Warum die PIRATEN mit dem heutigen Tage für mich unwählbar geworden sind


Bildmontage: HF

06.03.13
PiratendebattePiratendebatte, Soziales, Debatte 

 

von Karsten F.G. Müller

“Penner! - Tagträumer - Hartz-IV-Schma- rotzer! - Verstrahlter Spinner!…”


So offen sozialrassistisch positioniert sich ein Teil der PIRATEN-Basis gegenüber ihrem eigenen politischen Geschäftsführer, dem Theatermann Johannes Ponader.

Dem Mann wird nicht nur Versagen in der politischen Arbeit vorgeworfen – ein Vorwurf über den sich durchaus diskutieren lässt – sondern auch und vor allen Dingen sein Auf- treten: Er weigert sich, den demütigen Armen zu spielen, zeigt Selbstbewusstsein in Kleidung und Auftreten. Das ist zuviel!

So darf sich in der BRD ein – wenn auch nur zeitweiliger – Hartz-IV-Untermensch nicht benehmen! Wo kämen wir denn da hin, wenn Armut keine Schande mehr wäre, sich gar an prominenter Stelle Gehör verschafft, ja zu politischen Leitungsfunktionen strebt und sich dann standhaft weigert, den Dress- und Verhaltenscode der “Aufsteiger und Eliten” sofort zu adaptieren (auch eine Unterwerfungsgeste: Schafft es der Arme mal nach oben, soll er sofort nach unten treten!)?

Nicht umsonst wird das Prekariat in den Parteien zwar gerne zum Plakatieren und Info- standdienst herangezogen, aber originär Prekäre und Arme kann man in Leitungsfunk- tionen mit der Lupe suchen – selbst in der Anti-Hartz-Partei DIE LINKE sind Prekäre, Künstler OHNE Staatssold und Arme in Funktionen dünnstens gesät.

Und das liegt beileibe nicht an den mangelhaften Fähigkeiten dieser Menschen: Mozart war arm, aber genial – Einstein ständig pleite und Karl Marx ein Pumpgenie! Wo sind sie also, die prekären Mozarts, Einsteins, VanGoghs (vor ihrem großen gesellschaftlichen Durchbruch selbstverständlich, oder aber die vielen verkannten Geistesgrößen) in den Parteien?

Ich will es Ihnen verraten: Sie sind weg! Sie engagieren sich nicht mehr - auch nicht in den Hiwi-Diensten, welche Ihnen die Parteien gerne zuteilen – und sie wählen auch nicht mehr. Denn Arme haben ein äusserst feines Sensorium für die von BILD und Bams und Glotze ständig genährte Verachtung Ihnen gegenüber, sie lesen die hasserfüllten Leserkommentare, wenn sich mal einer hervorwagt und seine Würde! einfordert – nicht als Gnadenakt, nicht paternalistisch als “Kunde”,”Klient” oder “Opfer” gewährt, sondern als Respekt auch vor seiner Leistung, sei sie auch monetär nicht so erfolgreich.

Aber die Hetze gegen die Armen, der allumfassende Massenwahn, Menschen nach ihrer monetären Leistungsfähigkeit zu sortieren, ja sich selbst so zu sortieren, hat so epedemische Ausmasse angenommen, ist so in die Hirne und Herzen gesickert, das man selbst in der Funktionsträgerebene der LINKEN Sätze zu hören bekommt über die Armen das es einen gruselt: “Manchen Menschen musss man Begrenzungen auferlegen – die versaufen ihr Geld…” Von dem SPD-Diktum, dass wer nicht arbeitet (Und hier ist AUSSCHLIESSLICH Erwerbsarbeit gemeint! Reproduktionsarbeit, Pflege, Kunst, Soziales, Ehrenamt? Alles Kokolores, Dolores!), auch nicht essen soll, ganz zu Schweigen!

Übrigens heute in den Nachrichten: SPD bekennt sich nochmal erneut und ausdrücklich zur Agenda 2010. Auch von der Grünen und der Gelben Golfspieler und Lehrer-Sekte schweige ich, sowie von der CDU/CSU. Das Müll stinkt, weiss jeder – das musss man nicht gesondert erwähnen!

