Kritik des Traditionsmarxismus


Bildmontage: HF

13.01.12
OrganisationsdebatteOrganisationsdebatte, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

von Mario Ahner

In der bisherigen Debatte um den Aufbau einer neuen antikapitalistischen Organisation, die ja den Anspruch vertritt den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische/kommunistische/befreite Gesellschaft anzusteuern, stoßen dem kritischen Leser einige ungeklärte Grundproblematiken des marxistischen Theorie-Diskurs ins Auge.

Im Folgenden möchte ich mich in dieser kurzen Abhandlung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und linksakademische Stichhaltigkeit hat, einige dieser Punkte ins Feld führen und den Fokus vor allem auf die Frage der Vergesellschaftung und der Trennung zwischen Politik und Ökonomie legen.

Vergesellschaftung?

Die radikale Linke tut sich oft darin hervor den Begriff der „Vergesellschaftung“ ins Feld zu führen, wenn es darum geht dem Kapitalverhältnis den Gar aus zu machen. Dabei wird selten gefragt, geschweige denn beantwortet, was darunter eigentlich zu verstehen sei, und inwiefern dies ein emanzipatorisches Potenzial gen „generalisierter Selbstverwaltung“ (Guy Debord) der Gesellschaft entfalten soll.

Grob gesagt, sind sich scheinbar alle zumindest darin einig, dass Produktionsmittel sowie Grund und Boden der ausschließlich privaten Verfügungsmacht entzogen und der Öffentlichkeit übergeben werden, so dass diese in demokratischer Manier über die Nutzung der Einrichtungen und des Bodens entscheiden können. Doch, wie soll das konkret aussehen? Wie ist gesellschaftliches Eigentum vorstellbar? Wie wird es verwaltet – und durch wen?

Aus der Perspektive „traditionsmarxistischer“ Überbleibsel der alten Arbeitsbewegung, allen voran des Leninismus/Trotzkismus (oder was vornehmlich studentisch dominierte Politsekten darunter verstehen), herrscht folgende allgemeinverbindliche Vorstellung vor: Vergesellschaftung = Verstaatlichung (unter Kontrolle der Lohnabhängigen).

Die Arbeiterklasse fegt die alten Herrscher von ihren Thrönen, fegt die Besetzung der staatlichen Institutionen fort und setzt Vertreter des Proletariats an deren Stelle. Dabei wird die ganze Angelegenheit noch mit ein wenig Mitbestimmung der Basis via Räte und Versammlungen garniert, und fertig ist der Weg gen Sozialismus/Kommunismus.

Ist es wirklich so einfach? Abgesehen von der Frage, ob dies außer quantitative Verbesserungen auch lebensqualitative hervorbringt, konkurriert ein Staatsbetrieb weiterhin auf dem (Welt-)Markt und ist ebenso wie ein privatkapitalistischer Betrieb den Gesetzen von Markt und Kapital ausgesetzt. Daran ändert auch eine „bewusste Anwendung des Wertgesetzes“ wenig, was die Staaten des Warschauer Paktes eindrucksvoll bewiesen haben. Um nur ein Beispiel „realsozialistischer“ Erfahrung heranzuziehen.

Eine andere Fraktion, mit mehr Basisorientierung, versteht unter Vergesellschaftung die Selbstverwaltung der Lohnabhängigen. In ihrem Szenario führen diese den Betrieb auf basis-/rätedemokratische Weise und organisieren dementsprechend alle anfallenden Arbeiten nach gemeinschaftlicher Absprache. Dieses Konzept wird oftmals mit dem Begriff der „Wirtschaftsdemokratie“ versehen, produziert vom Ergebnis her aber nichts anderes als eine Art basisdemokratisch unterfütterten „Volkskapitalismus“ und schürt die alten, ausgelutschten Illusionen einer „sozialistischen Marktwirtschaft“, die ihr geschichtliches Scheitern beispielsweise im ehemaligen Jugoslawien vorführen durfte sowie keinerlei Perspektive in Richtung einer kommunistischen Gesellschaft in sich trug.

