Hilfe vom Jugendamt, Kind weg

04.12.12
SozialesSoziales, Hessen, TopNews 

 

von Charlotte Ullmann

Kritik an der Jugendamtspraxis der Inobhutnahme von sogenannt gefährdeten Kindern

Das kann einem blühen, wenn man vom Jugendamt Hilfe bekommt, dass einem infolge der Hilfe das Kind weggenommen wird. In Obhutnahme, wie es so schön heißt!

Das Kind wird dann in ein Heim gesteckt, das den Staat mindestens 5000.- bis 8000.- Euro im Monat kostet, oder in eine Pflegefamilie, die nicht ganz so teuer kommt.

Statt dass der Staat diese horrenden Summen in geeignete Hilfemaßnahmen für die Eltern und Kinder steckt, wirft er sie, oft zum Schaden des Kindes, mit vollen Händen aus dem Fenster hinaus.

Sicher, es gibt Fälle, da geht es nicht anders. Da muss man das Kind aus seiner Familie, aus seinem Umfeld herausnehmen, bevor es in einer Tiefkühltruhe landet.

Aber um entscheiden zu können, ob ein Kind mit entsprechender und geeigneter Hilfe in der Familie belassen werden kann (dies sollte Vorrang haben und hat es auch im Kindschafts- und Familienrecht), dafür braucht es hochqualifizierte Fachkräfte mit zusätzlicher Ausbildung in Psychotherapie und mit Einfühlungsvermögen (Empathie), das von den Jugendämtern bei den Eltern stillschweigend und als unabdingbar vorausgesetzt wird. Jedoch ausgerechnet beim Jugendamtspersonal scheint es daran des öfteren zu hapern.

In der Pädagogik und an Grundschulen gilt Ressourcenorientierung (auf Stärken aufbauen) mittlerweile als das A und O der Herangehensweise an Klienten, an Kinder, an Schüler. Aber offensichtlich nicht beim Jugendamt. Da wird geschaut, was es an Schwächen zu erhaschen gibt, bei Familien, bei Kindern, auch auf die Gefahr hin, dass man einem Trugbild erlegen ist. Schließlich muss man sich selbst legitimieren, seinen gesellschaftlichen Auftrag, auch seine berufliche Existenzberechtigung.

Und der Familienrichter rekurriert immer weniger auf seine Erfahrung und seinen gesunden Menschenverstand, ganz abgesehen von seiner Qualifikation, die hinsichtlich der „Ausbildung im Familienrecht hochgradig jämmerlich“ ist (Ernst Elmar Bergmann: „Auswahl und Rolle des Gutachters im familienrechtlichen Verfahren“, evang. Pressedienst, Ffm,1997).

So verlässt der Richter sich immer mehr auf die Expertengutachten sogenannter gerichtspsychologischer Gutachter, die oft auf Grund ebenfalls mangelhafter Qualifikation in mehr als 50 % „schluderten“ und „pfuschten“ (ebenda, Ernst Elmar Bergmann). Nach dem Gießkannenprinzip werden dann wahllos die Kinder aus den Familien gerissen, lieber eines zu viel als eines zu wenig.

In den letzten fünf Jahren ist die Obhutnahme von Kindern um 36 % gestiegen (statistisches Bundesamt am 5.7.2012).

Wehe, wenn ein psychologisches Gutachten, noch dazu bei einer alleinerziehenden Mutter, mangelnde Empathie diagnostiziert. Das ist eine Charaktereigenschaft, die, nach Meinung des Jugendamtes, nur in einem langwierigen psychotherapeutischen Prozess geändert werden könne, und dann sei das Kind schon in den Brunnen gefallen. Eine löbliche Überlegung!

Ist nicht andererseits die Politik der Jugendhilfe, die immer neuen Kürzungen ausgesetzt ist, dahingehend ausgerichtet, das Kind erst einmal in den Brunnen fallen zu lassen, bis Hilfe gewährt wird, und oft nicht immer die geeignete Hilfe, zum Schaden des Kindes und seiner Familie?

Dann kommen die dicken Hämmer: Herausnahme des Kindes, hinein ins Heim oder in eine Pflegefamilie!

Das kommt den Steuerzahler viel teurer zu stehen als qualifizierte Prävention. Denn es ist nicht unwichtig, welche Art von Hilfe gewährt wird.

Erfolgt sie nicht auf vertrauensvoller Basis, kann sie nicht helfen. Denn die Kontrollfunktion, die das Jugendamt gegenüber den Eltern und der Gesellschaft zum Wohle der Kinder hat und die es auch haben muss, entzieht, auf der anderen Seite, jedem Vertrauen die Basis.

Insofern muss die Helferstruktur in der Institution Jugendamt und um das Jugendamt herum geändert werden.

