ÜBER ARMUT. UND ÜBER ARMUT HINAUS.


Bildmontage: HF

31.08.17
SozialesSoziales, Theorie, Sozialstaatsdebatte, Debatte 

 

PAUPERISMUS, DEPRIVATION, EXKLUSION UND PREKARITÄT.

Von Richard Albrecht*)

On Poverty. And on more than poverty. Pauperism, deprivation, exclusion, and precarity.

In his contribution the author, and experienced social scientist, discusses basic features of poverty today under empirical, historical, sociological, and practical aspects. Given insight views on poverty in current Germany in his introduction, Richard Albrecht goes the way from the historical pauperism (as thorougly analyzed by Karl Marx, and by Rosa Luxemburg, too) via the reflexive sociological dimension with its paradox view on poverty to the basic concept of precarity and its practical relevancy for societal development in advanced capitalist societies under the auspices of neo-liberalist economy, culture, and ideology. Interested in overcoming the societal destructivity of basic capitalist structures, in his outlook the author recalls the culture-of-poverty-thesis.

I. Empirisches: Die ganzdeutsche Armutsfront als Einblick ins Landesinnere – II. Historisches: Pauperismus als Prozeß – III. Soziologisches: Armut, Deprivation und Exklusion – IV. Praktisches: Prekarität und die Folgen – V. Anthropologisches: Kultur der Armut

„Wer verändern will, muß Bescheid um das Verändernde wissen. Der Nutzwert [...] besteht eben darin, das Eingreifen in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erleichtern.“ (Siegfried Kracauer: 1889-1966)

I. Auch in dem - global gesehen - reichen Land, in dessen Westzipfel ich seit einen Vierteljahrhundert wohne, lebe und arbeite, gibt es Armut. Und dies nicht nur als Zuwanderung von Armen. Im Anfang 2013 erschienenen Beitrag Armutsklassismus. Empirisches zur Lage an der Armutsfront am Ende der ganzdeutschen Nullerjahre wurde eine aktuelle Annäherung (weniger ans Armutspotential als vielmehr) ans realempirische Ausmaß von Armut in dieser reichen Bundesrepublik Deutschland versucht. In den depravierten Sozialsegmenten bei denen ´da unten´ mit ihren realen „zeitgenössischen Formen und Praxen ökonomisch begründeter kultureller Ausgrenzung und sozialer Ausschließung vom vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum und gegebenen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung“ schaut´s heuer so aus: Alg2 („Hartz4“) hat den Regel(bedarfs)satz von gegenwärtig 364 € monatlich oder gerundet 12 € täglich für Erwachsene. Dazu wenn´s gut läuft noch „Übernahme von Warmmiete“ fürs 2-ZKDB-Wohnen in entsprechenden Wohnquartieren. Derzeit verzichten hierzulande nahezu fünf Millionen Menschen oder gut ein Drittel der Berechtigten, Beschäftigte als sogenannte „Aufstocker“ eingeschlossen, auf Hartz-Vier-Leistungen. Wobei es „immer mehr Jobcenter bewußt darauf an[legen], abschreckende Wirkung zu entfalten.“ Dem entspricht eine Vorstandsaussage der Bundesagentur für Arbeit: „Der Erfolg unserer Anstrengungen wird in den nächsten Jahren noch mehr am Abbau des Langzeitleistungsbezugs liegen“ – also, wie zitiert, am Abbau des (langzeitlichen) Leistungsbezugs von Arbeitslosen. Nicht aber der Arbeitslosigkeit.

Die staatsamtlich ermittelte Armutsgefährdung, begriffsbestimmt als weniger denn 60 Prozent am Median (als zentralem Mittelwert einer Zahlenreihe) des „Nettoäquivalenzeinkommen“ (NÄE) von monatlich 1,413.33 € pro Beschäftigte/n lag, mit steigender Tendenz, 2011 in Ganzdeutschland bei 15,1 Prozent. Das waren etwa 12.45 Millionen betroffene Menschen; am single-Beispiel veranschaulicht: wer 2011 über weniger als 848 € netto monatlich verfügen konnte, ist armutsgefährdet. Und im amtlichen Sinn arm ist, wer weniger als 608 € netto monatlich (oder 43 % des NÄE) als „Existenzminimum“ hat.

