Die Verrohung und Brutalisierung in der Gesellschaft stoppen


Bildmontage: HF

09.03.16
SozialesSoziales, Antifaschismus, Debatte, TopNews 

 

von Max Brym

Die Zunahme dessen was das Bielefelder „Institut für interdisziplinäre Konfliktforschung“ „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ nennt nimmt immer neue Formen und traurige Höhepunkte an. Mehr als 500 Brandanschläge gab es auf Asylbewerberunterkünfte kürzlich in diesem Land. Ein katholischer Priester wirft in dem oberbayerischen Zorneding, nachdem er rassistische Morddrohung erhalten hatte, hin. Vorher lieferte sich der Pfarrer, in Kongo geboren, schwere Gefechte mit der örtlichen CSU in der sogenannten Flüchtlingsfrage .

Die mittlerweile zurückgetretene Vorsitzende des CSU- Ortsverbandes warf dem Pfarrer im örtlichen CSU Parteiblatt vor „Neger zu sein“. Die Dame ist nach wie vor im Gemeinderat des Ortes in der Nähe von München tätig. Vor einigen Tagen verstarb auf tragische Art und Weise ein junges fünfzehnjähriges Mädchen in München. Das Mädchen wurde von der S-Bahn überfahren. Mit dem Mädchen gab es fast kein Mitgefühl, keine Bereitschaft zu trauern. Ganz im Gegenteil, die Redaktion der Münchner Abendzeitung wurde bombardiert mit Leserbriefen in denen zu lesen stand:“ Wegen der kam ich 1 Stunde zu spät ins Büro“ , oder“ gut so -wieder eine junge Schlampe weniger“, die Masse der Briefe welche die Abendzeitung erreichten hatten genau diesen Ton.

Der Zustand dieses Landes ist mehr als bedenklich. Jede Straßenbahnfahrt in München wird zum rüpelhaften Abenteuer. Im radikalisierten Dieter Bohlen deutsch, wird gepöbelt und gemobbt. Jeder Anstand scheint zu verschwinden. Die Leute hängen am Handy und nehmen den Anderen entweder nicht wahr oder beleidigen ihn. Jede Form von Anstand und Respekt gegenüber anderen Menschen verschwindet rasant. Grundsätzlich wird man von vielen nur noch geduzt und beleidigt. Die politische Fortsetzung dieser Verrohung zeigte sich bei den Kommunalwahlen in Hessen. Dort fuhr die AFD bei den Kommunalwahlen, im Schnitt zweistellige Wahlergebnisse ein. Wenn die AFD nicht zur Wahl stand, erreichte die offen nazistische NPD sehr große Stimmenzuwächse bis hin zu zweistelligen Ergebnissen in der Gemeinde Büdingen. Jede Woche ziehen tausende grölend durch bundesdeutsche Städte und skandieren:“ Wir sind das Volk“.

Generell ist zu bilanzieren, dass es in der bundesdeutschen Gesellschaft eine weit gehende Radikalisierung gibt. Diese Radikalisierung erfolgt auf nationalistischer Basis. Die sogenannte politische Mitte implodiert zunehmend. Letzteres ist auch nicht verwunderlich denn die Lebenssituation von vielen, wird materialistisch betrachtet, zunehmend schwieriger. Weite Teile des Kleinbürgertums sind schwer verunsichert, bestimmte Schichten innerhalb der Arbeiterklasse befürchten durch Migranten und Migrantinnen weiter an den Rand gedrängt zu werden. Die Deformierung der Bewusstseinslage bei vielen Menschen kann erklärt werden.

Die Hauptverantwortung für die Verrohung des Bewusstseins hat zwei Ursachen. Der erste Faktor ist der scheinbar konkurrenzlos existierende kapitalistische Neoliberalismus. Das Konkurrenzdenken, das Denken in dem Anderen den Widersacher zu sehen liegt dem neoliberalen Kapitalismus mit seinen Konkurrenzschlachten zu Grunde. Dies fand und findet seine Fortsetzung in die Gehirne. Nach oben buckeln und nach unten treten, ist die normale Verhaltensweise in einer scheinbar konkurrenzlos existierenden kapitalistischen Gesellschaft. Auch der Spruch „jeder ist seines Glückes Schmied“ hat breite Verankerung. Der Betriebsratsvorsitzende von VW appelliert heute an US Gerichte, doch gefälligst nicht Arbeitsplätze durch hohe Schadensersatzforderungen an VW zu gefährden. Damit befindet sich der angebliche Arbeitervertreter im nationalen Boot. Nicht das Kapital ist der Gegner sondern der Andere Kapitalist der Konkurrent. Die Rechtspopulisten übersetzen solche Dinge nur und spitzen sie radikalisiert zu. Neben der „Ostküste“ wird der Emigrant als Feind ausgemacht. Der zweite Faktor ist die faktische Nichtexistenz einer radikalen Linken,mit einem wirklich radikal sozialemanzipatorischen Programm. Statt von Klassen und Klassenkampf zu sprechen, wie es sogar Bernie Sanders in den USA zu Wege bringt, wird nur sanft etwas mehr soziale Gerechtigkeit eingefordert. Dabei geht die angebliche Linke Sahra Wagenknecht so weit, Ludwig Erhard, als Vorkämpfer linker Politik darzustellen. Diese Herangehensweise ist nichts anderes als die Akzeptanz der Ideologie, wonach wir uns alle in einem Boot befinden. Frau Wagenknecht fordert nur in dem gemeinsamen Boot, etwas anders zu rudern. Der Kapitalismus wird durch die Partei die Linke nicht grundsätzlich infrage gestellt. Dadurch wird die Reaktivierung einer radikalen sozialistischen Arbeiterbewegung als einzige Antwort auf „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ behindert. Es dürfte doch auf der Hand liegen, dass die bürgerliche Gesellschaft am Ende ist und nur noch Kriege, Flüchtlingsströme, soziale Verelendung, Nationalismus und moralische Degeneration zu produzieren im Stande ist.

Es ist an der Zeit genau zu bilanzieren wie sehr nicht nur die materielle Verarmung und Verunsicherung um sie greift, sondern ebenso die moralische Degeneration. Dagegen, kann nur mit einer radikal sozialistischen Politik, die den Menschen Auswege zeigt, etwas ausgerichtet werden. Jede Orientierung, die diese Gesellschaftsordnung akzeptiert ist unfähig, der Brutalisierung des Bewusstseins und der Aktivität des reaktionären Kleinbürgertums im Bündnis mit den lumpenproletarischen Schichten etwas entgegenzusetzen. Es gilt zur Kenntnis zu nehmen, dass es ohne Antikapitalismus in Wirklichkeit keinen Antifaschismus geben kann. Leute die diese Gesellschaftsordnung akzeptieren, oder nur an ihr herumdoktern wollen sind objektiv Wegbereiter des Faschismus. Sie negieren die Radikalisierung innerhalb der Gesellschaft. Diese Radikalisierung kann nur nach rechts oder nach links gehen. Wir benötigen eine Linke welche Arbeit und Wohnung für alle fordert und sich nicht davor scheut, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen. Wir benötigen gegenüber dem rechten Mob erfahrene Kämpfer. Wir benötigen den Kampf um die Wiederherstellung wichtiger kultureller Normen. Es geht um Solidarität- gegenseitigen Respekt und KAMPFBEREITSCHAFT. Wir müssen wieder lernen in einer klaren Sprache zu sprechen. Wir müssen von Klassen und dem Klassenkampf reden. Alles andere ist kalter Kaffee und bringt uns nicht einen Schritt weiter.







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