Die Arbeit pfeift aus dem letzten Loch?

16.05.09
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Von Werner Rätz

Geht uns die Arbeit aus? Darüber lässt sich trefflich räsonieren und es geschieht ja auch fleißig: Radikale Arbeitszeitverkürzung, all die unerledigte oder schlecht getane Pflege- und Sorgearbeit, in Deutschland das dringend sanierungsbedürftige Abwasserkanalnetz - Vollbeschäftigung muss man nur wollen und schon ist sie da, erklären uns ihre Propagandisten. Produktivkraftsteigerung, elektronische Revolution, zunehmende Rolle der Wissensarbeit - offensichtlich reden die Beteiligten von höchst Unterschiedlichem, wenn sie von "Arbeit" reden. Was also pfeift auf dem letzten Loch?

Der Begriff Arbeit bezeichnet schon in unserer Umgangssprache höchst unterschiedliche Dinge. Er kann schlicht meinen, dass man zu tun hat: Ich hatte viel Arbeit heute; da schwingt dann noch ein bisschen die alte Konnotation von Mühe und Last mit. Am häufigsten ist wohl Erwerbsarbeit, bezahlte Tätigkeit, gemeint, wenn von Arbeit die Rede ist. Und in der etwas genaueren Debatte präzisiert sich der Begriff dann auf diejenigen Tätigkeiten, die notwendig und nützlich sind, in denen die Menschen Natur und Gesellschaft gestalten. Mit Marx schließlich würde Arbeit dasjenige Tun heißen, bei dem regelmäßig ein größerer Wert entsteht, als die Arbeitskraft zu ihrer Erhaltung verbraucht. Arbeit in diesem Sinne wäre also Wert- oder genauer Mehrwertproduktion.

Zwar hat jeder dieser Arbeitsbegriffe seine Berechtigung, mit jedem kann ich etwas Bestimmtes ausdrücken. Doch das ist etwas jeweils höchst Unterschiedliches. Auch wenn sie sich in bestimmten Aspekten überschneiden, so passt doch keiner ganz in den anderen hinein; außer alle in den ersten, der uns aber nicht zur Unterscheidung der verschiedenen Tätigkeiten dienen kann, da er ja genau ihr Gemeinsames, nämlich dass sie Tätigkeiten sind, betont. Aber die Tatsache, dass Menschen sich zu allen Zeiten mit der Natur auseinandersetzen, heißt nicht, dass sie zu allen Zeiten dafür bezahlt worden wären. Und dass sie bezahlt werden, heißt nicht, dass ihre Tätigkeit Mehrwert schafft. Wir müssen also noch einmal genauer hinschauen.

Die zu allen Zeiten und an allen Orten stattfindende Gestaltung von Natur und Gesellschaft ist keineswegs so überzeitlich, wie sie scheint. Dass auch schon vor zehntausend Jahren Menschen Bäume gefällt haben, ist kein Argument für die Abholzung der Regenwälder. Obwohl beide Tätigkeiten ähnlich erscheinen könnten, unterscheiden sie sich an einem zentralen Punkt: Die Menschen früher fällten einen Baum, weil sie Holz brauchten, heute tun sie es, weil sie dafür bezahlt werden. Würden sie für die Produktion von Panzersitzen oder das Anstreichen von Häusern bezahlt, würden sie auch das tun.

Einerseits ist die bezahlte Tätigkeit für diejenigen, die sie tun, ihre je konkrete Form, in der die Auseinandersetzung mit der Natur stattfindet. In der Erwerbsarbeit halten sie sich einen großen Teil ihres Lebens auf, hier finden sie Freunde und Bekannte und vor allem verdienen sie hier das Geld, das sie zur Gestaltung praktisch aller anderen Lebensbereiche brauchen. Hier entstehen Rollenzuschreibungen und Selbstbilder, hier entscheidet sich die Stellung in der Gesellschaft. Und dennoch tun Menschen in der Erwerbsarbeit fast ausschließlich Dinge, die für sie selbst völlig unnütz sind. Der Metzger schlachtet nicht, weil er Hunger hat, und die Taxifahrerin fährt nicht, weil sie von A nach B will. Auch der Arbeitgeber, der Metzger oder Taxifahrerin anstellt, braucht nicht, was sie machen; er ist vielleicht Vegetarier und Fahrradfahrer. Die Beschäftigten produzieren Dinge oder Dienstleistungen, weil sie dafür ein Einkommen erhalten; der Arbeitgeber lässt Dinge oder Dienstleistungen produzieren, weil er sie verkaufen kann und so einen Gewinn erzielt, der ihm seinerseits Einkommen und neu investierbares Kapital einbringt.

Das führt zu einer höchst misslichen Situation: Alle Tätigkeiten, deren Ergebnisse sich auf dem Markt verkaufen lassen, werden getan, aber vieles, was Menschen dringend brauchen würden, wird nicht getan oder hergestellt, weil die Bedürftigen es nicht bezahlen können. Und selbst wenn notwendige Dinge hergestellt wurden, heißt das noch lange nicht, dass diejenigen sie auch erhalten, die sie benötigen. Bekanntlich werden heutzutage für etwa zwölf Milliarden Menschen jährlich Nahrungsmittel hergestellt und dennoch hungern deutlich über 800 Millionen. Auch die materiellen Mittel zur Bereitstellung von ausreichend Kleidung, Wohnung, medizinischer Versorgung und all dem anderen, was in internationalen Menschenrechtspakten als Mindeststandards definiert ist, sind vorhanden. Es gibt keinerlei Grund für Not und Mangel auf der Welt.