Oberhalb der Armutsgefährdungsgrenze lägen im Bereich tariflich entlohnter Teilzeitbeschäftigungen sowohl eine ALDI-Mitarbeiterin als auch ein Jungwissenschaftler: ALDI-Süd, Kreis Euskirchen, bietet 21 Stunden/Woche Beschäftigung zu 13.81 €/Stundenbrutto; das Institut für Zeitgeschichte, Berlin, sucht wissenschaftliche Hilfskraft mit M.A.-Abschluß, für 19 Stunden/Woche zu 15.07 €/Stundenbrutto. Das ergäbe (ohne Urlaubs- und eventuelle Prämien/Weihnachtsgelder) als Monatsbrutto etwa 1.247 € bzw. 1.231 € und, wären beide 28 Jahre alt, ledig, kinder- und konfessionslos und ohne besondere Freibeträge in Lohnsteuerklasse III, etwa 989 € bzw. 976 € als Monatsnetto.

Aber auch in diesen armutsfreien sozialen Bereichen lebt freilich niemand im Wohlstand, in dem sich´s überall angenehm leben läßt: Wer im gegenwärtigen Ganzdeutschland vollerwerbstätig ist und etwa so geringes Einkommen wie 900 € netto monatlich zur Verfügung hat, wird rasch erfahren:

„Es ist schwer vorstellbar, dass Bürger mit einem Monatseinkommen von 900 Euro netto keine Verkehrsmittel und keine Telekommunikation benutzen, weder zum Arzt noch zur Apotheke gehen. Auch ein niedriges Einkommen erfordert einen Arbeitsplatz - und damit telefonische und elektronische Erreichbarkeit. Damit sind Telefon, Internet und Bahn keine Privatsache, sondern Bedingung zur Ausübung eines 1450-Euro-brutto-Jobs. Einen PKW kann man sich mit 900 Euro monatlich nicht leisten - aber woher die 240 Euro für die Bahncard 50 abzwacken, wenn der Dispo ausgeschöpft ist? […] Jede Vorauszahlung, jede Anzahlung ist bei diesem Einkommen nicht möglich. Man kann nur von 900 Euro leben, wenn man in einer WG, mit Freunden oder Familie lebt. Oder eine Wohnung oder ein Haus geerbt hat.“

II. Karl Marx (1818-1883) interessierte im Zusammenhang mit seiner Kritik der politischen Ökonomie und der „Sphäre des Pauperismus“  unterm Doppelaspekt der „Produktion der relativen Übervölkerung“, ihrer verschiedenen Formen und ihrer inneren Gliederung einerseits und des sich daraus ergebenden allgemeinen gesellschaftlichen Gesetzes der Kapitalakkumulation andererseits. In diesem Zusammenhang geht es auch um das Modell einer Schichtung/Dreigliederung von (i) industrieller Reservearmee als Übergreifend-Allgemeinem, (ii) Pauperismus als Besonderem und (ii) Lumpenproletariat (im engeren Sinn: „Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige“) als Einzelnem. Pauper(ismus) hingegen als besondere – auch empirisch bedeutsame – Kategorie bezielt weder Einzelheiten noch Allgemeines, sondern bildet als Ausdruck des allgemeinen gesellschaftlichen Prozesses der relativen Übervölkerungsproduktion „das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee“. In diesem Zusammenhang verweist Marx dann nicht nur auf die (auch ehemalige Angehörige des Industrieproletariats umfassende) pauperisierte und vom Lumpenproletariat zu unterscheidende „Lazarusschicht der Arbeiterklasse“ – sondern arbeitet, viel wesentlicher, auch „das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“ heraus:

