Obdachloser, Du fliegst raus!


Bildmontage: HF

27.05.17
SozialesSoziales, Sachsen 

 

Von Anika Möllerhenn, Leipzig

Bericht einer Zugfahrt von Dresden nach Leipzig am 09.05.2017 mit einem Regionalexpress um 22:17 Uhr, dem letzten an diesem Tag.

Ich sitze am Fenster, da draußen ist es dunkel und für diese Jahreszeit noch immer ungewöhnlich kalt.

Um mich, vereinzelt ein paar Fahrgäste, es herrscht relative Ruhe, nichts weiter zu hören, als das Rauschen der Bahn auf den Gleisen.

Hinter mir in ca. 5m Entfernung, eine dieser halbrunden Bahntoiletten mit Schiebetür.

Plötzlich schreit eine Stimme laut und unglaublich aggressiv: "Komm da raus, hier wollen noch andere Leute aufs Klo.Komm jetzt raus da, du hast doch sowieso keinen Fahrschein."

Ich und andere Fahrgäste drehen sich in Richtung dieses Schreiens.

Es kommt von der Zugbegleiterin, einer Mitte 50 jährigen, mittelgroßen Frau mit steinerner Mimik, stabilem Körperbau und aschblonden Haaren.Sie steht vor der Toilette, lacht und blickt angewidert, im Wechsel.

Ich sehe sie länger an um raus zu finden, warum sie die Aufmerksamkeit auf sich und ihr Schreien scheinbar so genießt.

Ich drehe mich zurück und sehe in die erschrockenen Augen, des Mannes vor mir, er blickt mit seiner kleinen, runden Brille durch die Sitzlehnen und beobachtet die Sache ähnlich verstört wie ich.

Dann seh ich rechts neben mir zu dem jungen Mann, auch er scheint ratlos und weiß noch nicht was hier gerade passiert.

Da fängt diese fürchterliche Stimme wieder an zu schreien."Komm jetzt raus, aber sofort!"

Sie steckt einen Ihrer Türöffner von der langen Metallkette in das Schloss und schiebt ohne langes Zögern, die Toilettentür auf.

Ich bin fassungslos und stell mir vor, ich säße in dieser Toilette, mir sei schlecht und ich wollte Ruhe oder wäre in sonst irgendeiner Situation, in der ich ungestört sein möchte, weil es in diesem Moment nicht anders geht.

Und dann reißt jemand die Tür auf und sagt, mit selbstgefälligem, herabwürdigendem Ton und angewidertem Blick: "Nur gut, dass ich vorher nichts gegessen habe."

In diesem Moment kann ich nicht anders, ich laufe auf sie zu und frage sie, was das soll, mit welchem Recht sie derart respektlos und lautstark auf den Mann einredet?

Sie fühlt sich in keinem Moment verunsichert oder im Unrecht und scheint im Gegenteil ihrer Sache sehr gewiss.Schließlich hat sie gerade einen Fahrgast auf frischer Tat erwischt, wie er sich in der Toilette versteckte um ihrer Kontrolle zu entgehen.

Ich blicke in das WC Häuschen und sehe eine kleine, eingefallene Figur, ein hagerer Kerl mit wirrem Blick, zerschlissenen Jeans, offenem Mund, die Hose halb runter, zwischen den Beinen eine Windel.

Sie sagt er hat keinen Fahrschein und an der nächsten Station wird er aussteigen müssen und schiebt ein leichtes Grinsen nach.

Die anderen Fahrgäste sind in der Zwischenzeit auch alle von ihren Plätze aufgestanden und stehen mit uns an dem Häuschen. Wir reden auf sie ein, dass sie ihn nicht hier im „Nirgendwo“ und dazu bei dieser Kälte aussetzen könne, sie müsse doch sehen, dass er offensichtlich in einem sehr schlechten Zustand sei und womöglich gar nicht wahrnimmt, was er macht.

Sie dreht sich um und will weiter Fahrscheine kontrollieren.

Ich geh zu meinem Platz und denke, sie hat es verstanden, geht ja nicht anders, sie kann doch den Kerl nicht einfach in diese Kälte stellen, so fertig wie er ist.

