Die Tafeln - Essen, wo es hingehört


Bildmontage und Fotos: Horst Bruns

08.12.09
SozialesSoziales, Wirtschaft 

 

von Horst Bruns

Ich ging im Center so für mich hin.
Mich nicht zu ärgern, so stand mir der Sinn.


Pustekuchen! Kaum war ich im Einkaufscenter dem Supermarkt mit dem recht bekannten Namen ein wenig näher gekommen, hat’s mir fast die Socken ausgezogen. Schon von Weitem war ein festlich hergerichteter Tisch zu erkennen. (Wie sich später herausstellte, waren das aber zwei zusammen geschobene Biergartentische; irgendwie passend zum Thema.)

Näher gekommen konnte ich dann lesen, was denn da so festlich feierlich war, besser: werden soll. Ich hab’s fotografiert. Werbemäßig richtig gut aufgezogen sprangen mir die Botschaften der ach so besorgten Supermarktkette vor die Optik: „Kauf eins mehr! - Ihr Einkauf hilft helfen“ und „Ihre Einkaufsliste für die gute Tat!“ Und auch das noch: „DIE TAFELN - Essen, wo es hingehört.“

Da kam bei mir spontan die Frage auf: „Was heißt denn das? Essen, wo es hingehört? Sollen jetzt nur noch die bei den Tafeln Schlange Stehenden an fürstlich gedeckten Tischen ihre Hungergefühle stillen dürfen? Fängt jetzt vielleicht die lang erkämpfte Umverteilung von oben nach unten an? Wohl kaum. Oder haben die sich nur mit den Worten vertan? „DIE TAFELN - Abfall, wo er hingehört“? Wohl eher. - Oder doch nicht? Nee, so was kann sich doch eine Supermarktkette nicht leisten - die eigenen Produkte als Abfall zu bezeichnen. Schließlich wollen die ja was verdienen.

Ja genau! Die wollen doch tatsächlich noch am Elend der Habenichtse verdienen! „Kauf eins mehr!“ Und damit all die vorbeieilenden Gutmenschen auch wissen, warum sie der Supermarktkette ihr sauer verdientes Geld in den nimmersatten Rachen schmeißen sollen, kommt denn auch sogleich die Begründung: „Ihr Einkauf hilft helfen.“ (aber hier ohne Ausrufezeichen). Und damit die lieben Kunden ihr schlechtes Gewissen nicht allzu sehr strapazieren müssen, wird ihnen auch sogleich empfohlen, was sie denn nun für diese Hungerleider kaufen sollen. „Ihre Einkaufsliste für die gute Tat!“ (wieder mit Ausrufezeichen). „Was? Die haben nicht mal Seife, um sich anständig zu waschen? Und kein Toilettenpapier? Igittigitt, müssen die stinken!“

Sei’s drum. So kurz vor Weihnachten kann man da ja mal drüber hinwegriechen. Da können wir unserer Nächstenliebe mal so richtig freien Lauf lassen. Aber nach dem Fest der Liebe muß dann auch Schluß sein. Wir können dieses arbeitsscheue Gesindel ja nicht das ganze Jahr über subventionieren. Das reißt nämlich ganz schön tiefe Löcher in den Geldbeutel. Denn wie wurde uns gelehrt? „Geiz ist geil!“, na ja, von ganz, ganz wenigen Ausnahmen mal abgesehen.

Ich bin noch ein paarmal in besagtem Supermarkt gewesen, meistens nur aus Neugier, was denn da so an guten Taten abläuft. Nix! mußte ich feststellen. Auf den beiden zum Gabentisch zusammengeschobenen                               Biergartentischen lagen keine milden Gaben, nur Reklame des Supermarkts, hübsch aufs nette Geschirr im Weihnachtssupergünstigsonderangebot drapiert, massenhaft. Die Vorbeieilenden werden wohl alle gedacht haben: ‚Spenden? Tu ich doch schon für Baffira - oder wie das heißt. Biafra? Auch gut. Aber ich hab‘ jetzt gar keine Zeit, muß noch schnell ein paar Flaschen Schampus kaufen. Die Leute sind ja so gierig danach!‘

Ich bin ob meiner Beobachtungen ins Grübeln gekommen. Wozu dient denn das ganze Wohei?

