... dann ging ich ins Gefängnis ...


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30.06.11
SozialesSoziales, Sozialstaatsdebatte, TopNews 

 

Von Gerd Heming

Johann B., 79, ging nicht ins Gefängnis. Er ging in ein Alten- und Pflegeheim.
Für Johann B. aber war das dasselbe. Und wenn wir seinem Denken folgen, verstehen wir, warum er denkt, wie er denkt.

Zunächst einmal sollten wir uns bewusst machen, dass wir unsere Alten- und Pflegeheime zu Bedürfnisanstalten degradiert haben. Bedürfnisbefriedigung ist das Wort zum Sonntag! Auf Befriedigung seiner elementarsten Bedürfnisse wird der Mensch in Pflegeeinrichtungen reduziert. Der Mensch als bedürftiges Wesen. Bedürfnisbefriedigung als Ersatz für Menschenwürde. Satt! Sauber! Trocken! Schon der Begriff der Pflegebedürftigkeit deutet unbarmherzig darauf hin. Johann B. hat recht. Bedürfnisanstalt oder Gefängnis. Wo ist da der Unterschied?

Am Tag bevor Johann B., 79, ins Pflegeheim ging, hatte er seinen Perseus in ein Tierheim gebracht. Tränenreich. Voller Abschiedschmerz Er wusste, er würde seinen Kameraden nicht wiedersehen. Elf Jahre lang hatten sie das Leben miteinander geteilt. Und dann diese sinnlose Endgültigkeit. Warum? Was sprach dagegen, im Pflegeheim seinen Hund bei sich zu haben? Pflegeheim. Tierheim. Wenn Heime solche Opfer fordern, dann fehlt ihnen das eigentlich Wesentliche.

„Das heutige Anstalts- und Heimsystem", so Pflege-Wissenschaftler der Universität Bielefeld, „entstand als Problemlösung des 19. Jahrhunderts für den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren. Unter den Bedingungen der beginnenden Industrialisierung und Marktwirtschaft mochte das segensreich gewesen sein - und sicherlich oft lebensrettend. Viele Gründe zwingen jedoch im 21. Jahrhundert das Heimsystem auf den Prüfstand, um zu klären, ob und in welchem Umfang es heute noch den Belangen der Alten und Pflegebedürftigen angemessen sein kann -

In Deutschland jedoch wird in Pflegeheimen im 21. Jahrhundert das 19. Jahrhundert gelebt. Die Deutschen sind davon überzeugt, dass „diejenigen Anstalten, welche würdigen Siechen und Gebrechlichen Unterkunft bieten... sich durchweg mit leichteren Strafen, wie Ermahnung, Verweis unter vier Augen, Verweis in Gegenwart der übrigen Insassen oder des Anstaltsvorstandes, Verweigerung des Urlaubs, Verbot des Empfanges von Besuch, Verbot des Rauchens usw. begnügen" (Buehl/Eschle 1903).

„Diese Alten, denen es auf der Stirne geschrieben steht, dass der Staub nun bald wieder muss zur Erde werden, befinden sich meistens in einem glücklichen Kindeszustande. Wie Kinder können sie auch durch Entbehrung kleiner Dinge sehr aus der Stimmung kommen. Deshalb sind sie für jegliche Freundlichkeit, und namentlich auch für Mitteilung materieller Hilfen und kleiner Erquickungen meist sehr dankbar." (Büttner 1890).

Es ist in deutschen Alten- und Pflegeheimen heute wie vor 150 Jahren kein Leben so normal wie möglich möglich.

Denn ein Leben so normal wie möglich ist kein Leben im Heim oder in einer Wohngruppe. Das Komplettangebot von Wohnraum, Pflege, sozialen Beziehungen und Tagesgestaltung, wie es in Pflegeeinrichtungen angeboten wird, war nicht Johann B.’ Sache. Er hatte beispielsweise nichts übrig für Tanznachmittage. Er war ein Individuum. Er war keiner, den sie auf Fitness oder vorprogrammierter Unterhaltung trimmen konnten. Er wollte diese Art pauschaler Unterbringung und Betreuung nicht. Ebenso wenig wollte er sein Wohnzimmer mit Leuten teilen, die er vor seinem Einzug nicht einmal gekannt hatte. Schon gar nicht wollte er mit ihnen sein Schlafzimmer teilen. Johann B., 79. wollte nicht nur seine Möbel selbst aussuchen, sondern auch seine Wohnung. Er war, als er ins Pflegeheim ging, in eine Falle geraten. Er fühlte sich rechtlos. Zu spät erkannte er, dass Heime rechtsfreie Räume sind. Die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, wie sie ihm im Grundgesetz garantiert wurde, war hier obsolet. Seine Bürgerrechte waren ihm abhanden gekommen. Statt Bürgerrechte hatten sie hier Konzepte. Und nach diesen Konzepten war man auf Ordnung programmiert, und auf Sicherheit. Der Hochsicherheitstrakt einer Haftanstalt für Schwerverbrecher war dem Sicherheitswahn in Pflegeheimen gegenüber purer Ausdruck von Freiheit. Er lebte in Deutschland. Hier gab es kein Recht auf Privatheit. Hier war Sicherheit das erste Gebot. Und ein Recht auf Risiko war in Deutschland unbekannt. Ohne Risiko aber war ein freies Leben nicht möglich. Er lebte in Deutschland – nicht in einem anderen Land und sicher nicht in Skandinavien.