Statt Privatkapital konkurriert nun Belegschaftskapital auf dem Markt. Am grundsätzlichen Verhältnis, der „ungesellschaftlichen Vergesellschaftung“ durch das Kapital und der Warenproduktion als solcher, inklusive allen daraus folgenden Konsequenzen, ändert auch diese politische Forderung nichts.

Robert Kurz fasst dies in „Antiökonomie und Antipolitik“ wie folgt zusammen: „Daß überhaupt das Privateigentum als derart isolierter Faktor gedacht und ihm die Hauptverursachung der kapitalistischen Übel zugeschrieben werden kann, beruht auf einem naiven und typisch aufklärerischen Mißverständnis: Das Privateigentum wird nämlich fälschlich als bloß „subjektive Verfügungsgewalt“ der sogenannten Besitzenden und damit „Herrschenden“ deklariert, der Augenschein von Selbstherrlichkeit und vermeintlicher Willkür seitens der kommandierenden Personage des Kapitals für bare Münze genommen. Damit einher geht gewöhnlich ein ebenso naives und affirmatives Verständnis des kapitalistischen Reichtums, der nur „ungleich und ungerecht verteilt“ sei. Elemente dieses verkürzten Begriffs von „Privateigentum“ finden sich auch noch bei Marx und Engels, obwohl es gerade Marx ist, der gleichzeitig das begriffliche Instrumentarium für eine Kritik dieser Auffassung liefert. (…)

Als in den 80er Jahren die Krise der deutschen Schiffbauindustrie begann, lockte ein altmarxistischer Verlag mit dem Titel: „Stell Dir vor, die Werften gehören uns!“. Und was wäre damit gewonnen? Gar nichts, denn die Markt- und Konkurrenzgesetze würden weiterhin wirken; die Belegschaft müßte sich selbst ausbeuten, zur Arbeitshetze treiben, sich selbst wegrationalisieren usw. oder eben in aller Schönheit des Kollektiveigentums bankrottieren.

Die beiden Eigentumsformen, die gemeinhin im verkürzten und weiterhin an die Warenproduktion gebundenen Verständnis als Aufhebung des Privateigentums figurieren, nämlich das genossenschaftliche Eigentum und das Staatseigentum, sitzen beide gleichermaßen jenem aufklärerischen Mißverständnis von der subjektiven „Verfügungsgewalt“ auf. In Wahrheit aber ist jede beliebige Eigentumsform, die auf der „Verwertung des Werts“ beruht und deren Produktion daher gesellschaftlich nur über Marktbeziehungen vermittelt sein kann, per definitionem immer schon Privateigentum.“
(Quelle: http://www.exit-online.org/html/link.php?tab=autoren&kat=Robert%20Kurz&ktext=Antioekonomie%20und%20Antipolitik)

Fazit?

Beide Ansätze bieten keine reale Perspektive über das Kapitalverhältnis hinaus. Ein Ausblick, welcher die kommunistische Gesellschaft zum Ziel hat, kann in der heutigen Zeit der globalen Vernetzung von Produktion und Distribution nur darin liegen, das Konkurrenzverhältnis der Betriebe und „Wirtschaftsstandorte“ zu beenden und durch eines der selbstorganisierten Kooperation zu ersetzen. Nur so wird der Begriff der „Vergesellschaftung“ seiner gewollt emanzipatorischen Zielrichtung gerecht und bietet einen praktischen Schritt über das Kapitalverhältnis hinaus. Einzig auf diese Weise können Politik und Ökonomie in eins fallen und sich somit als getrennte Sphären des gesellschaftlichen Lebens aufheben um die „generealisierte Selbstverwaltung“ der Gesellschaft zu ermöglichen.

Selbstmissverständnis des Marxismus

Ich behaupte mit diesen Thesen, dass die bisherige Geschichte des Marxismus der Arbeiterbewegung ein Missverständnis von Emanzipation und wie diese zu erreichen sei, enthält.