• REWE macht Reklame für sich mit plumpen Appellen an die 
  „Mitmenschlichkeit“. - Geschenkt.
• REWE zockt auch noch auf dem letzten Schauplatz seine
   „normalen“ Kunden ab. - Peinlich.
• REWE stellt sich als superphilanthropisches Unternehmen dar,
   dem nur das Wohlergehen der Menschen, vor allem der durch
   den sozialen Rost gefallenen, am Herzen liegt. - Pfui!
• Die REWE-Kunden dürfen sich - so sie denn ein Päckchen
   Backpulver kaufen - mit ihrer hehren Nächstenliebe in die Brust
   werfen. - Miserabel.
• Die Tafeln polieren ihr Image auf (wir sind Weihnachten sogar mit
   Extras für Euch da) und machen gleichzeitig Schleichwerbung für
   REWE. - Luziferisch!
• Alle klopfen sich selbstzufrieden auf die Schultern: „Was sind wir
  doch für gute Menschen!“ - Pfeif‘ was drauf!

Aber das Schlimmste ist: MacKinsey, diese international operierende Unternehmensberatung, ist auf dem besten (weil klammheimlich schleichenden) Weg, den „schlanken Staat“ nicht nur zu propagieren, sondern nach und nach in die für Millionen von Menschen bittere Realität umzusetzen. MacKinsey berät laut Wikipedia die Mehrzahl der deutschen DAX-Unternehmen. Wenn das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl ist! Und als Belohnung werden die leitenden Menschenschröpfer dieses unsäglichen Unternehmens wohl zum Plauderfrühstück bei Angie Merkelwelle eingeladen. Dafür werden Guido und seine FDP schon sorgen.

Und was haben die Tafeln davon? MacKinsey hat auch deren gesamtes Werbekonzept gestaltet. Ob von denen auch der menschenverhöhnende Slogan „DIE TAFELN - Essen, wo es hingehört“ stammt? Diese Tafeln breiten sich immer weiter aus, werden immer mehr, und grassieren wie eine Seuche, der Schweinegrippe durchaus vergleichbar. Denn sie „entlasten“ scheinbar unseren „sozialen Rechts-“Staat von einer Aufgabe, die zu seinen ureigensten gehören soll und bleiben muß: die Versorgung aller Bürger mit hinreichenden Gütern, die ein Leben in Würde ohne Angst und ohne Armut gewährleisten.

Wenn „Vater“ Staat diese Aufgabe zunehmend den Tafeln überläßt, sind die schon jetzt millionenfach Verarmten einzig und allein auf die Spendenbereitschaft großer Konzerne, Supermarktketten, Tante-Emma-Läden und „einfacher“ hilfsbereiter Menschen angewiesen. Und sie alle können den Hahn ganz schön schnell zudrehen. Und da im Gefolge der Wirtschafts- und Finanzkrise noch Unzählige dazu kommen werden, brauchen wir bald keine Fernreisen nach Biafra mehr anzutreten. Dann haben wir Biafra vor der Haustür.

Und MacKinsey und Konsorten werde sich vor Lachen biegen: „Haben wir da nicht einen tollen Profit rausgeschunden?“

Ich stelle mir vor, daß einige hundert Tafel-„Kunden“ nicht mehr zur Tafel gehen, sondern bei REWE für eine milde Gabe Schlange stehen. Wie wäre es dann um die REWEsche Mitmenschlichkeit bestellt? Ich habe da so eine Vermutung. REWE würde die Polizei aufmarschieren lassen, um diese unbotmäßigen Aufrührer auseinanderzutreiben. Das wäre doch ein wunderbares Übungsfeld für die neuesten, allermodernsten Wasserwerfer, die pro Stück gerade mal ‘ne schlappe Million Euro kosten.

Wie lange wollen wir uns derlei Menschenverachtendes noch bieten lassen? Wir sind doch keine Lemminge, die nur darauf warten, daß Angie und Anhang uns die Klippen hinunter bitten. Wann stehen wir endlich auf und zeigen denen, daß es uns auch noch gibt? Es ist allerhöchste Eisenbahn!








VON: HORST BRUNS






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