Einige andere setzen sich auch wieder, einige bleiben stehen und ich höre wie die Diskussion weitergeht.Sie lässt nicht ab und will ihn in Nünchritz aus dem Zug befördern.

Wir stehen zwischen den Stühlen, reden weiter auf sie ein.

Ein sitzender Fahrgast, Mitte vierzig, rundlich, augenscheinlich ebenfalls ein Angestellter der DB, steht ihr bei: "Wir haben nun mal Regeln, an die müssen wir uns halten."

„Was für Regeln?“ fragt einer. "Die Beförderungsrichtlinien der Deutschen Bahn." sagt die Zugbegleiterin."Und jemand ohne gültigen Fahrausweis, muss den Zug an der nächsten Station verlassen.“

Was??? Wir blicken uns gegenseitig in die Gesichter, die uns zeigen wie ohnmächtig und wütend, dieser brutale Umgang mit hilfebedürftigen, verlorenen Menschen macht.

Sie beharrt weiter und will mit all der ihr zur Verfügung stehenden Macht, einen Fahrausweis sehen oder er muss den Zug, an der nächsten Station, verlassen.

Eine Frau nimmt ihre Geldkarte aus der Tasche und sagt, "Ich bezahle das.", alle anderen fangen jetzt auch an, in ihren Taschen zu kramen und schnell sind die 16,40€ zusammen.

Der Kerl, um den sich alles dreht sitzt die ganze Zeit mitten in der aufgebrachten Runde, noch immer mit heruntergelassener Hose, Windel, Bierflasche und verdreht den Kopf, zieht sich mühevoll irgendwann die Hose hoch und macht es sich auf den Sitzen bequem.

Jetzt hat er einen Fahrschein und darf offiziell fahren, ob er es mitbekommt, wissen wir nicht.

Die zierliche Frau mit dem hübschen Gesicht und der Geldkarte, flüstert mir leise zu, ihre Mutter sei am Alkohol gestorben und sie wisse wie schlimm das ist.

Sie fängt an zu weinen und ich werde so unendlich traurig und zur gleichen Zeit furchtbar wütend.

Was ist das für eine bittere Gesellschaft, die von Regeln und Gesetzen spricht und Menschen in die Kälte schickt, die offensichtlich krank sind, nicht mehr wissen was sie tun und nicht mehr in der Lage sind sich selbst zu helfen?

Wir fragen, die wütende Person, ob sie die Nummer der Bahnhofsmission hat, „Ja.“ antwortet sie genervt und würde versuchen jemanden zu erreichen.

Dann versuchen wir selbst jemanden an den Hörer zu bekommen, doch Fehlanzeige. Die carritative Bahnhofsmission im Leipziger Hbf schließt täglich 18 Uhr und öffnet um 9 Uhr wieder ihre Pforten.In der Zeit wird geholfen.

Ok beschließen wir, dann Krankenwagen, ja sie werden jemanden schicken, antwortet die Stimme am anderen Ende.

Wir notieren uns den Namen der Schaffnerin von ihrem messingfarbenen Anstecker an ihrer Uniform.Eine Visitenkarte könne sie uns nicht geben, sie hätte keine von der Bahn bekommen.

Wir (vier Fahrgäste) sitzen bis der Zug um Mitternacht in Leipzig einrollt und diskutieren, tauschen E-mail Adressen und notieren, von was wir hier gerade Zeuge geworden sind.

Am Bahnhof stehen zwei Polizeibeamte, scheinbar von der Schaffnerin bestellt.

Man könne nichts machen.Der Beamte telefoniert scheinbar mit dem Notdienst und so kommt an diesem Abend niemand mehr um den Mann zu versorgen.

Alle Obdachlosenstationen seien um diese Uhrzeit geschlossen, außerdem sei der Mann nicht in einer derart lebensbedrohlichen Verfassung, dass man ihn mitnehmen müsse. Er meinte, in Deutschland hat jeder das Recht auf Verwahrlosung. Das stimmt.

Während wir in deutscher Manier diskutieren was zu tun sei und einige andere Fahrgäste uns in unserem Handeln bestärkten und sagten „Gut das ihr was gesagt habt.“, schleicht der hagere, kleine Kerl davon und stottert im Laufen „Ich geh in kein Heim.“

 

 







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