eingefunden. Die Stube ist gut holzbeheizt, seine Frau Ilse serviert warmen Apfelkuchen und einen "ganz speziellen Wyhler Apfelwii". Axel Mayer, heute BUND-Regionalgeschäftsführer, blickt nach draußen und sagt: "Genau s gliiche lidrige Wetter wie damals – es regnete und wir standen im knöcheltiefen Schlamm". Damals, das waren die Ereignisse aus dem Bauplatz in Marckolsheim. Umweltschützer hatten ihn im Winter 1974/75 besetzt – eine illegale Aktion, mit denen sie Neuland betraten und Behörden wie Politik in Aufregung versetzten.
Meinrad Schwörer erinnert daran, dass Wyhl wegen der vorherrschenden Westwinde vom Bleichemiewerk am meisten betroffen gewesen wäre. Die Münchner Firma habe sich das Elsass als Standort extra ausgesucht, weil in Frankreich die Emmissionsanforderungen und Umweltschutzauflagen nicht so streng wie in Deutschland waren.
Marie-Reine Haug, die damals im Kanton Marckolsheim lebte, gehört zu den elsässischen Umweltschützern der ersten Stunde. Sie erzählt, wie Solange Fernex, Präsidentin einer taufrischen französischen Naturschutzbewegung, auf dem besetzten Bauplatz von Marckolsheim das erste Zelt aufgestellt hatte. Viele weitere kamen dazu. Im "Frendschaftshuss" wurde auf alemannisch diskutiert, Liedermacher wie André Weckmann und Walter Mossmann sangen das Hohelied der Grenzüberwindung und weckten das Bewusstsein für die gemeinsame Geschichte des Volks am Oberrhein: "Wir halten hier gemeinsam eine andere Wacht am Rhein", textete Walter Mosmann. Mit seinen Versen "Drum hört den Apotheker, der laut und deutlich spricht: Es gibt für vieles Medizin – doch gegen Bleivergiftung nicht" war Hans-Erich Schött gemeint. Menschen wie er verliehen der damaligen Protestbewegung Seriosität. Natürlich waren auch "langhaarige Studenten" aus Freiburg und Straßburg auf dem Bauplatz, natürlich riefen auch Linke wie Balthasar Ehret zum Widerstand auf – doch es handelte sich keineswegs nur um "Radikalinskis", die in Marckolsheim vor den Gefahren einer bleiverseuchten Umgebung und in Wyhl vor dem unbeherrschbaren Atom warnten. Bauern und Winzer, Hausfrauen und evangelische Pfarrer – und eben auch Apotheker wie Hans-Erich Schött oder Tierärzte wie Léon Siegel aus Marckolsheim meldeten sich zu Wort und lernten zu demonstrieren. Schött weiß noch, wie er 1974 zur öffentlichen Anhörung über das geplante Bleichemiewerk nach Marckolsheim fuhr. "Da wurde uns bewusst, was auf uns zukommt".
und vor allem in Marckolsheim stieß das Bleichemiewerk nicht auf Gegenliebe. Der Beweis: Léon Siegel wurde zum Bürgermeister gewählt, die ganze Protestgruppe gelangte bei den Kommunalwahlen in den Gemeinderat. Doch der Erfolg des Protestes gegen die Ansiedlung eines deutschen Unternehmens stand nicht von Anfang an fest. Der Protest entwickelte sich eher zögerlich. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Schött, wie er 1975 eine "Schlepperdemo" organisiert hat. Doch trotz aller Unsicherheiten sei die Linie klar gewesen: "Wir haben treu zu euch Elsässern gehalten, deswegen kamt ihr dann auch nach Wyhl" wendet er sich an Marie-Reine Haug. Ja, so war’s, antwortet sie und weist darauf hin, dass dieser Protest auch für die elsässische Landbevölkerung etwas ganz Neues bedeutet habe: "Es isch nit aifach gsi, Buure un Schdudende zamme z’bringe". Doch die Protestbasis verbreitete sich kontinuierlich; sogar der Straßburger Bischof hielt eine Mitternachtsmesse, erinnert sie sich.
Axel Mayer, der als damals 19-Jähriger "mit der Vespa zur Demo nach Breisach" fuhr, weist auf ein aus seiner Sicht entscheidendes Erfolgsrezept hin: Gewaltfreiheit sei bei allen Protestformen in Marckolsheim und Wyhl ganz wichtig gewesen. Und in jenen Jahren habe sich gezeigt, welche Kraft und Vielseitigkeit die alemannische Kultur habe. Davon könne man heute nur träumen, sagt Axel Mayer: "Marckolsheim und Wyhl waren Blütezeiten des Alemannischen". Im hölzernen Freundschaftshaus bot die "Volkshochschule Wyhler Wald" sogar Kurse in der "Heimetsproch" an – manches Nordlicht, mancher Studierte lernte dazu.
"Marckolsheim und Wyhl waren mitentscheidend, dass sich in Europa ein neues Umweltbewusstsein entwickelt hat" Hans-Erich Schött
Einigkeit in der Sache, keine Verständigungsprobleme: Die Natur- und Umweltschützer von beiden Seiten des Rheins kamen sich in jenen Jahren näher, die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen entstanden. Heute sind sie allerdings zu überwiegend grauhaarigen "Papiertigern" geworden und mobilisieren von Fall zu Fall eher die Medien denn die Massen: Diese grenzenlosen Erfolge liegen lange zurück, ständiges ehrenamtliches Engagement zehrt an den Kräften. Doch wenn es nötig sei, lasse sich "die Bewegung" mobilisieren, erklärt Mayer mit Verweis auf die jüngste Demo in Colmar.
Meinrad Schwörer witzelt: "In Wyhl haben wir damals drei Gegner gehabt – die Landesregierung, die Energiewirtschaft und die roten Fahnen". Letzteres meint: Da der Kaiserstuhl in den 70er-Jahren überwiegend konservativ eingestellt war, verfing der politische Hinweis auf "die Kommunisten" durchaus und konnte die Protestbewegung schwächen.
Wie sieht es jetzt aus, 35 Jahre danach? Das Umweltbewusstsein ist ein stabiler Faktor – auch im Elsass. Nicht nur in Südbaden, auch auf elsässischer Seite nimmt die Skepsis gegen Atomkraft zu, weiß Marie-Reine Haug. Freundschaften halten seit Jahrzehnten. Das Vertrauen zwischen Deutschen und Franzosen, Badenern und Elsässern ist groß. Und, fast ein Symbol: Der einstige Bauplatz im Wyhler Wald ist seit Jahren Naturschutzgebiet.
Autor: tru
Mehr Infos: http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/europawahl-bauplatzbesetzung-marckolsheim.html