In Skandinavien hatte man auch Konzepte. Diese Konzepte jedoch legten besonderen Wert auf die Anerkennung von Menschen mit Behinderungen oder Pflegebedarf als Bürger mit Bürgerrechten: „Ein Bürger mit Bürgerrechten und überhaupt muss. In all den Bereichen der Hilfebedürftigkeit sind längst ambulante kommunale Alternativen, die eine Integration der Betroffenen ermöglichen, bekannt. Sie werden bisher aber nur unzureichend angeboten. Insofern sind wir in den Umbau des Heimsystems bereits eingestiegen, es ist aber an der Zeit, ihn systematisch zu erfassen und behutsam zu steuern, damit nicht gerade die Verletzlichsten in der Gesellschaft seine Opfer werden. Der Umbau ist insbesondere gesetzgeberisch sowie sozialpolitisch zu begleiten, wie dies z.B. in einigen skandinavischen Staaten bereits geschieht. "belegt kein Bett, er belegt auch kein Zimmer oder einen Wohnplatz, sondern er bewohnt eine Wohnung oder ein Haus, das er selbst ausgesucht und gemietet oder erworben hat: er wohnt privat".

Johann B. 79, war, wie der weitaus größte Teil der Menschen in den westlichen Staaten, fest davon überzeugt, ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Er glaubte, Meister seines Schicksals zu sein. „Jeder ist seines Glückes Schmied", wurde ihm von den Scharlatanen der Welt, von Predigern des Glaubens, von den Meistern der Talkshows, von den Hinwegrednern des Todes, von den Machern der Medien oder von interessengeleiteten Doktoren und Politikern gepredigt - und er hatte den Scharlatanen bedenkenlos zugestimmt. Er glaubte nicht, dass er betrogen wurde. Wie all die anderen kapierte er nicht, dass er sich selbst betrog. Er lebte nicht durch sich selbst, nicht auf Grund eigenen Denkens, er wurde gelebt. Er war einer Selbstlüge anheim gefallen - einem Mythos. Denn in der Realität wurde er Zeit seines Lebens fremdbestimmt. Er glich den Menschen seiner Zeit: Die leben nämlich eben nicht durch sich selbst, sie leben eben nicht durch selbständiges Denken, sondern vielmehr sind sie Sklaven der Umstände, Sklaven der Illusionen, Sklaven der Ideologien, Sklaven des Selbstbetruges und Sklaven der jeweiligen Situationen und der äußeren Ansprüche. Die Umstände und jeweiligen Situationen sind es, die ihr sklavenartiges Leben und ihr sklavenartiges Denken bestimmen. Uneinsichtig, erinnerungslos und ohne eigenes Denken verlief so Johann B.’ Leben. Das Alter ließ er verstreichen wie das ganze bisherige Leben selbst. Ein solches Leben ist zwar nicht lebensunwert, aber es ist ein belangloses Leben. „Die Humanität gebietet, noch das Belanglose zu schützen. Aber besondere Achtung darüber hinaus kann solchem weithin ‚bewusstlosen’ Lebensvollzug nicht zugebilligt werden".

„Daher muss" so die Bielefelder Pflegewissenschaftler, „unter Berücksichtigung sowohl der Grundrechte als auch der versorgungspolitischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ressourcen das Heimsystem durch ein ambulant-kommunales Sorge-System ersetzt bzw. dieses zum Grundmodell entwickelt werden. Nur so können die Hilfebedürftigen ihr weiterhin zu garantierendes "Recht auf Sicherheit" - im Sinne ihres Selbstbestimmungswunsches - durch ein gleichgewichtiges komplementäres "Recht auf Risiko" ergänzen, denn ohne Risiko kann behindertes wie nicht-behindertes Leben kein freies sein. Nur so kann den Menschen Würde (...) wiedergegeben werden."

Als sich vor einiger Zeit in Bonn 300 Delegierte aus den Bereichen Gesundheit und Pflege zu einer zweitägigen Tagung trafen, mussten sie für eine Nacht in Hotels untergebracht werden. Nun hatten die Hotels nicht genügend freie Einzelzimmer. Sie boten daher den Tagungsteilnehmern an, jeweils Doppelzimmer zu teilen. Nicht eines der Tagungsmitglieder war bereit, auch nur für diese eine Nacht das Zimmer mit einem anderen (Fremden) zu teilen. Die gleichen Menschen fanden aber nichts dabei, am Tag darauf für Doppel- und Mehrzimmer in Pflegeeinrichtungen zu plädieren.

Johann B., 79, kannte solche Überlegungen nicht. Es würde schon alles seine Richtigkeit haben. Über das Altwerden hatte er sich kaum jemals Gedanken gemacht. Daher wusste er nicht, was auf ihn zukam, nicht wirklich. „Es wird schon werden", war sein Wahlspruch gewesen. Mit diesem Spruch glaubte er, seine Gelassenheit kundzutun. Er ahnte nicht, dass seine Gelassenheit nichts anderes war, als sein Erstarren in Gleichgültigkeit. Zeit seines Lebens war er ein Tor, Zeit seines Lebens war er der Vermarktung und Verdummung ausgesetzt gewesen – er hatte es nur nicht gemerkt.

Bund der Pflegeversicherten e.V.

Gerd Heming (Vors.)

Juni 2011

 


VON: GERD HEMING






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