„Der tiefste Niederschlag der relativen Übervölkerung endlich behaust die Sphäre des Pauperismus. Abgesehn von Vagabunden, Verbrechern, Prostituierten, kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat, besteht diese Gesellschaftsschichte aus drei Kategorien. Erstens Arbeitsfähige. Man braucht die Statistik des englischen Pauperismus nur oberflächlich anzusehn, und man findet, daß seine Masse mit jeder Krise schwillt und mit jeder Wiederbelebung des Geschäfts abnimmt. Zweitens: Waisen- und Pauperkinder. Sie sind Kandidaten der industriellen Reservearmee und werden in Zeiten großen Aufschwungs [...] rasch und massenhaft in die aktive Arbeiterarmee einrolliert. Drittens: Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige. Es sind namentlich Individuen, die an ihrer durch die Teilung der Arbeit verursachten Unbeweglichkeit untergehn, solche, die über das Normalalter eines Arbeiters hinausleben, endlich die Opfer der Industrie, deren Zahl mit gefährlicher Maschinerie, Bergwerksbau, chemischen Fabriken etc. wächst, Verstümmelte, Verkrankte, Witwen etc. Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der relativen Übervölkerung, seine Notwendigkeit in ihrer Notwendigkeit, mit ihr bildet er eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichtums. Er gehört zu den faux frais der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch großenteils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiß.

Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt, wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschicht der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. Es wird gleich allen andren Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modifiziert, deren Analyse nicht hierher gehört.“

Auch Rosa Luxemburg (1871-1919) hat als marxistische Theoretikerin den Pauperismus nicht als allgemeine wirtschaftliche „Verelendung“ verstanden, sondern als Erscheinungsform der Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Ökonomie und besonders ihres Lohngesetzes dargestellt. In ihrer 1910 geschriebenen, 1925 erstveröffentlichten Broschürenreihe Einführung in die Nationalökonomie, betonte Rosa Luxemburg den sich aus der kapitalistisch-krisenhaften Entwicklung ergebenden Schichtungszusammenhang von industrieproletarischer Reservearmee, Armut, Pauperismus und Lumpenproletariat als „Existenzbedingungen des Kapitalismus“: „Mit dem Kapital und Reichtum wächst also unvermeidlich auch die Größe der Unbeschäftigten und Unentlohnten und damit auch die Lazarusschicht der Arbeiterklasse - die offizielle Armut.“

III. Der Stückeschreiber Bertolt Brecht (1898-1956) hat den sozialen Grundtatbestand von Armut in einem poetischen Vierzeiler bündig so ausgedrückt:

Reicher Mann und armer Mann / Standen da und sahn sich an./ Und der Arme sagte bleich:/ Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.“

Die Sozialfigur des Armen wie der soziale Tatbestand von Armut ist Ausdruck eines grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisses (Georg Simmel: 1858-1918). Armut und Arme sind aus dieser Sicht keine nur statistisch-empirische Phänomene, sondern gesellschaftlich produzierte soziale Beziehung von Menschen/Gruppen als Ergebnis von in verschiedenen Formen stattfindenden Vergesellschaftungsprozessen. Das bedeutet nach Simmel: der Sozialtyp des „modernen Proletarier“ etwa, so das erste Paradox, ist wohl „arm, aber kein Armer“. Und der Arme ist als Bedürftiger „bloßes Objekt für Vornahmen der Gesamtheit mit ihm“, er bildet den „zu formenden Stoff“ sozialer Fürsorge, die, so das zweite Paradox, „nicht um des Armen willen, sondern um der Gesellschaft willen“ und damit systemfunktional veranstaltet wird.

Inzwischen kann als (wenn man so will) gesichertes sozialwissenschaftliches Wissens zur Armut gelten: Armut ist erstens keine Erfindung von Soziologen. Sondern  ein gesellschaftliches Realphänomen. Bei Armut geht es zweitens immer um eine geschichtlich variable Erscheinung. Und drittens handelt es sich bei Armut immer auch um gesellschaftliche Ausschluß- oder soziokulturelle Exklusionsprozesse. Dies drückt auch jedes sich insbesondere an die britische empirische Armutsforschung des vergangenen Jahrhunderts anschließende Armutskonzeption aus. Wohl wird vom sozioökonomischen Mangelstatus ausgegangen. Entsprechend des Leitkonzepts von allgemeiner Mehrschichtigkeit aller gesellschaftlichen Vorgänge geht es auch im speziellen um viele Dimensionen von Armut.

