Leistungssätze reichen nicht zum Leben


Bildmontage: HF

21.04.17
SozialesSoziales, Bremen 

 

von Britta Littke-Skiera

Aus Protest gegen den G 20-Gipfel und die damit einhergehenden Interessen der Vertreter/innen kapitalistischer Interessen wurde auf das Jobcenter der Bremer Neustadt ein Brandanschlag verübt. Zu dieser Aktion äußert sich in einem Interview mit dem Weser-Kurier Dietmar Heubrock, Professor für Rechtspsychologie an der Universität Bremen, woraufhin ich folgenden Leserinbrief an den Weser-Kurier schrieb:

Rubrik: „Lesermeinung“ - Zum Artikel: „Ich erwarte noch heftigere Aktionen“ vom 20.04.2017

Beim Lesen Ihres Artikels hat es mir die Sprache verschlagen. Die Berechtigung einer Kapitalismuskritik kann man in Frage stellen. Kann man, muss man aber nicht. Auch zu den Methoden von Kapitalismuskritik kann man sich kritisch äußern. Manche sind auch zu kritisieren. Was aber ein renommierter Professor der Universität Bremen im oben genannten Interview offenbart, ist pure Verachtung den betroffenen Menschen gegenüber. Es mag ja sein, dass man deren Beweggründe nicht nachvollziehen kann, aber eine Gruppe Menschen als „Haufen“ und als Abgehängte dieser Gesellschaft zu bezeichnen, zeigt die geringe Wertschätzung, die der Herr Professor bestimmten Bevölkerungsgruppen entgegenbringt. Dabei sollte doch von einem Professor der Psychologie ein Mindestmaß an Empathie auch für diejenigen erwartet werden können, die am (linken) Rande der Gesellschaft leben.

Seine Äußerungen dokumentieren allerdings eine immense Unkenntnis von einem Leben im ALG II - Bezug, das allzu häufig jeder Lebensqualität entbehrt. Es geht nicht allein darum, in einer Schlange zu stehen und gedemütigt zu werden. Es geht um die pure Existenz. Nicht allein die Leistungssätze reichen nicht zum Leben, über diesen  viel zu geringen Beträgen hängt  permanent  das Damoklesschwert drohender Sanktionen. Die können schon bei sehr geringem „Fehlverhalten“ in den Augen der Jobcenter verhängt werden. Dazu können Fehlbescheide der Jobcenter zulasten der leistungsbeziehenden Menschen kommen. Strom- und Wassersperren drohen, die Menschen hungern und frieren, sie haben keine ausreichende Bekleidung, kein Geld für Fahrkarten – was möglicherweise wiederum zu Sanktionen führt, weil das Jobcenter nicht mehr erreicht werden kann.  Am Ende droht die Obdachlosigkeit.

Unzählige Menschen gehen daher täglich zitternd vor Angst in die Jobcenter, sie haben Alpträume, massive Schlafstörungen, Angstattacken beim Öffnen des Briefkastens. Denn in der  Vermittlung und Rekrutierung von Arbeitskräften interessieren individuelle Grenzen wie extrem weite Anfahrtswege oder gesundheitliche Einschränkungen oft herzlich wenig. So gleicht ein Leben im ALG II - Bezug einem permanenten Trauma, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Nicht die Menschen im ALG II-Bezug sind daher mit Verachtung zu strafen, es ist die Schande der kapitalistischen Gesellschaft, solche Lebensbedingungen wie sie in der Hartz IV-Gesetzgebung verankert sind, überhaupt zuzulassen. Deren  Auswirkungen reichen  in der Tat  bis in den letzten Lebenszipfel der betroffenen Menschen hinein, so dass ein Leben im Leistungsbezug für immer mehr Betroffene zu einem Kampf um´s nackte Überleben wird. Dabei  ist genug für alle da, es wird nur falsch verteilt. Eine Umverteilung tut daher Not –  und kein abgehobenes Schwadronieren über Menschen, denen man hierzulande die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verweigert.

Dipl.-Psych. Britta Littke-Skiera







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