Leider nützt das den Armen nichts, weil niemand ernsthaft danach fragt, ob Erwerbsarbeit auch genau diejenigen Tätigkeiten abdeckt, die Not-wendig sind, die also unsere Not wenden. Solange Gesellschaft dadurch entsteht, dass Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, weil sie anders kein Einkommen haben, alles Lebensnotwendige aber nur für Geld erhältlich ist, kann das auch gar nicht anders sein. Unter solchen Bedingungen muss jeder Arbeitsplatz verteidigt werden, der ein solches Einkommen schafft. Wenn wir wirklich eine offene gesellschaftliche Diskussion darüber wollen, wie wir eigentlich leben und arbeiten wollen, was wir zu einem guten Leben brauchen, was das denn überhaupt wäre, ein gutes Leben für alle, was wir eigentlich produzieren wollen und wie wir das tun wollen - wenn wir wirklich eine solche Diskussion wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass Menschen sie führen können ohne Angst um ihren materiellen Absturz. Ein sicheres Einkommen ist die Voraussetzung für eine Gesellschaft, die ihre eigene Gestaltung selbstbewusst in die Hand nehmen könnte. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre das geeignete Mittel.

Dafür sprechen nicht nur Gründe der bewussten Gestaltung der Produktion, sondern auch viele andere, von denen ich hier nur zwei kurz ausführen will: Es geht um Menschenrechte und es geht um Kreativität und Produktivität menschlicher Tätigkeit.

Menschen haben, nur einfach auf Grund ihres Daseins, das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Reichtum. Alle Menschenrechtserklärungen und -pakte betonen die gleiche Würde und das gleiche Recht aller. Sollen das nicht hehre Worte bleiben, dann muss dem auch die praktische Möglichkeit entsprechen, ein würdiges Leben führen zu können. Menschenrechte gelten unbedingt, sie  können nicht verloren werden, nicht durch Fehlverhalten oder was auch immer. Es gibt sicherlich Verhaltensweisen, die gesellschaftlich unerwünscht sind, und die können und dürfen sozialarbeiterisch oder gegebenenfalls strafrechtlich bearbeitet werden. Aber das kann nicht zum Verlust des Teilhaberechts führen, wie es in Deutschland beim Arbeitslosengeld II/Hartz IV inzwischen der Fall ist, das auf null gekürzt werden kann.

Die unbedingte Geltung der Menschenrechte bedeutet auch, dass aus ihnen für ihre Trägerinnen keine Pflichten entstehen: Weil ich das Recht auf Teilhabe habe, muss ich nicht teilnehmen. Wer hier, wie es bei neoliberalen Politikern und Ökonomen üblich ist, vom "Prinzip von Leistung und Gegenleistung" schwafelt, beweist damit zunächst nur, dass ihm die Menschenrechte egal sind. Das ist stimmig, weil sie ja nicht marktgängig sind und Leistung und Gegenleistung das Prinzip des Marktes ist. Das Prinzip menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ist es nicht, die funktionieren anders: Das Leben wird uns geschenkt, die Sorge der Aufzucht ebenfalls. Dass es Menschen überhaupt gibt, dass sie in der Evolution überlebt haben, hat damit zu tun, dass ihr Hirn ein Sozialorgan und Liebe eine Produktivkraft ist und nicht, dass sie erst einmal gefragt haben, was der neue Erdenbürger denn wohl bezahlten könne.

Und so ist die Produktivität bis heute organisiert. Nur der kleinste Teil findet auf dem Markt als Leistung und Gegenleistung statt - und das, nebenbei gesagt, meist auch noch zu höchst ungleichen, unfairen Bedingungen. Der Großteil menschlichen Tuns und Produzierens ist unbezahlt, weltweit sowieso, aber auch in den industrialisierten Gesellschaften. Je nach Rechnung gehen nur zwischen dreißig und vierzig Prozent der Wirtschaftsleistung auf die Erwerbsarbeit. Zwar werden alle anderen Tätigkeiten im Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht erfasst - dafür gilt dort aber der Bau einer Fabrik ebenso als produktiv wie ihr Abriss - aber dieses käme ohne mancherlei unbezahlte Tätigkeit gar nicht zu Stande.

Und auch dort, wo neuer Reichtum geschaffen wird, geschieht das keineswegs nach gleicher Leistung und Gegenleistung. Vielmehr ist die Reproduktion des gesellschaftlichen Reichtums heute mehr denn je von Vorleistungen abhängig: Infrastruktur, Wissen, Verfahren, Maschinen kommen aus der Leistung vergangener Generationen. Warum sollten sie nur denen gehören, die heute zufällig über bestimmte Eigentumstitel verfügen und nicht Allgemeingut der gesamten Gesellschaft sein? Ohne die Produktivität aller Tätigkeiten, der bezahlten und der unbezahlten, der vergangenen und der gegenwärtigen, würde jede moderne Gesellschaft zusammenbrechen. Also ist es ihre Aufgabe, auch für eine gerechte und umfassende Teilhabe aller Sorge zu tragen. Das bedingungslose Grundeinkommen würde diese Aufgabe zwar noch nicht umfassend lösen, aber zumindest die materiellen Voraussetzungen dafür schaffen.


Mai 2007, Augustin (Wien)

Der Artikel ist erschienen in der Wiener Straßenzeitung Augustin im Sommer 2007. Wir veröffentlichen ihn mit der freundlichen Genehmigung des Autors.

 







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