Etymologisch, von der geschichtlichen Wortbedeutung her, wird im Deutschen als arm und als Armut allgemein Not und Mittellosigkeit sowie mittellose, bedürftige und auch bedauernswerte Menschen verstanden. Weitergehend und Armut präzisierend heißt es (in diesem Beispiel auch zutreffend) in der deutschsprachigen Wikipedia:

„Armut bezeichnet primär mangelnde Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Kleidung, Nahrung, Wohnung, Gesundheit. Im weiteren und übertragenen (metaphorischen) Sinn bezeichnet Armut allgemein einen Mangel […] Armut ist ein soziales Phänomen: Dabei wird „Armut“ als Zustand gravierender sozialer Benachteiligung mit der Folge einer ´Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen´ verstanden. In dieser Form wird sie in Mythologie und Sage, in den Künsten und wissenschaftlich behandelt. Von wirtschaftlicher Armut im engeren Sinne gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Definitionen. Zum einen ist das die absolute Armut, bei der einer Person weniger als 1,25 PPP-US-Dollar pro Tag zur Verfügung stehen, zum anderen die relative Armut, bei der ein Einkommen deutlich unter dem Durchschnitt aller Einkommen eines Landes (eines Staates) liegt. Die erste Form ist heute in Industriestaaten seltener, dominiert aber die Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern. In diesen kann es im Extremfall vorkommen, dass eine Person zwar absolut, nicht aber relativ arm ist. Die zweite Form betrifft definitionsbedingt in praktisch jedem Staat einen Teil der Bevölkerung.“

IV. Pierre Bourdieu (1930-2002) ging es nicht nur um Zustandsbeschreibungen von Armut, Deprivation und Ausgrenzung auch in entwickelten westlich-kapitalistischen Metropolengesellschaften. Sondern weiterführend auch um eine handlungspraktisch wichtige Dimension zur Überwindung jener empirisch wirksamer gesellschaftlicher Strukturen ohne – angebliche und/oder wirkliche, objektive oder/und subjektive – Handlungsalternativen und ihrer vorgelagerten, antizipativen Formen „eingreifendes Denkens“ (Bertolt Brecht). Auch Bourdieu ging es um jenes „Minimum von Gestaltungsmacht über die Gegenwart“ als Voraussetzung für „jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und […] durchdachtes Bestreben, die Gegenwart unter Bezugnahme auf ein Zukunftsprojekt zu verändern.“

Und im Ausblick seines Beitrags gegen Prekarität betonte Bourdieu 1997 zum neuen, auch ethnisch übergreifenden, Exploitationstyp, seiner neoliberalen Ideologisierung und seiner wirksamen Praxis als sozio-destruktiver Flexploitation:

Die von der Prekarität bewirkten Dispositionen der Unterwerfung bilden die Voraussetzung für eine immer erfolgreichere Ausbeutung, die auf einer Spaltung zwischen einerseits der immer größer werdenden Gruppe derer, die nicht arbeiten, und andererseits, die immer mehr arbeiten, fußt. Bei dem, was man ständig als ein von den unwandelbaren »Naturgesetzen« des Gesellschaftlichen regierten Wirtschaftssystemen hinstellt, scheint es sich meines Erachtens in Wirklichkeit vielmehr um eine politische Ordnung zu handeln, die nur mittels der aktiven oder passiven Komplizenschaft der im eigentlichen Sinne politischen Mächte errichtet werden kann. Gegen diese politische Ordnung kann ein politischer Kampf geführt werden. Und er kann sich, ähnlich wie karitative oder militant-karitative Bewegungen, zunächst zum Ziel setzen, die Opfer der Ausbeutung, all die gegenwärtigen oder potentiell Prekarisierten zu ermutigen, gemeinsam gegen die zerstörerischen Kräfte der Prekarität anzugehen (indem man ihnen hilft zu leben, »durchzuhalten«, einen aufrechten Gang und Würde zu bewahren, der Zersetzung und dem Verfall ihres Selbstbildes, der Entfremdung zu widerstehen). Darüber hinaus sollten sie vor allem auch ermutigt werden, sich auf internationaler Ebene, also auf derselben Ebene, auf der auch die Folgen der Prekarisierungspolitik wirksam werden, mit dem Ziel zu mobilisieren, diese Politik zu bekämpfen und die Konkurrenz zu neutralisieren, die sie zwischen den Arbeitenden erzeugen will. Der politische Kampf kann aber auch versuchen, die Arbeitenden der Logik früherer Kämpfe mit ihrer Forderung nach Arbeit oder besseren Arbeitslöhnen zu entreißen, weil sich diese Logik einzig und allein auf die Arbeit versteift und dadurch sozusagen die Ausbeutung (oder Flexploitation) zuläßt. An deren Stelle könnte eine Umverteilung der Arbeit (z.B. über eine massive Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf europäischer Ebene) treten, eine Umverteilung, die untrennbar mit einer Neudefinition des Verhältnisses zwischen der Zeit der Produktion und der Zeit der Reproduktion, der Erholung und der Freizeit verknüpft wäre. Eine solche Revolution müßte mit dem Verzicht auf die ausschließlich berechnende und individualistische Sichtweise beginnen, welche den handelnden Menschen auf ein kalkulierendes Wesen reduziert, das nur mit der Lösung von Problemen rein ökonomischer Art im engsten Sinn des Wortes befaßt ist. Damit das Wirtschaftssystem funktionieren kann, müssen die Arbeitenden ihre eigenen Produktions- und Reproduktionsbedingungen, aber auch die Bedingungen für das Funktionieren des Wirtschaftssystems selbst einbringen, angefangen bei ihrem Glauben an das Unternehmen, an die Arbeit, an die Notwendigkeit der Arbeit usw. All diese Dinge klammern die orthodoxen Ökonomen à priori aus ihren abstrakten und verstümmelten Berechnungen aus und überlassen so die Verantwortung für die Produktion und Reproduktion all der verborgenen, ökonomischen und sozialen Voraussetzungen für das Funktionieren der Wirtschaft, wie sie sie kennen, stillschweigend den Individuen oder paradoxerweise dem Staat, dessen Zerstörung sie im Übrigen predigen.

V. Wer die These des US-amerikanischen Anthropologen Oskar Lewis (1914-1970) ernst nimmt und das in der Metapher Culture of Poverty aufgespeicherte Sozialsyndrom (von Resignation, Fatalismus, Zukunftslosigkeit) auf den hochentwickelten Metropolenkapitalismus, etwa der ganzdeutschen Gegenwartsgesellschaft, bezogen diskutiert, wird die aktuelle Bedeutung des Bourdieu´schen Handlungsappells erkennen und zu schätzen wissen: Armut selbst ist leichter aufzuheben als jede aus ihr hervorgehende (und sich ganzdeutsch auch mithilfe von Tafeln verfestigende) „Kultur der Armut“ mit ihren gesellschaftlichen Zuständen.

 

*) Kurzvortrag auf der 32. Internationalen Tagung „Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch …“ des Archivs der Hauptstadt Prag, des Historischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik und der Fakultät der humanistischen Studien der Karls-Universität Prag (Praha, 8. Oktober 2013). Erweiterte Druckfassung mit Literatur- und Datennachweisen in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, II/2014: 153ff.; s. auch ders., Pauper(ismus): Geschichte und Aktualität von ´Neuer Armut´ und ´Arbeitenden Armen´, in: ebenda, II/2007: 19ff.

 

 Richard Albrecht, Kultur- und Sozialwissenschaftler (PhD. 1975/76, Habilitation 1988/89). Freier Autor in Bad Münstereifel, Mitarbeit unter anderem am Fachmagazin soziologie heute sowie bei den Vierteljahreszeitschriften HINTERGRUND und FORUM WISSENSCHAFT. Letzte Buchpublikation HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren 2011. BioBibliographie 2015 https://ricalb.files.wordpress.com/2015/12/cv.pdf







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz