Die herrschende Sozialtheorie: nicht gesellschaftsfähig

24.01.19
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Von Franz Witsch

Inhalt:

1 Verdinglichen im Modus “psychischer Äquivalenz” (S. Taubner)

1.1 Das gesellschaftliche Ganze als logische Entität

1.2 Die Existenz Gottes als Tautologie

2. Moralisieren auf der Basis einer mit sich selbst nicht identischen Moral

1 Verdinglichen im Modus “psychischer Äquivalenz” (Taubner)

Moralisch-ethische Argumentationen oder Urteile sind in der Alltagskommunikation sowie in der Sozialtheorie allgegenwärtig. Sie begründen soziale Strukturen bzw. legitimieren Lebensweisen, indem sie diese moralisch motiviert beschreiben und zugleich repräsentieren; beobachten, würde Luhmann vielleicht sagen (vgl. T01, S. 5f); dies mehr oder weniger bewusst in analytischer Absicht. Dergestalt sieht sich das Innenleben der mit den sozialen Strukturen verbundenen Subjekte mehr oder weniger bewusst oder ausdrücklich einbezogen.

Sozialtheoretiker wie Wolfgang Detel (GuV), Herbert Marcuse (MaH) oder Habermas (TK1, TK2) analysieren soziale Strukturen nicht ausdrücklich im Projektionsmodus; gleichwohl sie hier und dort den Begriff “Projektion” verwenden, indes beiläufig, ohne genauer zu beschreiben, wie sich das Innenleben in Abhängigkeit zu einem Außen konstituiert.

Das schließt ein, dass viele ihrer Sätze und Formulierungen analytische Bemühungen (im Projektionsmodus) erkennen lassen, und zwar aus dem trivialen Umstand heraus, dass Wahrnehmung oder die Konfrontation mit einem Außen begreifendes oder begriffliches Denken, Reflektieren, Analyse unmittelbar induziert als grundlegende Kategorien des Mentalisierens, bzw. der Gestaltung des Innenlebens, wie gesagt immer angeschlossen an und in Abhängigkeit zu einem Außen, das dem Innenleben fremd, weil es in spannungsgeladener Differenz zu ihm existiert, um wiederum Mentalisierungsvorgänge anzutreiben.

Man kann es auch so sagen: Subjekte projizieren (ihre inneren) Bestandsregungen (Gefühle) in (äußere) soziale Strukturen und generieren damit (innere) Vorstellungen über jene Strukturen, indem sie diese innerlich abbilden bzw. gedanklich reflektieren – spannungsgeladen, verbunden mit negativen Gefühlen, weil Menschen mit konfliktträchtigen Innen-Außen-Differenzen nicht gern leben, sie mögen noch so überzeugt sein, mit ihnen leben zu müssen und es auch zu können. Dennoch neigen sie dazu, Vorstellungen über Etwas in der Welt so zu verarbeiten, als seien sie identisch mit dem vorgestellten Etwas in der Welt – im Modus projektiver Identifizierung (vgl. T02, S. 11), wie er bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zwanghaft im Sinne einer medizinisch indizierten psychischen Störung auftritt, aber auch bei Menschen beobachtet werden kann, die als “psychisch gesund” gelten (T02, S. 11-13), in (DPB, S. 47-51) beschrieben am Beispiel von Roland Koch, ehemals hessischer CDU-Ministerpräsident. Es sind dies soziale Sachverhalte, die A. W. Bateman und P. Fonagy (BuF) sowie S. Taubner (TaS) mit Hilfe des Begriffs “Mentalisieren” beschreiben und analysieren (vgl. T01, S. 2f).

Ich verwende den Begriff “Mentalisieren” dergestalt, indem ich sage: Das Subjekt kommt nicht umhin, sein Innenleben zu gestalten und damit den gesellschaftlichen Kontext, verpackt in einem Gefühl, zu generieren, in sich selbst vorwegzunehmen (vgl. DPB, S. 12f); dies in von Gefühlen begleiteten Vorstellungen über jenen gesellschaftlichen Kontext.

Das Subjekt muss gar nicht gewahren, das er das gesellschaftliche Ganze im Sinn hat, wenn es fühlt, denkt und spricht; es geschieht für gewöhnlich hinter seinem Rücken, dass es mit seinen Vorstellungen definiert, wie der gesellschaftliche Kontext verfasst sein soll. Dabei geht es ihm vornehmlich darum, Innen-Außen-Differenzen, die innere Spannungen bzw. negative Gefühle erzeugen, sozusagen von allen akzeptiert zu entsorgen, ggf. gewalttätig abzureagieren, weil es Innen-Außen-Differenzen als fremd, das Fremde in ihm, nicht erträgt und deshalb nicht zu verarbeiten bzw. zu kommunizieren versteht. Das geschieht nach Taubner oder Fonagy gestört oder krankhaft im Modus projektiver Identifizierung bzw. psychischer Äquivalenz, oder es geschieht sozialverträglich, indem das Subjekt das Fremde in sich akzeptiert, um in der Lage zu sein, es zunächst für sich selbst zu reflektieren und sodann sprachgestützt im intersubjektiven Kontext spannungsgeladen zu kommunizieren, um es schließlich, Spannungen aushaltend, dem inneren und äußerem Leben zu assimilieren (vgl. DP2, S. 11).

Dieser Assimilierungsvorgang kann nicht als abgeschlossen gelten, wenn es mit dem Denken nicht zu Ende gehen soll. Damit stellt das Subjekt – wenn man so will fremdbestimmt, aus seinem Inneren heraus – eine Verbindung zum gesellschaftlichen Ganzen her (DPB, S. 12ff); eine Verbindung, die sich mehr oder weniger sozialverträglich, mehr oder weniger mental gestört spezifizieren lässt, ohne dass Störungen anerkannt medizinisch indiziert sein müssen.

Für mich fühlt, denkt und spricht der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch, jedenfalls während seiner Regierungszeit, mental gestört, wenn man so will: nicht gesellschaftsfähig, legitimiert von der herrschenden Sozialtheorie, indem sie die Störung – für alle akzeptabel – “normalisiert” (DPB, S. 19; DP4, S. 207f), als könne sie für ein Allgemeininteresse stehen.

Es beginnt damit, sozusagen grundlegend, dass das Subjekt, wenn es kommuniziert, nicht umhin kommt, aus jenem Spannungsverhältnis (im Kontext negativer Gefühle heraus moralisch zu argumentieren, mehr oder weniger mental gestört bzw. sozialverträglich im Kontext sozialer Strukturen, die sich, moralisch beschreibbar, kommunikativ ausbilden – nicht abschließend, sondern stets aufs Neue. Es gibt, wie in (DP3) beschrieben, eine notwendige iterativ-wechselseitige Bewegung von innen nach außen: vom Gefühl zur Moral, immer verbunden mit der Möglichkeit, dass das Subjekt (innere) Bestandsregungen, die auf innere Vorstellungen (über äußere soziale Strukturen) verweisen, mit eben jenen äußeren sozialen Strukturen projektiv bzw. gestört identifiziert, in dem Maße, wie dies unverrückbar nachhaltig geschieht, um jene Bestandsregungen darüber hinaus – die Störung verallgemeinernd – ungebremst mit dem gesellschaftlichen “Ganzen” zu identifizieren; verbunden damit, jenes Ganze nicht anders als nur vage in allgemeinen Begriffen beschreiben zu können, wenn diese zusammen mit ihrem Ganzen auf ein Konkretikon, das für ein einzelnes Subjekt von praktischer Bedeutung wäre, nicht verweist.

Derart existieren nicht nur bei Marcuse (MaH) Allgemeinbegriffe zur Beschreibung sozialer Strukturen belanglos oder unverbunden nebeneinander, ohne spezifizierbare Verbindung, noch dazu in der unerfüllbaren Absicht, diese zu einem gesellschaftlichen Ganzen zu synthetisieren. Dadurch quasselt Marcuse buchstäblich bis zum Schluss seines Werkes “Der eindimensionale Mensch” (MaH) lediglich vor sich hin, eben weil er nie – für ein einzelnes Subjekt von praktischer Bedeutung – konkret wird, nie sagt, was er für ein einzelnes Subjekt will, außer eine Gesellschaft, die mehr Freiheit, weniger Repression, befriedetes Dasein, mehr Menschlichkeit etc. bietet. Wie soll das möglich sein, wenn die Menschen die Repressionen selbst für sich und andere wollen und sich an diesen wirkmächtig beteiligen? Weil sie glauben, das Dasein nur so, z.B. mit militärischen Mitteln bis hin zum Krieg, befrieden zu können?

Marcuse verkennt in seinem durchaus gut gemeinten Plädoyer für eine menschliche Gesellschaft, dass er, projektiv identifizierend, um nicht zu sagen “eindimensional”, ziemlich vage wiewohl in schöne Gefühle getauchte (Wunsch-) Vorstellungen in das gesellschaftliche Ganze projiziert, ohne das Subjekt als analysierbaren Sachverhalt einzubeziehen, um eine Verbindung des Subjekts mit dem Ganzen nicht nur zu postulieren, sondern ganz konkret zu spezifizieren. Ohne spezifizierte Verbindung versubjektiviert bzw. hypostasiert er das Ganze, wie es v.a. Rechtsradikale und Faschisten tun in der Art: l’état, c’est mois (“Der Staat, das bin ich”). Derart sind Marcuses Analysen instrumentalisierbar im Sinne der herrschenden Macht; d.h. sie vermögen den Bürger nicht zu erreichen in der Hinsicht, dass sie einen begeisterten, vielleicht zunächst durchaus links gestrickten Bürger, vor rechtsnationalen Anwandlungen nicht immunisieren können.

Hier tun sich nicht nur bei Marcuse so gut gemeinte wie fragwürdige mentale Dispositionen auf, denen sich vor ihm selbst die Gründerväter der Psychoanalyse, allen voran Sigmund Freud, nicht zu entziehen vermochten, indem sie ihre Person ungebremst eine mensch- und sich selbst überhöhende Bedeutung im Hinblick auf die weltweite Durchsetzung psychoanalytischer Theoriebemühungen und damit auf das Ganze zuschrieben; sie waren nicht in der Lage, sich vom Ganzen einen anderen als ein das Ganze mythologisierenden bzw. hypostasierenden oder versubjektivierenden Begriff zu machen (vgl. DPB, S. 14f); immerzu abgehoben sahen sie sich auf einem hohen Sockel gut aufgehoben, als sozialer Sachverhalt der Analyse entzogen, waren sie vornehmlich auf Ehre und guten Ruf bedacht, v.a. Freud, als habe das nicht ausschließlich mit seiner Eitelkeit und damit zu tun, dass er wie seine Kollegen mit Kritik nicht (“ungestört”) umgehen konnte, zumal er (wie seine Kollegen, u.a. Jung) von einem sogenannten außersubjektiven Interesse im Hinblick auf das Ganze nur mythologisierend und damit nur vage und belanglos schwadronierte.

In dieser trüben Gemengelage analytischer Bemühungen lassen sich private und aufs Ganze ausgerichtete (politische) Dispositionen oder Interessen nicht klar auseinanderhalten, bzw. ihre Verbindung zueinander nicht “klar”, mithin gegenstandsbezogen spezifizieren. Das kommt wie gesagt rechtsnational gestrickten Aktivisten entgegen, die gern mit begrifflichen Nebelkerzen, die ein außersubjektives Interesse nur vorspiegeln, arbeiten. Ihnen kommt entgegen, dass nach diesem Modell Politik ganz generell betrieben wird, früher wie heute, zumal auf der Grundlage einer Sozialtheorie, die damit faschistischen Strukturen nichts entgegenzusetzten vermag. Ihre Vertreter versuchen mit (plakativen) Forderungen gegenzuhalten, vergeblich, weil sie, eingebettet in begriffsindifferenten (Nebelkerzen werfende) Analysen, ihre Adressaten nur gefühlsmäßig und deshalb nicht nachhaltig zu erreichen vermögen. Sie vergessen, dass Gefühle instrumentalisierbar sind im Schlechten, im Sinne herrschender Macht, nie im Guten, nicht nur weil Gefühle flüchtig sind wie der Sinn, auf den sie verweisen (Luhmann), zumal vage unspezifiziert, sondern weil – anders als negative Gefühle mit ihrem hohen Gewaltpotential – sich gute Gefühle sprachgestützt nicht nachhaltig erneuern lassen, wenn sie auf einen spezifizierbares Abstraktum nicht verweisen, zumal in einer Welt (der Kapitalverwertung) mit immer weniger ökonomischen Spielraum für immer mehr Menschen. Darauf können sich die Mächtigen zusammen mit ihrem Staat verlassen.

Wir haben es in der Sozialtheorie zu unserem Leidwesen generell mit analytischen Bemühungen zu tun, die das Innenleben nicht ausdrücklich (bewusst) einbeziehen, sodass Innen-Außen-Differenzen, bzw. –grenzen (ohne spezifizierte Innen-Außen-Verbindung) verschwimmen – mit gravierenden Folgen: Selbst erfahrene Analytiker neigen dazu, Vorstellungen, die das Innenleben über ein Etwas in der Welt hervorbringt, zu verdinglichen im Modus psychischer Äquivalenz, weil sie, um es mit Herbert Marcuse (MaH, S. 218) zu sagen, der Vorstellung (um nicht zu sagen: ihrer Phantasie) einen Status objektiven Erkennens der realen äußeren Welt zuschreiben, ohne zu gewahren, dass dies nur sehr unzureichend möglich ist, jedenfalls nicht, und das weiß auch Marcuse, im 1-zu-1-Modus (Vorstellung gleich Realität).