In der bisherigen Geschichte, vor allem der des 20. Jahrhunderts, trat die Arbeiterbewegung entweder als eine politische oder eine ökonomische auf. Dies findet in der traditionellen Trennung von Partei und Gewerkschaft seinen praktischen Niederschlag.

Die alte Arbeiterbewegung wollte entweder vermehrt Anteile am von ihr entrissenen Arbeitsprodukt (Mehrprodukt) erkämpfen, oder Ökonomie durch (Staats-)Politik bestimmen. Beides führte dazu, dass ihre Kämpfe immer tiefer in die Logik der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie führten: Im Westen zum Reformismus, im Osten zu einem autokratischen Regime, das zwischen Staatskapitalismus und Zentralverwaltungswirtschaft taumelte und sich den Kopf zerbrach, wie denn das Wertgesetz „bewusst“ angewendet werden könne (ich stelle dies bewusst polemisch und ohne den Versuch einer komplexen Analyse der Verhältnisse des halbfeudal-zaristischen Russland um Anno 1917 in den Raum. Darüber müsste gesondert diskutiert werden).

Aufhebung der Trennung

Einer kommunistischen Zielsetzung kann es aber nur darum gehen, Politik und Ökonomie zu „verbinden“ und politische Ökonomie somit in „ökonomische Politik“ zu wenden, so dass durch die Beseitigung dieser Trennung die Klassengesellschaft als solche überwunden wird, indem die Lohnabhängigen über die Organisierung ihrer Arbeit, die Produktion, Dienstleistungen und die Verteilung von Gütern selbst entscheiden.

Marxistische Politik bestünde also ganz wesentlich darin, die Kritik der Politik selbst in den Fokus zu nehmen und die Aufhebung selbiger herbeizuführen, indem es um Forderungen gehen muss, welche politische Abstraktionen überwinden und die Lohnabhängigen-Klasse die gesellschaftlichen Prozesse selbst in die Hand nehmen lässt um sich als Klasse selbst aufzuheben.

Dies kann weder auf dem Weg der Stärkung der Staatspolitik, noch ausschließlich durch Forderungen, welche den Rahmen des Politischen beibehalten, bewerkstelligt werden. Ein zeitgemäßes revolutionäres Programm hätte die Aufgabe die Frage zu beantworten, wie die Trennung zwischen Politik und Ökonomie schnellstmöglich zu beenden wäre. Ich wage zu behaupten, dass dies langfristig weder durch Parteipolitik, noch durch Gewerkschaftsarbeit zu bewerkstelligen ist. Denn, weshalb sollten sich diese Strukturen eines Tages von selbst auflösen? Der selbsternannte „Arbeiterstaat“ des Ostblock-Systems oder der VR China, tat es ja auch nicht.

PS: Eine allgemeine Anmerkung. Wenn es darum geht Trennungen und Abstraktionen aufzuheben, sollte der erste Schritt darin liegen, die Trennung der radikalen Linken von der „Normalbevölkerung“ zu beenden, oder zumindest zu verringern, sowie Erklärungen und Analysen derart zu vereinfachen, dass auch ein Mensch mittleren Bildungsgrades sie halbwegs nachvollziehen kann, anstatt sich im subkulturellen Gehabe zu verfangen. Darin liegt z.B. ein erheblicher Nachteil den die Linke gegenüber der Rechten hat, da letztere es versteht durch plumpeste Propaganda Massen an sich zu binden, während der linke Student den Hafenarbeiter oder die Kasiererin des Supermarkts seines Vertrauens über Marx‘ Randglossen zum Gothaer Programm oder Lenins Abhandlungen zur Imperialismustheorie aufklären will. Überspitzt formuliert.

http://arschhoch.blogsport.de/2012/01/12/kritik-des-traditionsmarxismus/#more-232

 


VON: MARIO AHNER






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