Aber die PIRATEN und auch meine LINKE – sozialrassistisch infiziert an Haupt und Gliedern? Aua – das tut weh! War doch soviel Neues, soviel Aufbruch, soviel Euphorie mit am Start. Weg zu kommen von dem Rotgelbgrünblaukarierten Neoliberalen Einheitsmehltau, der sich übers Land gelegt hat seit 1989! Aufbrechen der Hirarchien!

Power to the poor (immerhin Dank Rot-Grün mittlerweile jeder Dritte da draussen!)! Ankommen im digitalen Zeitalter! Sozialismus 2.0! Liquid Democracy! Diese beiden Parteien zusammen – das hätte die Neolibs in Berlin aufmischen, die Republik verändern können – zum ersten Mal seit `89. Spannend und bunt hätt's werden können: Die renitenten Alten Sozialisten von der LINKEN mit ihrer Erfahrung im Organisieren und die bunten Chaoten mit dem Know-How der Datenwelt: Das hätte so spannend werden können!

Und nun das: Auf dem Höhepunkt einer politischen Krise, die auch hier bei uns bald mit voller Wucht einschlagen (Schäubles berüchtigte “Liste der Grausamkeiten” liegt nicht nur parat, für nach der Wahl, nein – auch Steinbrück und Trittin haben schon ihre Kopie!) und die Leben von Millionen beeinträchtigen wird, entpuppen sich die wichtigsten Teile des parlamentarischen Widerstandes gegen die geplante Verarmung der Massenware Mensch als zumindest in Teilen ebenso menschenverachtend sozialrassistisch, wie die zu bekämpfenden Bannerträger der “Heiligen Märkte”!

Denn, machen wir uns nichts vor, eine ähnliche Umfrage innerhalb der LINKEN hätte – wenn auch vielleicht nicht so ungeniert ausgedrückt – inhaltlich zu ähnlichen Anwürfen geführt. Denn auch dort ist die soizokulturelle Vorherrschaft der Lehrer, der Schlips- und TitelträgerInnen auf der Leitungsebene hegemoniell. Da diese Protagonisten dort immer wieder hingewählt werden, lässt sich schließen, das dieser Habitus dem des größten Teiles der Mitgliederschaft entspricht. Und genau mit dem von einem “seriösen” Politiker erwarteten Habitus hat Ponader gebrochen: Keine gefakte Karriere (“Machte von 2001-2010 was mit Medien…) vorgewiesen, den prekären Finanzstatus nicht verschwiegen, nicht zum Stumpfphrasenbabbelnden Schlipsträger mutiert, nicht brav bei Anne Will gepawlowt – die Liste der “Sünden” ist lang, entsprechend der Hass, der ihm jetzt in der – übrigens von ihm selbst veranlassten und veröffentlichten Umfrage! – entgegenschlägt.

Für dieses “Selbst-Opfer” bin ich Ponader dankbar. Hat er doch schonungslos, über die Parteigrenze hinweg (man/frau beachte die Kommentare der Medien heute zum Thema!) die neoliberale, braune Gülle in den Köpfen vieler sich “links,liberal und sozial” wähnender und auftretender Menschen ans Tageslicht befördert, hat den Sozialrassismus der Nerds aus dem Dunkel der Netze gelockt, hinein ins Helle, wo er nun zur Anschaung steht, sichtbar, nackt und hässlich.

Hoffentlich wird jetzt endlich mal aus der “Ponaderdiskussion” eine Diskussion über den allgegenwärtigen Sozialrassismus in unserer Gesellschaft! Zuerst bei den Piraten, dann gesamtgesellschaftlich! Denn wenn Brüderles dämlicher Dirndlspruch eine ganze #Aufschrei-Sexismus-Debatte wert war, dann sollten uns diese Sprüche (siehe oben) ein Gebrüll wert sein, vor dem die Welt erzittert!

Denn, ihr kleinbürgerlichen Sozialrassisten dort draussen, merkt euch eins: Die Armen sind die Mehrheit auf dieser Welt und sie werden täglich mehr! Und irgendwann werden sie ihre tägliche Entwürdigung nicht mehr hinnehmen…

…und zumindestens PIRATEN werden sie wohl jetzt schon nicht mehr wählen!

Ein HOTSPOT-Kommentar von Redaktionsleiter Karsten F.G. Müller


VON: KARSTEN F.G. MÜLLER


Replik zum Artikel: 'Warum die PIRATEN mit dem heutigen Tage für mich unwählbar geworden sind' - 09-03-13 21:05




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