Das meint auch Marcuses Kollege Adorno, der, von Hegel inspiriert und in Differenz zu ihm, in seiner “Negativen Dialektik” (Titel seines Spätwerks) generell von einer unvermeidlichen Differenz von Begriff (Vorstellung, Theorie) und begrifflich einzukleidender Sache ausgeht, was dem Subjekt in analytischen und reflexiven Bemühungen arg zu schaffen macht. (Wahrnehmungs-) Störungen nehmen hier ihren Anfang, die für gewöhnlich einer analytischen Verarbeitung zugänglich sind, aber sich auch verselbständigen können bis hin zu medizinisch indizierten psychischen Störungen, wenn also gleichsam “normale Störungen” nicht bewusst, das (eigene) Innenleben ausdrücklich einbeziehend, kommuniziert werden. Das ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, subjektive von außersubjektiven Interessen trennen zu können mit dem Ziel, einer verabsolutierenden, “alles” versubjektivierenden Analyse zu begegnen.

Man könnte meinen, dass wir alle irgendwie “gefährdet” sind. Das Subjekt erlebt seine mentale Gefährdung in Gestalt angeblich vermeidbarer negativer Gefühle oder Spannungszustände, wiederum aufgrund angeblich vermeidbarer Innen-Außen-Differenzen; bis es darauf besteht, ohne es ausdrücklich zu sagen, die äußere Realität sei so wie in seiner Vorstellung, mit der sich jene Realität, ohne dass das Subjekt es ahnt, lediglich in “verstümmelter Form” (MaH, S. 218) wahrnehmen lässt. Daraus ließe sich im Umkehrschluss der Fehlschluss ableiten, die Vorstellung über etwas in der Welt gebe es in reiner Form. Könnte es sein, dass Marcuse diesen Fehlschluss hinter seinem Rücken transportiert? Um seine analytisch-theoretischen Bemühungen gegen Kritik zu immunisieren?

Nur ganz ohne Ahnung – bewusstlos hinter seinem Rücken – vermag das Subjekt, genauer: sein Innenleben, sich gegen Kritik, die lediglich als niederträchtig empfunden wird, zu immunisieren – am Ende stets im Tatsachenfetisch: Die Welt ist so wie sie ist. Und eine alternative habe in der Welt wie sie ist aufzugehen. Ein Fehlschluss, wie wir später deutlicher sehen werden, der sich im Bestreben, sich gegen Kritik zu immunisieren, dem Innenleben fraglos aufdrängt. Lassen Immunisierungen allerdings nach, weil sich die reale Welt (wie sie ist) allzu hartnäckig dem Innenleben aufdrängt, reagiert das Subjekt ggf. cholerisch (sich ab) mit dem uneingestandenen Ziel, verletzende Realitäten nach innen wie nach außen allzu deutlich für einen außenstehenden Beobachter zu verleugnen, zu verdrängen, zu ignorieren, um sich ihrer sprachgestützten Verarbeitung zu entziehen.

So tickt unser Innenleben generell, sozusagen “von Natur aus” – schichtübergreifend. Das trifft auch auf Wissenschaftler zu, die sich für Experten des Innenlebens halten. Alle machen sie die “drei Affen”: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Sie haben es nicht nötig; schließlich sind sie Experten; mit sich selbst identisch, im Reinen, selbstzufrieden. Das mag sein, allerdings im Hinblick auf eine verdinglichende – dem Negativen abgeneigte bzw. dem Positivistischen zugeneigte – Analyse, die es gestattet, v.a. das eigene Innenleben aus analytischen Bemühungen sauber auszuschaben, um es negativen Anfeindungen gar nicht erst auszusetzen, allerdings mit der Nebenwirkung einer “unendlichen Analyse” (Freud), in der sie ihre Analysanden nicht “wirklich” erreichen. Der Analysand mag spüren, dass ihm nicht “wirklich” geholfen wird, indes unsagbar: ohne dieses Gespür in sich schlüssig zum Ausdruck bringen zu können (weil er nicht weiß, “wie ihm geschieht”), schon gar nicht seinem Analytiker. Und wenn doch, vielleicht nur aus Versehen, dann holt der auch schon mal die Polizei. Er sagt sich frei nach Wittgenstein: worüber man nicht reden könne, solle man schweigen.

Wir haben es beim Analytiker-Analysand-Verhältnis wie im alltäglichen Nahbereich mit einem gestörten Innen-Außen-Bezug zu tun, den – bei aller Liebe – Marcuse in seinen theoretischen und analytischen Bemühungen nicht ausdrücklich kommuniziert, es vielleicht gar nicht in sich stimmig könnte wie sein im Alltag leidende Analysand. Marcuse vermag es lediglich in der Opferrolle als von außen gemacht zu beschreiben. Er spricht zwar kritisch über diffuse oder nebulös verwendbare Allgemeinbegriffe wie “Repression”, “Freiheit”, “befriedetem Dasein”, die Marcuse gleichwohl irreal-visionär verwendet, als könnten sie unspezifiziert ein “Real-Allgemeines” repräsentierten; als seien sie angemessen in Aussagen übersetzbar, “die sich auf ein partikulares Daseiendes beziehen”(MaH, S. 218). Dass der Allgemeinbegriff “Nation” so nicht verwendbar ist, sagt Marcuse ja ganz richtig (ebd), ohne diese Erkenntnisse auf seine unspezifisch-visionären Begriffe zu übertragen.

Dass “Nation” wie ein Real-Allgemeines verwendet wird – dafür sorgt das Subjekt selbst. Es neigt – wie gesagt von Natur aus – zur verdinglichenden Verwendung von Allgemeinbegriffen, selbst wenn sie nicht konkretisierbar sind, weil wir alle die verdinglichende, um nicht zu sagen positivistische Verwendung sprachlicher Ausdrücke von Kindheit an verinnerlicht haben. Wie auch nicht? Das passiert von Natur aus in dem Moment, wo das Kind Sprechen lernt. Ein tiefverinnerlichtes Erfolgsmodell, von dem das Subjekt nicht lassen will, das dazu verführt, Begriffe wie Worte in verdinglichender Form zu verwenden,

“als gäbe es keine Differenz zwischen Innen und Außen, zwischen Zeichen und Gegenstand. So denken wir im Sinne einer gleichsam wirklichkeitsfremden Konstruktion, ohne die das Lernen (z.B. einer Sprache) nicht möglich wäre (…) Wir wollen in einem Menschen etwas auf eine Weise erkennen, als gäbe es einen sozialverträglichen Kurzschluss zwischen Vorstellung (von einem Menschen) und Realität (wie dieser Mensch wirklich ist) (…), ein Unterfangen, dessen Vergeblichkeit wir zu oft sozial-unverträglich nicht wahrhaben wollen.” (DP4, S. 79).

