Als der Bach meiner Kindheit starb.


Bildmontage: HF

03.12.17
UmweltUmwelt, Debatte, Ökologiedebatte, Bayern 

 

Von Heinz Michael Vilsmeier

An dem Haus meiner Eltern, wo ich aufgewachsen bin, fließt ein Bach vorbei. In meiner Kindheit lebten darin Krebse, Flussmuscheln, zahlreiche Fischarten und natürlich Frösche, die dort ihren Froschlaich ablegten. Über dem geschwätzigen Wasser summte die Luft vom Flügelschlag unzähliger Insekten. Nicht nur für uns Kinder war dieser Bach ein Paradies. – Wenn ich heute meine kleine Tochter und ihre Freunde am Ufer dieses Baches spielen sehe, muss ich daran denken, wie das Leben daraus verschwand.

In den 60er Jahren wurde in Niederbayern die Landwirtschaft umgestellt. Die Umstellung ging einher mit der „Bereinigung“ der Flure. So nannte man die Zusammenlegung der kleinen Felder, die Beseitigung von Ackerrainen und die Trockenlegung feuchter Wiesen. Durch diese Eingriffe veränderten sich die Landschaft und mit ihr auch die Gewässer. Eigentlich veränderte sich alles: die Hühner, Schweine und Kühe verschwanden allmählich von den Wiesen und aus den Viereckhöfen der Bauern. Die Tiere wurden in Ställe gesperrt, die nicht mehr aussahen wie Ställe, sondern eher wie Fabrikgebäude. Sie dienten nicht mehr dem Schutz der Tiere vor der Witterung, sondern dazu, ihnen die Bewegungsfreiheit zu entziehen. – Ich kann nur spekulieren, wovon die Erfinder der Massentierhaltung sich inspirieren haben lassen aber die Bezeichnung „Tier-KZs“ für Gebäude, die für diese Tierhaltung erforderlich sind, lässt tief blicken.

Die Sprache zeugt von den Veränderungen in der Landwirtschaft und natürlich verrät sie auch das veränderte Denken der Bauern: Die Sprache der Bauern erzählt von der „Produktion“ von Fleisch, Milch, Futter, Getreide und ähnlichen Dingen. Sie erzählt von der Optimierung von Abläufen, Effizienz- und Produktivitätssteigerungen, nicht mehr von Tieren und deren artgerechter Haltung und Fütterung. Lebewesen sind in der modernen Landwirtschaft nur noch Produktionsmittel. In ihrem verkürzten Dasein sehen sie nichts als Käfige und Gitter. Die Bauern pferchen abertausende von Hühnern, Schweinen und Kühen in Produktionshallen zusammen, wo sie in minimaler Zeit zur „Schlachtreife“ gebracht werden. In Folge der Massentierhaltung gelangen nicht nur Niederschläge ins Grundwasser, in Quellen, Bäche und Flüsse, es sind auch gigantische Mengen von Gülle, Düngemitteln, sog. Pflanzenschutzgifte und natürlich auch Pflanzenvernichtungsmittel wie Glyphosat.

Schon immer verwandelte heftiger Regen den Bach, der am Haus meiner Eltern vorbeifließt, in einen Wildwasserfluss. So auch in einem Jahr Mitte der 60er Jahre. Als es aufgehört hatte zu regnen und aus dem reißenden Fluss wieder jener kleine Asen Bach geworden war, war er nicht mehr jenes lebendige Gewässer von einst. Seit diesem Jahr in den 60ern ist mein Asen Bach tot. Die kleinteiligen Felder und Wiesen sind längst großen Flächen gewichen, die mit immer monströseren Maschinen bearbeitet werden, welche erforderlich sind, um Millionen Liter Gülle auszubringen und Gift zu versprühen.

Seit einigen Jahren versucht man, den Asen Bach, mit mäßigem bis gar keinem Erfolg, zu „renaturieren“. Das Wort „Renaturierung“ selbst ist schon ein Euphemismus. Man muss sich das so vorstellen: riesige Bagger schufen entlang des Baches Ausbuchtungen. – Diese Ausbuchtungen sollen bei Starkregen unter Wasser gesetzt werden und als Feuchtzonen Lebensraum für Insekten und andere Lebewesen bilden. – Das Problem ist nur, dass in diesen Feuchtzonen so gut wie nichts lebt. Selbst das „Grün“ in diesen Feuchtzonen lächelt einen stets merkwürdig braun an. – Wie sollte es auch anders sein, wo doch der Bach mit dem Regenwasser Gülle und die Gifte aus der Landwirtschaft anschwemmt?







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