Dabei sollte als Hauptgrundsatz gelten: Die ärztliche, psychotherapeutische und seelsorgerische Schweigepflicht auch hier zu wahren und den Klienten, Patienten möglichst in die Berichterstattung mit einzubinden!

Das Gegenteil ist jedoch der Fall in unserer Gesellschaft, wenn es um Kinder geht. Jeder Arztbesuch wird da zum Spießrutenlauf.

Hat sich ein Kind beim Sport, beim Herumtollen oder sonstwie verletzt – und Eltern können ein Lied davon singen, wie schnell das gehen kann, trotz ihrer Umsicht und Vorsicht – und es folglich aus reiner Fürsorge zum Arzt gebracht wird, kann es sein, dass dieser Arzt Meldung beim Jugendamt macht, wenn nach seiner Einschätzung ein Verdacht des sexuellen Missbrauchs oder der körperlichen Misshandlung vorliegt. Der Arzt lässt sich dann den Unfall genau schildern, und wenn der Elternteil etwas unbeholfen ist in seiner Darstellung – z.B. aufgrund mangelnder Bildung oder einfach nur wegen verständlicher Aufregung – kann der geschilderte Sachverhalt beim Arzt schief ankommen. Ein Verdacht ist im Raum. Der muss beim Jugendamt zur Anzeige kommen. Anschließend lässt er sich kaum noch ausräumen.

So erging es der Mutter meiner Patientin. Die Tochter (damals 10 Jahre alt) fiel beim Herumturnen in ihrem Kinderzimmer mit dem Genital auf eine Kante. Niemand hatte den Unfall gesehen. Die alleinerziehende Mutter befand sich währenddessen im Wohnzimmer. Die Tochter kam weinend angelaufen. Erzählte, was geschehen ist. Sie ließ es aber nicht zu, dass die Mutter die mögliche Verletzung inspizierte. Jede andere Mutter hätte daraufhin zu ihrem Kind gesagt, wenn Du mich nicht nachsehen lässt, kann es auch nicht so schlimm sein.

Aber nicht diese Mutter. In ihrer Angst, sie könnte wegen unterlassener Hilfeleistung beim Jugendamt angezeigt werden – und das Tragische war, sie bekam vom Jugendamt bereits Hilfe in Form von Familienhilfe, Tochter in der Entwicklung zurück, Förderschule, also das volle Programm – holte sie den Notarzt. Von diesem wollte die Tochter erst recht nicht untersucht werden. Ab ins Krankenhaus. Auch dort verweigerte das Kind die Untersuchung. Folge: Meldung beim Jugendamt wegen Verdacht des sexuellen Missbrauchs.

Am folgenden Tag endlich konnte die Tochter bei einer niedergelassenen Gynäkologin untersucht werden. Es war keine Verletzung feststellbar.

Der Verdacht des Missbrauchs (der Großvater sollte es gewesen sein) hingegen wurde erst durch ein anschließendes psychologisches Gutachten entkräftet.

Stattdessen wurde bei der Mutter mangelnde Empathie diagnostiziert (wer sucht, findet immer etwas) und dies als Grund dafür genommen, das Kind ohne Ankündigung und Möglichkeit des Abschieds aus der Familie zu reißen, obwohl doch einige Mitarbeiter des Jugendamtes genau unter diese Diagnose fallen.

Immer noch befindet sich das Mädchen (seit mittlerweile mehr als 2 Monaten) in einer heilpädagogischen Einrichtung, die dringend Plätze besetzen muss, da sie erst vor kurzem gegründet wurde.

Es heißt, das Mädchen müsse bis zu seinem 18. Lebensjahr dort bleiben. Der Platz kostet den Steuerzahler 7500.- Euro im Monat. Das Mädchen ist jetzt 11 Jahre alt, das wären insgesamt 7 Jahre, also 630 000.- Euro für nur ein Kind, mal ganz abgesehen von den 38 500 Fällen, die letztes Jahr in der Bundesrepublik in Obhut genommen wurden. Das sind ca 600 Millionen Euro pro Jahr, die wesentlich sinnvoller in gesellschaftliche Prävention und geeignete Familienhilfe investiert werden könnten gemäß dem Grundsatz des Familienrechts, die Familie möglichst nicht auseinanderzureißen, um so den Kindern und Eltern unnötige Traumatisierungen zu ersparen, ganz zu schweigen von den Menschenrechtsverletzungen, die mit einem solchen Procedere der Obhutnahme einhergehen.

Charlotte Ullmann,
Sozialpsychologin, Nov. 2012

 


VON: CHARLOTTE ULLMANN


Zu "Hilfe vom Jugendamt, Kind weg" von Charlotte Ullmann - 26-01-13 20:27
Zum Artikel „Hilfe vom Jugendamt, Kind weg“  - 06-12-12 22:41




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