In (DP3, S. 203) heißt es ergänzend im Kontext einer Auseinandersetzung mit Tugendhat, einem Vertreter der analytischen Philosophie:

“Er behandelt die Nicht-Identität von einem Bedeutungsträger (Zeichen) und dem, worauf er verweist, seinen Gegenstand, gleichsam wie eine überhistorische Tatsache (…), vermutlich, weil er außer Acht lässt, dass die Sprache ihren gegenständlichen, festgefügten, sozusagen entwicklungsabstinenten Bezug braucht, freilich, und das ist entscheidend: im Sinne einer Annahme, einer gleichsam wirklichkeitsfremden Konstruktion, ohne die eine Sprache nicht erlernbar wäre. Und weil das so ist, und wir lernen wollen und müssen, ist der eindeutig identifizierbare Gegenstand – das festgefügt Positivistische – zusammen mit der Fähigkeit zu sprechen uns buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen: wahr ist das, im universellen Sinne, was wir sehen, fühlen, messen, etc., kurz: sich physikalisch beschreiben lässt, mithin das, was sich logisch nicht widerspricht, was nicht heißt, dass für unseren Positivisten etwas wahr sein muss, was sich logisch nicht widerspricht. Er würde sagen: Logik ist nicht alles, aber ohne Logik ist alles nichts, vor allem das, was ein Mensch sagt, nicht verstehbar.”

Die Zitate deuten an, warum das Subjekt dazu neigt, den Allgemeinbegriff “Nation” so zu verwenden, als sei er – mit sich selbst identisch – in der Lage, das gesellschaftliche Ganze zu repräsentieren, ohne sich einer Konkretisierung zu öffnen, wie Marcuse richtig sagt: er ist in seine Bestandteile nicht übersetzbar. Das sei “eine geschichtliche Tatsache, die sich einer sprachlichen und logischen Analyse [der Nation, Hinzuf. FW] in den Weg stellt” (MaH, S. 218).

Den Begriff der Nation in Bezug auf das gesellschaftliche Ganze verdinglicht zu verwenden, liefe darauf hinaus, dass es zu einer das Ganze infrage stellenden Kritik mit dem Ziel seiner Überwindung (Transzendenz) nicht kommen kann, wie gesagt, wenn man “Nation” so verwendet, als könne er das Ganze im Sinne aller Bürger repräsentieren. Wer dem nicht zustimmt, gilt schnell als unpatriotisch, früher als Vaterlandsverräter, und würde sich damit außerhalb des gesellschaftlichen Ganzen stellen. Davor haben Menschen ganz generell große Angst, wie Peter Brückner schlüssig darlegt (vgl. seine Bemerkungen über “soziale Kontrolle und Integration” in BrP, S. 15ff).

Für meine Begriffe verweist Marcuse hier auf eine Form sprachlich transportierter Gehirnwäsche, der sich das Subjekt, will es “dazu gehören”, nicht entziehen kann, zumal wenn für gewöhnlich positive Hochgefühle in den Begriff der Nation projiziert und Menschen in ihrem alltäglichen Nahbereich denunziert werden, wenn sie mit dem Begriff “Nation” keine großen Gefühle verbinden.

Schlimmer noch: Die Liebe zu einem Menschen gilt nur dann etwas, wenn sie sich durch die Liebe zur Nation legitimiert; sodass das (Liebes-) Gefühl hinter dem Rücken des Liebenden primär auf anderes als auf eine konkrete Person verweist, nämlich auf ein diffuses “Ganzes”, als ließe sich dieses konkret oder gegenständlich wie eine Person spezifizieren, mit konkreten Eigenschaften, die in ihrer konkreten Form in der Tat der Liebe für würdig empfunden werden können. Die Liebe wähnt hier gleichsam wie im Wahn, dass sich das Ganze in seine partikularen Teile auflösen lässt, um einer prädikativen Beschreibung zugänglich ist. Das ist sie lediglich abhängig von einem wahnhaften Innenleben, das Hochgefühle erlebt, weil es “dazu gehört”, zur Nation. Das Gefühl verweist auf einen sozialen Sachverhalt des Innenlebens, d.h. auf eine Vorstellung in Gestalt eines pseudo-verobjektivierbaren verinnerlichten Objekts (der Nation), das nur deshalb existiert, weil positive Gefühle (der Zugehörigkeit) seine Existenz anzeigen, freilich nicht im Sinne eines tatsächlich außersubjektiven Sachverhalts; dieser wäre einer Analyse zugänglich, wenn er unabhängig von den Vorstellungen einer Personen existieren würde. Andernfalls existierte er lediglich scheinhaft – unter der Bedingung einer verdinglichenden Verwendung des Begriffs der Nation – einer Analyse zugänglich im Modus psychischer Äquivalenz; als verweise der Begriff auf einen Gegenstand, der einer eindeutigen (wortwörtlichen) Identifikation durch den Begriff zugänglich sei, als sei der Begriff “Nation”  mit sich selbst identisch.

Mit sich selbst identisch sind nicht einmal physisch beschreibbare Objekte. Ein Stein ist zwar einer prädikativen Beschreibung zugänglich, als sei er mit sich selbst identisch, allerdings sieht er sich durch seine Umgebung der Verwitterung (dem Verfall) ausgesetzt, sodass man sagen kann, durch seine Umgebung wird dem Stein Gewalt angetan, so wie Menschen durch ihre Umgebung, in die sie eingebettet sind, Gewalt ausgesetzt sind. Fragt sich, von welcher Gewalt hier die Rede ist. Es gibt eine durch den Kapitalverwertungsmechanismus induzierte Gewalt, die keineswegs “natürlich” ist (etwa wenn Menschen sich streiten und dabei zur Gewalt neigen), sondern von Menschen künstlich (naturwidrig) erzeugt ist und dennoch ihnen gegenüber wie eine unabhängige (Natur-) Macht gegenübertritt, als sei gegen sie kein Kraut gewachsen, als sei man ihr bedingungslos ausgeliefert wie das beim Verfall, bei Krankheit oder Tod der Fall ist.

 

1.1 Das gesellschaftliche Ganze als logische Entität

Marcuse erweist sich übrigens nicht nur hier (MaH, S.218) als hellsichtiger Kritiker einer verdinglichenden Verwendung von Allgemeinbegriffen, als seien diese mit sich selbst identisch, einer verbegrifflichenden Analyse dann nicht mehr zugänglich. Marcuse unterschlägt allerdings, dass wir um Verdinglichungen unter bestimmten Umständen nicht herum kommen und zwar, wie oben betont, im Sinne einer Annahme oder Konstruktion (Vorstellung), ohne die wir nicht lernen, nicht differenzieren, ja nicht einmal wahrnehmen bzw. etwas für “wahr” erachten können. Also denken und sprechen wir gewöhnlich so, als sei ein Etwas, das wir wahrnehmen, mit sich selbst identisch, z.B. das “Stachelschwein” im Wort identifiziert, um es zu erlernen, weil das Wort auf den Gegenstand “Stachelschwein” zeigen kann. Wir wären ohne die verdinglichende Verwendung von Zeichen nicht nur nicht in der Lage, eine Sprache zu lernen, sondern auch nicht in der Lage etwas über uns und unsere Umgebung, in die wir involviert sind, in Erfahrung zu bringen.

Gleichwohl ist auch die Annahme (Vorstellung) einer der verdinglichenden Beschreibung zugänglichen Welt nicht identisch mit sich selbst. Das zu unterschlagen, legt eine verdinglichende Verwendung des Begriffs “Verdinglichung” nahe. Im Sinne einer mit sich selbst nicht identischen Annahme muss auch das Ganze (der Allgemeinbegriff, der auf das Ganze zeigt) mit dem Ziel seiner Verbegrifflichung einer – wie oben betont “scheinhaften” – Verdinglichung zugänglich sein. Das gelingt indes nicht auf der Basis von Allgemeinbegriffen wie “Nation”, der das gesellschaftliche Ganze nur scheinhaft zu repräsentieren vermag, das heißt lediglich in Abhängigkeit zu einem vorgestellten Ganzen, das unabhängig vom Innenleben nicht existiert; das also nicht existent ist als ein Außen, das einer Verdinglichung zugänglich gemacht werden könnte unabhängig vom Gefühl; wenn man es, wie gleich deutlicher wird, denn wollte, als sei das Ganze tatsächlich spezifizierbar, zerlegbar in Einzelteile, einer prädikativen Beschreibung zugänglich.

Ist es aber nicht. Wie aber dann das Ganze spezifizieren, wie es unserer verinnerlichten Gewohnheit entspricht und auch im Falle sozialer oder familiärer Strukturen praktiziert wird? Zum Beispiel indem man das Subjekt im Hinblick auf seine Eingebundenheit in soziale Strukturen befragt oder analysiert. Ein Ganzes lässt sich indes nicht wie eine Person befragen. Wir glauben das allerdings, weil uns unentwegt repräsentative Umfragen präsentiert werden, die uns bedeuten, dass das Ganze “etwas macht”, noch dazu auf gut “demokratisch” unter Einbeziehung eines einzelnen Subjekts.

Wie unter diesen Umständen das Ganze in eine verdinglichende Analyse einbeziehen, wenn es denn nicht wie eine soziale Struktur verwendet werden kann bzw. konkretisierbar ist? Die Antwort lautet: Das gesellschaftliche Ganze ist definitiv spezifizierbar im Sinne einer logischen Entität, wenn es denn in Differenz zu einer beliebigen sozialen Struktur, aber in Verbindung mit dieser existieren soll. Das gelingt, wenn sich eine beliebigen sozialen Struktur einem Allgemeininteresse, verpflichtet fühlt, welches das Ganze repräsentiert und zugleich eingelassen ist in jene beliebige soziale Struktur als etwas, das in gewollter Differenz zu ihr oder als etwas, das ihr bzw. dem Innenleben ihrer Subjekte fremd ist. Derart kann sich das Ganze in Gestalt eines Allgemeininteresses der menschlichen Würde verpflichtet fühlen in Form des Satzes: Die Würde des Menschen darf unter keinen Umständen angetastet werden (Art. 1, GG). Man kann das Ganze nicht befragen, ob es diesem Satz zustimmt oder nicht. Weil es einfach festgelegt ist, eben ist wie es ist. Wie eine unumstößliche Tatsache zu verwenden. Zu verwenden für ein einzelnes Subjekt.

Der Satz von der Würde des Menschen schließt die körperliche Unversehrtheit aller Menschen, einschließlich von Straftätern, ein (Art. 2, GG); und bedeutet konkret: keine Todesstrafe, keine Folter, keine Armut, kein Arbeitszwang. Es sind dies Grundrechte, die für ein beliebiges Subjekt unmittelbar einklagbar gelten müssen. Wir wollen, dass dem so ist, damit die Existenz von Grundrechte nicht als Lippenbekenntnisse missbraucht werden können. Ob ein einzelnes Subjekt Grundrechte in Anspruch nimmt, läge ausschließlich in seiner Verantwortung. Es wäre in gesellschaftliche Prozesse unmittelbar einbezogen, müsste diese nicht ausschließlich über sich ergehen lassen.

Indes weiß die (innere) Natur des Subjekts von sich aus nichts von einer allgemeingültigen Verpflichtung, derzufolge die Würde des Menschen unteilbar ist und nicht angetastet werden darf. Die innere Natur des Subjekts will etwas anderes: die Unversehrtheit seiner Bestandsregungen (keine negativen Gefühle), die ungebremst im Modus psychischer Äquivalenz in die Unversehrtheit der Bestandsinteressen der sozialen Strukturen, in die das Subjekt involviert, projiziert werden – wenn, ja wenn jene allgemeingültige Verpflichtung dem Subjekt nicht von außen in Gestalt einer Verfassungsordnung (Art.1 und 2, GG) auferlegt werden würde, wie  um der inneren Natur des Subjekts Gewalt anzutun; indem ihr etwas in Differenz zu ihr, auferlegt wird, das ihr feindlich gesonnen – fremd – ist.

Exakt dieses Fremde gilt es zu verarbeiten, wenn sich das Subjekt als ein vergesellschaftetes Subjekt begreifen will. Das geht nicht im Sinne eines abgeschlossenen Prozesses – so in der Art eines Initiations-Ritus: ab heute bin ich vergesellschaftet. Vergesellschaftung ist ein Prozess, der das Subjekt immer wieder aufs Neue, bis ins hohe Alter, als gesellschaftliches Wesen konstituiert. Oder aber es ist nicht gesellschaftsfähig.

Im Prozess der Vergesellschaftung wird der (inneren) Natur des Subjekts Gewalt angetan. Es ist dies eine Gewalt, die wir im Unterschied zur Gewalt, die dem Subjekt durch die Kapitalverwertung angetan wird, bewusst wollen. Es geht darum, Differenzen zwischen Innen und Außen, die in der Natur des Subjekts nicht oder jedenfalls nicht zufällig existieren, zu kommunizieren, um das Subjekt in die Lage zu versetzen, als sich in einem real-allgemeinen Sinne als gesellschaftliches Wesen zu verstehen. Das gelingt nicht, wenn z.B. die “Nation” das Ganze im Sinne eines Allgemeininteresses repräsentieren würde, die zwar eine Zugehörigkeit des Subjekts definieren würde, die indes – anders als das Zugehörigkeitskriterium “einklagbare Inanspruchnahme von Würde” – jederzeit kündbar wäre, wenn das Subjekt im Sinne der Nation nicht richtig fühlen, denken und sprechen würde. Es müsste “richtig” im Sinne der Nation funktionieren, oder es würde seine Zugehörigkeit aufs Spiel setzen.

Wesentlich ist, dass dem Ganzen, wenn es sich durch die Nation repräsentiert sieht, Würde zukommt, nicht dem Subjekt; dieses darf sich vor der Nation (bzw. seinen öffentlichen Repräsentanten) lediglich verbeugen. In dieser Hinsicht werden Differenzen zwischen Nation und Subjekt lediglich zum (inneren) Leidwesen des Subjekts festgestellt. Der Vaterlandsverräter wird nicht geduldet. Am Ende, zuende gedacht, sieht sich das Ganze auf ein (richtiges oder falsches) Gefühl (zur Nation) reduziert; das liefe auf eine Versubjektivierung des Ganzen im Modus psychischer Äquivalenz hinaus, idealtypisch ausgebildet in Form einer Massenpsychose kurz vor dem Ersten Weltkrieg oder im Nationalsozialismus.

Damit sich das Ganze nicht auf ein Gefühl reduziert sieht, muss es ein Allgemeininteresse geben, welches, mit Marcuse gesprochen, das Ganze transzendiert (überwindet). Das heißt, das Ganze verweist auf einen Soll-Zustand nicht des Ganzen, sondern genauer: im Ganzen, der im Ist-Zustand des Ganzen nicht aufgeht, in Differenz zu ihm existiert. Mehr Verdinglichung im Hinblick auf ein Ganzes in Differenz zu einem alternativen Ganzen braucht es nicht, aber ohne exakt diese – wenn man so will: konstruktiv-realitätsfremde – Verdinglichung läuft nichts. Ohne sie gibt es keine in sich stimmige Theorie des Ganzen.

Man kann von einer realitätsfremden Verdinglichung sprechen, weil der Ist-Zustand sowie der Soll-Zustand nicht mit sich selbst identisch sind? Das hieße in der Tat eine Vorstellung durch eine andere ersetzen, vergleichbar mit Adornos Aussage (in seiner “Negativen Dialektik”), dass die Differenz, die zwischen Begriff und Sache existiert, wiederum nicht mit sich selbst identisch ist, es sei denn gedacht als absolute Wahrheit im Modus psychischer Äquivalenz.

Wie nun den Regress unterbrechen? Wir haben es hier mit einem Scheinproblem zu tun; es löst sich methodisch im Hinblick auf soziale Theoriebildung auf, wenn der Ist-Zustand auf eine (beliebige) soziale Struktur verweist, die, wie oben gezeigt, einer verdinglichenden Beschreibung zugänglich ist, vorausgesetzt, sie maßt sich nicht an, das Ganze (die Summe aller sozialen Strukturen, idealtypisch vernetzt zu einem Ganzen) zu repräsentieren. Er darf sich als Teil des Ganzen verstehen, das seinerseits in Form einer Soll-Vorstellung existiert, die das Ganze repräsentiert, eingelassen in seine Teile, aber in Differenz zu ihnen einer verdinglichenden Beschreibung zugänglich im Sinne einer logischen, nicht körperlich beschreibbaren Entität. Damit wird mit der Soll-Vorstellung lediglich etwas gegenständlich zum Ausdruck gebracht, das “alle” Subjekte (kein bestimmtes Subjekt) gegenstands- oder sachbezogen einschließt, und zwar durch die Möglichkeit ihrer Inanspruchnahme von Grundrechten.

“Grundrechte für alle” im Sinne einer definitiv-logischen Entität, die das Ganze repräsentiert, ist etwas, was wir wollen müssen, auch nur wollen können, weil es sich aus der Natur des Menschen heraus nicht versteht und deshalb einer Rationalisierung nicht zugänglich ist. Man könnte vielleicht von einer sinnvollen Tautologie sprechen, die in einer mehr archaisch geprägten sozialen Struktur nicht akzeptiert würde, in der Subjekte unentwegt ihr konkretes Leben rationalisieren, auch wenn dies, wie Kant vernunftkritisch anmerkte, gewohnheitsmäßig tautologisch passieren mag, ohne aber dass Subjekte gewahren, dass im Hinblick auf alle Menschen, aufs Ganze gesehen, Lebensweltrationalisierung zu nichts führt, wenn sie sich nicht an etwas bemisst, was aus der sozialen Struktur heraus – ihr fremd, das Fremde verdrängend – sich nicht rationalisieren lässt: wir wollen Grundrechte für alle, auch für Straftäter, weil wir sie wollen; wir wollen keine Todesstrafe, weil wir sie nicht wollen, und nicht weil sie einen unschuldig verurteilten Menschen betreffen könnte.

 

1.2 Die Existenz Gottes als Tautologie

Sinnvolle Tautologien sind dem menschlichen Denken, aber auch dem Leben generell fremd, wenn sie sich denn, wie in der Vernunftkritik von Kant, zu erkennen geben. Aufs Ganze gesehen können sie sinnvoll sein, weil Menschen in einer sozialen Struktur bezüglich gemacht, fest an sie gebunden werden müssen, ohne dass dies blind von Natur aus geschieht. Diese sieht Sanktionen für Subjekte vor, die sich an eine soziale Struktur nicht (mehr) gebunden fühlen, weil sie sich von ihr nicht (mehr) hinreichend ausgesprochen fühlen. Dafür sieht der Staat Sanktionen vor, der glaubt das Ganze zu repräsentieren, selbst wenn das (nicht mehr gebundene) Subjekt Grundrechte in Anspruch nimmt, deren Inanspruchnahme der Staat eigentlich zu garantieren hätte, etwa ein “sanktionsfreies Existenzminimum” für Menschen, die auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind (vgl. WsB).

So sind Staat und, wenn auch nicht durchgehend, die Sozialtheorie gestrickt: verfassungswidrig, weil insbesondere der Staat glaubt, es sei von der Verfassung gedeckt, das Existenzminimum sanktionieren, ohne das Leben des Subjekts aufs Spiel zu setzen. Allerdings werden später in einem umfassenderen Zusammenhang sehen: auch die Sozialtheorie ist vollumfänglich, wenn man so will: staatskonform, nicht gesellschaftsfähig.

Interessant ist, dass viele sich gegen Hartz-IV-Sanktionen aussprechen, ohne darüber nachzudenken, warum sie im Hinblick auf das gesellschaftliche Ganze und seiner in Differenz zu ihm stehenden sozialen Strukturen richtiggehend existenzwidrig (motiviert) sind. Als stehe, von der Verfassung gedeckt, die menschliche Existenz als solche rationalisierbar (moralisch begründbar) zur Disposition. Eine Frechheit ohnegleichen.

Viele wissen ferner nicht, warum das gesellschaftliche Ganze, wenn es die Existenz des Menschen denn naturwidrig repräsentieren soll, für sich genommen ebenfalls nicht rationalisierbar ist. Aus der berühmten von Habermas zu recht für notwendig erachteten Lebensweltrationalisierung folgt für sich genommen, anders als Habermas behauptet, nichts.

Das schließt allerdings ein, dass die Notwendigkeit der Existenz einer Ganzheitsvorstellung rationalisierbar ist, um zu gewährleisten, dass sich Subjekte zusammen mit ihren sozialen Strukturen mit sich selbst auseinandersetzen können, wenn man so will: Lebensweltrationalisierung betreiben können. Das gelingt nicht, wenn sie sich mit sich selbst identisch fühlen. Dass sie nicht mit sich selbst identisch sind und sich ggf. auch nicht so fühlen, es sei denn wie im Wahn, dafür sorgt die Ganzheitsvorstellung, wenn diese ins Innenleben der Subjekte eingelassen ist als etwas, das in Differenz zu ihrem Innenleben steht. Exakt das müssen wir bewusst wollen: dass wir mit uns selbst nicht identisch sind. Oder aber wir sind nicht gesellschaftsfähig.

Das schließt ein, dass sich die Ganzheitsvorstellung (so soll es definitiv sein) nicht in körperbezogene Eigenschaften einkleiden lässt; so wie die Gottesvorstellung sich nicht körperlich begreifen lässt (Gott als Mann mit weißem Bart). So fordert es Gott, indem er sagt: “Ich bin der, der ich bin” oder “Du sollst Dir kein Bild von Deinem Gott machen”.

Eine solche körperlose, gegenstandslose (Soll-) Vorstellung versteht sich nicht von selbst. Menschen leben und lernen nun mal in Bildern; d.h. jene Vorstellung von einem Gott, der nur ist, was er ist, ist dem menschlichen Leben fremd, sodass sie dem Leben immer wieder assimiliert werden muss und auch kann, eben weil sie dem menschlichen Leben fremd bleibt, sodass dieses zusammen mit seinen Subjekten nie wirklich mit sich selbst identisch ist – gegen ihre innere Natur gerichtet, die auf die Wahrung von Bestandsregungen (des Subjekts) fixiert ist.

Als Tatsache nicht begreifbar, bleibt Gott den Subjekten mit ihrer durch und durch positivistisch geprägten Mentalität fremd, ihnen zur lebenslangen Aufgabe auferlegt, und sogt dergestalt dafür, dass sich die in die soziale Struktur involvierten Subjekte verantwortlich fühlen können für sich selbst wie im Hinblick auf das Ganze, abstrakt und konkret zugleich, zu begreifen als Prozess, der nicht ein für allemal als abgeschlossen gelten kann.

Die Notwendigkeit einer derart definitiv verdinglichten Ganzheitsvorstellung kann aus Marcuses Werk (MaP) mit noch so viel gutem Willen nicht herausgelesen werden. Dass dem so ist, lassen die letzten 50 Seiten seines Buches erkennen, in denen er alternative Chancen im Hinblick auf das Ganze vage, um nicht zu sagen ziemlich belanglos ohne praktische Bedeutung für ein beliebiges Subjekt diskutiert. Hier führen Allgemeinbegriffe wie “Freiheit, Befreiung, Befriedung des menschlichen Daseins” etc. ein Leben weder in Verbindung zueinander und zu einem Ganzen, weil Marcuse sie, den Begriff des Ganzen eingeschlossen, nicht in verdinglichender Absicht und in Verbindung zu einem einzelnen Subjekt spezifiziert.

Eine Verbindung des Subjekts zum Ganzen, die das Subjekt als verantwortlich für sich selbst wie aufs Ganze gesehen begreift, ist nur möglich, wenn man das Ganze in verdinglichender oder fremdbestimmter Absicht spezifiziert. Dass Marcuse das nicht im Sinn hat, lassen die folgenden Bemerkungen am Ende seines Buches “Der eindimensionale Mensch” erkennen:

“Da die Entwicklung und Nutzung aller verfügbaren Ressourcen zur allseitigen Befriedigung der Lebensbedürfnisse die Vorbedingung der Befriedung ist, ist diese unvereinbar damit, daß partikulare Interessen vorherrschen, die dem Erreichen dieses Ziels im Wege stehen. Qualitative Änderung hängt davon ab, daß für das Ganze gegen diese Interessen geplant wird, und eine freie und vernünftige Gesellschaft kann sich nur auf dieser Basis erheben” (MaH, S. 262).

 

So lässt Marcuse auf den letzten Seiten sein Werkes ausklingen: belanglos für ein einzelnes Subjekt, das er, wenn es denn leidet, weil es von einer unzumutbaren Soll-Vorstellung, die im Kapitalverwertungsprozess aufgeht, sich heimgesucht, allein gelassen fühlt, um ggf. im Müll zu enden. Das Subjekt muss sich schlicht und einfach von Bezügen, die es für nicht zumutbar empfindet (eine Empfindung reicht), lösen können, ohne sich dafür über seine Empfindung hinaus rechtfertigen zu müssen. So ließe sich ein “Ziel”, das nicht nur in diesem Zitat lediglich gut gemeint verwendet wird, spezifizieren.

Davon kein Wort auf 270 Seiten. Derart vermag Marcuse das Subjekt nicht zu erreichen, das nur fremdbestimmt in verdinglichter Form erreichbar ist. Marcuse verkennt, dass Verdinglichung und Entfremdung (dem Fremdsein) eine grundlegende Funktion im Hinblick auf eine sozialverträgliche Gestaltung des Innenlebens des Subjekts sowie auf seine äußeren sozialen Strukturen zukommt.

Er vermag ferner nicht zu sagen, wie ohne Verdinglichung des Ganzen es um die Verbindung des Subjekts zum Ganzen bestellt ist. Das hätte er als Hobby-Historiker wissen können. Schon Gott repräsentierte vor über 3000 Jahren das gesellschaftliches Ganze, das den Subjekten auferlegt wurde als etwas, das ihnen fremd. Davon zeugt die Hiob-Geschichte im Alten Testament (vgl. DP2, S. 176ff), in der Gott sich seiner verdinglichenden Verwendung gegen Hiobs Erlösungsbedürfnis verweigert. Das Ganze muss sich aber seiner Verdinglichung öffnen, ohne die sich keine Gottesvorstellung hätte entwickeln können und zwar auf eine Weise, das sieht Hiob ganz richtig, die für ein einzelnes Subjekt von unmittelbar praktischer Bedeutung ist, die nicht gegeben ist in der Verheißung auf eine unbestimmte Zukunft, die das Subjekt vom gesellschaftlichen Ganzen trennt, weil dieses sich als nicht analysierbar geriert. Dazu muss sich das Subjekt zumindest ein Bild von Gott machen können.

Kurzum: das Subjekt ist (wie Hiob) durchaus bemüht in verdinglichender Form eine Verbindung zum Ganzen (zu Gott) herzustellen, allerdings vergeblich, schon vor 3000 Jahren. Früher wie heute soll jene Verbindung sich in seiner Fantasie konstituieren, begleitet von positiven (Halleluja-) Gefühlen, die sich auf alles Mögliche beziehen können, ohne dass sich das Subjekt, wenn’s drauf ankommt, etwas dafür kaufen kann, sodass sich jene positiven Gefühle nicht zu halten vermögen, früher wie später, um irgendwann in negative Gefühle umzuschlagen (latenter Zweifel an der Existenz Gottes) und ggf. in Gewalt (an Ungläubige) zu münden – letztlich mit dem uneingestandenen Ziel, eigene Zweifel (Sünden) zu verdrängen, zu verleugnen, indem man sie im Anderen identifiziert, um sich legitim an ihm abreagieren zu können. So funktioniert Geschichte. Gar nicht so anders wie wir selbst.

Auf heute, den alltäglichen Nahbereich übertragen, kann sich das Subjekt nichts dafür kaufen, wenn man ihm bedeutet, es könne stolz sein, ein Deutscher zu sein, zumal in messianischer Geste zur deutschen, amerikanischen etc. Nation zu gehören. Derartige Allgemeinbegriffe sind leer, einer verdinglichenden Analyse nicht zugänglich, wiewohl sie das leidende Subjekt, das nach erlösender Verheißung lechzt, in verdinglichender Form mit Hochgefühlen besetzt und verwendet, und damit auch verinnerlicht, sodass sie im Innenleben so verdinglicht wie belanglos vor sich hinspucken mit der Nebenwirkung, dass sich das Subjekt von jedem tatsächlichen resp. außersubjektiven Objektbezug verabschiedet. Eben weil es jene im Innenleben herumspuckenden Geister für real hält, während es den alltäglichen Nahbereich nur durch jenen Spuk hindurch zu akzeptieren vermag. Später werden wir eingehender untersuchen, was es bedeutet, das gesellschaftliche Ganze einer Verdinglichung im realen (nicht nur vorgestellten) Interesse des Subjekts zu öffnen.

Zur Ehrenrettung Marcuses (wie auch späterhin Brückners Sozialpsychologie) sei gesagt, dass er es schon mal ganz richtig sieht, dass der Begriff “Nation” (wie überhaupt Institutionen wie Staat, Partei, Konzern, Kirche, etc., aber auch Leer-Begriffe wie Rasse oder Volk) zu einem Fehlschluss in Bezug auf das gesellschaftliche Ganze führt; ich möchte ergänzend hinzufügen, als sei es beschreibbar und verwendbar wie eine soziale Struktur. Das ist nur scheinhaft möglich, wenn jener Begriff “Nation” in einem überhöhenden Sinne, der zugleich das eigene Innenleben überhöht, mit Hochgefühlen belebt, gleichwohl verdinglicht verwendet wird und damit tendenziell das Denken in Identitäten im Modus psychischer Äquivalenz (Identität von Innen und Außen, Tatsachenfetisch) zum ausschließlichen Teil des Innenlebens gerinnt.

Obwohl das gar nicht nachhaltig gelingen, weil sich das Außen dem Innenleben immer wieder schmerzlich aufdrängt und deshalb im Modus psychischer Äquivalenz abgewehrt gehört. Dann hängt auch schon mal der Haussegen schief. Das gilt ebenso für Teile des Ganzen (Institutionen wie Staat, Parteien, Kirchen etc.), wenn diese glauben, das Ganze (im Sinne eines Allgemeininteresses) repräsentieren zu können (gelingt nie und nimmer nachhaltig), indem sie Plakate mit Forderungen drauf in die Kamera halten in der Erwartung, andere Menschen damit zu erreichen. Der Forderung für sich genommen kommt selbst im Licht der Öffentlichkeit in unserer Gesellschaft nicht die geringste Bedeutung zu. Die Herrschenden haben längst gelernt, gut gemeinte Forderung für ihre abartigen Zwecke zu instrumentalisieren und zwar solange es – wie bei Marcuse – lediglich um Gesinnungen geht, um gut gemeinte Leerbegriffe, die Transzendenz nur postulieren, als könnten sie für sich selbst sprechen: Ist doch klar: Putin ist böse und mordsgefährlich, weil er keine Homosexuellen mag, die Krim annektiert hat, Assad unterstützt etc. Also müssen wir gegen ihn aufrüsten, Gewalt androhen, weil das Böse keine andere Sprache verstehe. Auf diese Weise werden wir das Gewaltproblem nie los, das sich immer auch gegen uns selbst richtet.

 

2. Moralisieren auf Basis einer mit sich selbst nicht identischen Moral

(wird fortgesetzt)

 

Quellen:

BrP: P. Brückner, Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus, Hamburg 1981, erstmals erschienen 1972

BuF: Bateman / Fonagy, Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Gießen 2008, zit. nach 2014

DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers, 1. Teil: Zum Begriff der Teilhabe. Norderstedt 2015 (1. Auflage 2009)

DP2: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 2. Teil: Mehrwert und Moral, Norderstedt 2012

DP3: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 3. Teil: Vom Gefühl zur Moral,

Norderstedt 2013

DP4: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. 4. Teil: Theorie der Gefühle,

Norderstedt 2012 (zit. n. 2015)

GuV: Wolfgang Detel, Geist und Verstehen, Frankf./M. 2011

MaH: Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Hamburg 21998 (Luchterhand). Erstmals erschienen Boston 1964, in der dt. Ausgabe 1967. Im Internet zugänglich unter dem Link:

T01: Franz Witsch, Störfall oder das Zeichen will nichts mehr bedeuten

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 2-7)

T02: Franz Witsch, Begreifen, was man sagt

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 8-18)

T03: Franz Witsch, „Projektive Identifizierung“ oder unreflektiert existiert das Zeichen im Einklang mit dem Gefühl

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf (S. 19-27)

TaS: Svenja Taubner, Konzept Mentalisieren, Gießen 22016

TK1: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung

Frankf./M. 1995, 1.Auflage 1981

TK2: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankf./M. 1995, 1. Auflage 1981

WPF: Franz Witsch, „Eine fantastische Frau“ (Filmbesprechung)

http://film-und-politik.de/WIF-Akt.pdf (S. 14)

WsB: Bundesverfassungsgericht muss entscheiden. Richter Jens Petermann:

Hartz IV-Sanktionen gehören abgeschafft.

Focus Money Online vom 12.01.2019

https://www.focus.de/finanzen/recht/bundesverfassungsgericht-muss-entscheiden-richter-jens-petermann-den-hartz-iv-grundbedarf-darf-der-staat-nicht-kuerzen_id_10173816.html

ergänzend:

Teilziel erreicht – Verhandlung über SGB-II-Sanktionen im Bundesverfassungsgericht. Scharf-links.de vom 10.01.2019, von WIR-SIND-BOES

http://scharf-links.de/41.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=68112&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=efce0baaa3

Bundesverfassungsgericht: Kippt jetzt Hartz IV?

Zeit Online vom, vom 14.01.2019, von Tina Groll

https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-01/bundesverfassungsgericht-hartz-iv-sanktionen-strafen-verfassungswidrigkeit-faq

 







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