Konkurrenz oder Kooperation


Bildmontage: HF

13.12.11
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von Wal Buchenberg

Im 7. Jahrhundert vor Chr. entwickelte sich im griechischen Kulturraum aus dem Verkehr zwischen den griechischen Koloniestädten im Mittelmeerraum erstmals ein dauerhafter Markt. Zwischen den griechischen Pflanzstädten wurden zunächst nur Zufallsprodukte und Gastgeschenke ausgetauscht.

Aus diesem regen Verkehr entwickelte sich die dauerhafte und marktorientierte Warenproduktion im griechischen Kulturkreis. In diesem aufregenden 7. Jahrhundert lebte der Bauer und Hobby-Sänger Hesiod. Von ihm stammen die Zeilen:

„Fördernd ist Konkurrenzverhalten (eris = Streit, Wetteifer) für die Menschen. Daher grollt der Töpfer dem Töpfer und der Zimmermann dem Zimmermann …“
(Hesiod, Werke und Tage 24ff).

Dass Konkurrenzverhalten förderlich sei, ist eine Erfahrung, die nicht aus der Arbeitswelt des Bauern stammt. Aus seiner bäuerlichen Erfahrung wusste Hesiod ganz im Gegenteil zu berichten, wie wichtig gegenseitige Hilfe ist:

„Lade zum Mahl vor allem, der in deiner Nähe wohnt. Stößt dir nämlich auf dem Hof ein Unglück zu, rennen die Nachbarn ungegürtet herbei, während die Vettern sich erst lang gürten. Ein böser Nachbar ist eine Plage, so sehr wie ein guter dir Glück bringt. Ansehen wird dem zuteil, dem ein guter Nachbar zuteil ward. Auch wirst du wohl kaum ein Rind verlieren, es sei denn der Nachbar ist ein Schuft. Leihe dir vom Nachbarn reichlich und erstatte ihm reichlich mit gleichem Maß, ja reichlicher noch, wenn du kannst, damit du auch in der Not einen verlässlichen Freund an ihm hast.“
Hesiod, Werke und Tage, 340ff.

Wie kommt also ein Mensch dazu, sowohl die Nachbarschaftshilfe wie auch die Konkurrenz als nützlich zu loben?
Es sind unterschiedliche Verhaltensweisen, die auf unterschiedliche Bedingungen reagieren. Die Arbeit des (vorkapitalistischen) Bauern kommt nicht ohne Nachbarschaftshilfe aus. Aber Töpfer und Zimmermann sind Warenproduzenten, die nicht wie der vorkapitalistische Bauer Lebensmittel für den Selbstverbrauch produzieren, sondern deren Lebensunterhalt davon abhängt, dass andere ihnen ihr Arbeitsprodukt abkaufen. Töpfer und Zimmermann produzierten Waren für einen beschränkten Markt.

Ein paar umliegende Dörfer konnten nur einen Töpfer und einen Zimmermann ernähren. Für zwei von ihnen reichte der Absatz nicht. Das ist der Grund, warum ein Töpfer des anderen Feind, und ein Zimmermann des anderen Konkurrenten war. Konkurrenzverhalten ist Überlebensverhalten für Warenbesitzer in einem engen Markt. Indem ein Töpfer seinen Konkurrenten schlecht machte, steigerte er seine eignen Absatzchancen. Beschäftigung des einen brachte Mangel an Beschäftigung für den anderen.

Der Misserfolg des einen begünstigte den Erfolg des Konkurrenten. Konkurrenzverhalten, das die eigene Leistung herausstreicht und die Leistung der anderen schlecht macht, bestimmte von Anfang an das Leben der nichtbäuerlichen Handwerker.

Viele griechische Handwerker der Antike sind deshalb heute noch mit Namen bekannt. In München ist eine rotfigurige Amphore des Keramikmalers Euthymides ausgestellt, auf der mit Handwerker-Stolz und Konkurrenten-Häme geschrieben steht: „So etwas hat Euphronios nie zustande gebracht.“

Wer den Zusammenhang bis jetzt noch nicht durchschaut hat:
Wer als Linker andere Linke schlecht macht, der benimmt sich wie ein Handwerker, der in seinen Lesern und Zuhörern den Markt sieht, aus dem er Konkurrenten vertreiben will.
Bei bürgerlichen Politikern ist dieses Konkurrenzverhalten normal und einsichtig. Sie wollen die Wähler von ihren politischen Konkurrenten fern halten und an sich binden. Ihr Markt ist das „Wahlvolk“.

Bei (radikalen) Linken macht dieses Verhalten wenig oder gar keinen Sinn. Sie bilden sich vielleicht ein, dass sie irgendwelche „Anhänger“ von ihren Konkurrenten loseisen und dann an sich binden können.
Eigentlich sollte man annehmen, dass dieser Illusion durch langjährigen Misserfolg längst der Boden entzogen wurde.

Karl Marx nannte Konkurrenz „die innere Natur des Kapitals“. (Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 317). Wer sich als Konkurrent sieht, der andere Konkurrenten aus dem Feld schlagen muss, der denkt in den Kategorien Kapitals und atmet die Luft des Kapitals.

Die Lebens- und Existenzbedingungen der Lohnarbeiter sind andere. Solange sich Lohnarbeiter gegenseitig als Konkurrenten begreifen, so lange bleiben sie Spielball für kapitalistische Interessen. Die Arbeitsweise der Lohnarbeiter basiert nicht auf individueller Leistung, sondern auf Kooperation. Als Einzelner ist jeder Lohnarbeiter unbedeutend, als Teil eines Produktionsganzen bringen die Lohnarbeiter Produkte hervor, vor denen alle Leistungen von Genies der Vergangenheit verblassen.

Ein Frühstücksjoghurt besteht aus 10 Vorprodukten, die von 10 verschiedenen Lieferfirmen stammen. Ein Mittelklassewagen besteht aus 10.000 Einzelteilen, die von 200 verschiedenen Firmen geliefert werden. Ein Großflugzeug wird aus 6 Millionen Teilen zusammengesetzt. Da verliert sich jede Spur einer individuellen Leistung.

„Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine
individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen“, schrieb Karl Marx vor 150 Jahren. (Kapital I, MEW 23, 349.)
Siehe auch: Karl Marx über Kooperative (gesellschaftliche) Arbeit

Gilt nicht Gleiches für jede emanzipatorische, politische Arbeit?
Als Einzelner ist jeder Linker unbedeutend, aber im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift er seine individuellen Schranken ab und entwickelt das Gattungsvermögen. Gattungsvermögen ist das, was nur die Menschheit als Ganzes (oder eine große Menschengruppe) zu leisten imstande ist.

Mackergehabe und Konkurrenzdenken bauen auf Einzelleistungen.
Revolutionen sind ein kooperatives „Massenprodukt“.
In den aktuellen sozialen Bewegungen hat man das linke Mackergehabe und das linke Konkurrenzdenken längst satt. Deshalb werden aus vielen linken Aktionen Partei- und Organisationsfahnen verbannt.
Nicht nur in diesem Punkt sind die Bewegungen längst klüger und weiter als alle selbsternannten „Avantgarden“.

http://arschhoch.blogsport.de/2011/12/12/konkurrenz-oder-kooperation
http://www.marxist.com/rolle-individuums-geschichte.htm

 


VON: WAL BUCHENBERG


Organisationsdebatte - 18-12-11 21:46




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