Nachlese zum NGfP-Kongress oder warum "alles" aus dem Ruder läuft


Bildmontage: HF

06.03.16
SozialesSoziales, Debatte, TopNews 

 

Von Franz Witsch

Liebe FreundeInnen des politischen Engagements,

ich möchte den interessierten LeserInnen ein paar Gedanken zur Jahrestagung der "Neuen Gesellschaft für Psychologie" (www.ngfp.de) mitteilen, auf der ich mich zur Frage, ob der Kapitalismus das Flüchtlingsproblem erzeuge, äußern durfte. Der Kongress war gelungen - wie die Kongresse in den Jahren zuvor auch. Auch sehr stark besucht. Es war "richtig was los". Bis zum Schluss - eindrucksvoll. Und - wahnsinnig arbeitsaufwendig für die Organisatoren. Klaus-Jürgen Bruder war für mich 14 Tage nicht ansprechbar. Dafür muss ich ihm dankbar sein und bin es auch !

Die Teilnahme hat mich diesmal emotional sehr mitgenommen; schon im Vorfeld die Abfassung meines Vortrags: man kann dem Flüchtlingsthema in dieser aufgeheizten, chaotischen, richtiggehend unwürdigen öffentlichen Debatte kaum gerecht werden, zumal wenn man an das Leid der Flüchtlinge denkt, die ja nach Europa strömen, weil in ihren Herkunftsländern ihr nacktes Leben bedroht ist.

Dafür tragen der Westen unter US-Führung, aber auch nicht zu knapp die Regierung Merkel die Hauptverantwortung. Das wurde von meinem Vorredner Kurt Gritsch (Krieg als Migrationsgrund) im Detail belegt und außerordentlich gut vorgetragen.

Aus seinem Vortrag geht hervor: Der Westen führt oder inszeniert immer mehr Kriege (oder lässt sie von willigen Helfern führen), deren Folgen, unter anderem die Flüchtlingsströme, ihm nun vollständig über den Kopf wachsen.

Es steht zu befürchten, dass wir die Flüchtlingsproblematik nicht bewältigen werden, aus primär ökonomischen Gründen nicht bewältigen können, flankiert von mentalen Gründen, die das Innenleben (die Gefühlswelt der Bürger) betreffen, dazu angetan, das aus ökonomischen Gründen Unvermeidliche (sozial oder moralisch begründet) zu exekutieren: 

Der Scharfrichter lässt dass Beil (auf den Flüchtling) fallen, weil Rechtsprechung und Bezahlung ihn dazu verpflichten (Pseudo-Moral; Fürsorgepflicht gegenüber der Rechtsprechung). Das bringt z.B. der Satz von einer CSU-Größe zum Ausdruck: man dürfe sich von Kinderaugen nicht erpressen lassen. Eine Ungeheuerlichkeit!

Das heißt, der widerlichste Umgang mit Flüchtlingen wird wie auch immer - beliebig - begründet, um sich von eigener Verantwortung zu entlasten. Dies auf der Grundlage, dass es eine "wahre" Moral nicht gebe. Schließlich darf man einem Kriegshetzer wie Joschka Fischer (nie wieder Ausschwitz als Begründung für den Kosovo-Krieg) oder widerlichen Sprücheklopfer keine unlauteren Motive unterstellen.

Einfältig und machtbesessen, verwechselt unser Joschka oder unser Sprüche-Klopher hier etwas. Es geht um Analyse, nicht um Moral und schon gar nicht um unlautere Motive:

In meinen Büchern (Die Politisierung des Bürgers, 4 Bände) versuche ich zu begründen, dass es eine "wahre" Moral durchaus geben kann, auch geben muss, weil wir ohne eine solche nicht in der Lage sind, uns in einer Massengesellschaft zivilisiert zu benehmen (z.B. konstruktiv, von Substanz getragen zu diskutieren / analysieren - ohne dumme Sprüche). 

Dass alles (mental, moralisch, ökonomisch) aus dem Ruder läuft - dafür sorgt nun nicht ein dummer Spruch, eine falsche Moral oder ein zerrüttetes, bzw. - frei nach Josef Berghold (dem Vorredner von Gritsch) - ein unreifes Innenleben, sondern (in letzter Instanz) unser Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, eine These, um die ich mich in meinem Vortrag bemüht habe. Zumindest hat er eine junge angehende Wissenschaftlerin zu einer sehr engagierten anti-kapitalistischen Stellungnahme motiviert. So etwas erfreut mein Herz.    

Dass es (in einer möglichen nicht-kapitalistischen Ökonomie) eine feste (wahre) Moral geben müsse (im Kapitalismus diskutierbar, nicht realisierbar), habe ich übrigens von Habermas gelernt. 

Nur dass Habermas das Substrat dieser Wahrheit (seine gleichsam "natürliche" Herausbildung) in den sozialen Beziehungen selbst sucht und findet, so dass nicht ausgeschlossen werden kann (aber müsste), dass jenes Substrat sich (mit)ändert, ggf. unter die Räder gerät, wenn sich (jene) soziale(n) Beziehungen ändern (siehe die Entwicklung der Grünen und nun "Die Linke"); sodass dann eine unveränderliche Moral (die menschliche Würde muss einklagbar sein) unweigerlich zur Pseudo-Moral mutierte (nicht einklagbar). 

Das Problem: die Bürger unterscheiden nicht zwischen relativer (ethisch, die Lebensform betreffend) und absoluter Moral (über jeder Ethik stehend).

Nun, weil jene feste Moral nicht aus dem Nichts entsteht, müssen wir sie "bewusst wollen" (einklagbare Menschenwürde) - unabhängig davon, was die sozialen und ökonomischen Strukturen uns (an exekutierender Pseudo-Moral) abverlangen - systemaffirmativ. Das System, nicht die Menschenwürde, darf zur Disposition stehen.

Herzliche Grüße

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

 







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