Russische Umweltschützer: Plutoniumfabrik Majak verseucht weiter die Umwelt
31.12.11
Umwelt, Internationales
von Bernhard Clasen
Die Plutoniumfabrik „Majak“, 70 km von der russischen Großstadt Tscheljabinsk am Ural entfernt, leitet weiter radioaktiv verseuchte Abwässer in die Umwelt.
Der russische Atomkonzern Rosatom, der noch 2011 behauptet hatte, seit Mitte der 50er Jahre seien die Einleitungen von radioaktiven Abwässern der Plutoniumfabrik Majak gestoppt, lügt.
Zu dieser Einschätzung kommen die beiden russischen Umweltschützer Nadeschda Kutepowa und Wladimir Slivjak von der Umweltgruppe „Ecodefense“, die im Namen von 23 Bewohnern des Dorfes Musljumo in der verstrahlten Zone von Tscheljabinsk gegen die russische Regierung und den Konzern Rosatom klagen und den Bau eines Sarkophages um den Fluß Tetscha bei Tschelabinsk fordern.
Als Kläger in dem Verfahren erhielten sie Zugang zu einem bisher unbekannten Gerichtsentscheid von 2006. Am 11. Mai 2006 hatte das Bezirksgericht von Tscheljabinsk in einem Strafverfahren gegen den damaligen Chef der Plutoniumfabrik Majak, Vitalij Sadovnikov, nachgewiesen, dass Sadovnikov Gelder, die für den Schutz der Bevölkerung vor radioaktiver Verstrahlung bestimmt gewesen waren, zweckentfremdet hatte.
Sadovnikov, so das Gericht, habe die Vorschriften der Lagerung von Atommüll verletzt, nichts getan, um eine Gefährdung der Bevölkerung auszuschließen. Der Chef der Plutoniumfabrik habe es unterlassen, die brüchigen und zunehmend durchlässigen Dämme der Gewässer, die das Werk als Lagerstätte von flüssigem Atommüll nutzt, zu erneuern. Die Vorschriften zur Lagerung flüssigen Atommülls seien so eindeutig verletzt worden.
Dabei war Sadovnikov, so das Gericht, von den zuständigen staatlichen Stellen durchaus über die Einleitung radioaktiver Abwässer zwischen dem 1.1.2001 und dem 31.12.2004 in den Tetscha informiert. Aufgrund dieser Versäumnisse, so das Gericht, seien die Filteranlagen, die das Eindringen von radioaktiven Flüssigkeiten in die Gewässer der Region verhindern sollten, nicht mehr funktionstüchtig, die radioaktive Belastung der Flüsse Tetscha und Iset mit Strontium-90 habe zugenommen.
Allein zwischen 2000 und 2004 habe sich die Verseuchung mit Strontium 90 in den Dörfern am Tetscha verdoppelt, verdreifacht und vervierfacht, so das Gericht. Die zulässigen Grenzwerte seien um ein Mehrfaches überschritten worden. Nichts sei unternommen worden, so das Gericht, um die steigende radioaktive Belastung zu senken und die Bevölkerung zu schützen. Durch Sadnikovs Verhalten seien Leukämie und weitere Formen von Krebs zu erwarten. Trotz der eindeutig festgestellten Schuld von Sadnikov zeigt e sich das Gericht gnädig und gab dem Antrag des Angeklagten statt, das Verfahren anlässlich der Amnestie zum 100-jährigen Bestehen der russischen Duma einzustellen.
Die Juristin Nadeschda Kutepowa, die selbst in der geschlossenen Stadt Ozersk lebt, die die Plutoniumfabrik beheimatet, ist angesichts dieser neuen Informationen entsetzt. „Zum ersten Mal haben wir ein Dokument in der Hand, das beweist, dass Majak auch in diesem Jahrhundert die Gewässer verseucht. Uns hatte man immer glauben lassen, all das sei vor 60 Jahren passiert.“ Fünf Dörfer sind laut Gerichtsbeschluss radioaktiv verstrahlt. Rosatom hatte sich immer geweigert, vier dieser Dörfer umzusiedeln.
„Seitdem wir das Dokument in den Händen haben, wissen wir, dass nicht nur 76 Millionen Kubikmeter radioaktiver Abwässer zwischen 1949 und 1956 in die Umwelt abgegeben worden sind, sondern auch zwischen 30 und 40 Millionen Kubikmeter zwischen 2001 und 2004. Seit 2006 hat sich nichts geändert“, so Slivjak zu „scharf-links“. „Keine baulichen Maßnahmen an Dämmen oder sonstige Maßnahmen, die die Bevölkerung schützen. Rosatom bleibt weiter dabei, daß die eigentlichen radioaktiven Belastungen nur in den 50er Jahren passiert seien.
Kutepowa und Slivjak fühlen sich durch dieses soeben bekannte geworden Dokument in ihrem Kampf für einen Sarkophag um den Fluß Tetscha und die Umsiedlung der Menschen aus den verstrahlten Dörfern am Fluss Tetscha bestätigt. Noch im September 2010 sollte hoch radioaktiver Müll aus Rossendorf, der derzeit im westfälischen Ahaus lagert, nach Majak verschickt werden. Buchstäblich im letzten Augenblick hatte Umweltminister Röttgen auf Druck von deutschen und russischen Umweltgruppen die Transportgenehmigung für diesen Transport verweigert. Ob damit ein Versand von deutschem Atommüll nach „Majak“ aber endgültig vom Tisch ist, bleibt abzuwarten.
Derzeitiger Wasserkreislauf des Anlagenkomplexes „Majak“

Quelle: Bericht des ehemaligen Chefingenieurs der Produktionsvereinigung „Majak“, Jewgenij Droschko Zuerst veröffentlicht auf dem Seminar „Cleaning up Sites contaminated with radioactive materials” Washington D.C., 2007
Die Graphik zeigt: Dämme, mit dem Kürzel “P” bezeichnet, sollen das Eindringen von radioaktiven Abwässern in das Gewässersystem des Tetscha (englisch: Techa) verhindern. Ein weiterer „Vorteil“ dieser Dämme: sie machen einen natürlichen See zum Zwischenlager für flüssigen, radioaktiven Müll.
VON: BERNHARD CLASEN
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