NAO und Wahrheit – was die tatsächlichen Differenzen im NaO-Prozeß waren


Bildmontage: HF

17.08.16
OrganisationsdebatteOrganisationsdebatte, Debatte, TopNews 

 

 Weitere Fragen an und Einwände gegen Micha Schilwa & Co-AutorInnen. Teil V.1

von TaP

Die 14 AutorInnen, die am 29. Juli ihre Bilanz des NaO-Prozesses und der NAO verlegten, stellen in ihrem Papier fest:

„Die NaO hat es in keiner Weise geschafft, auf deren [den der Linkspartei] linken Flügel irgendeine Anziehungskraft zu entwickeln.“

Wie hätte sie auch?! Im „Na endlich“-Papier, das noch in der Absicht geschrieben war, etwas Anderes (und Besseres) als die Linkspartei (aber keine ‚bessere Linkspartei’) auf die Beine stellen zu wollen, hieß es noch: „Wir wollen die ‚Linke’ weder verteufeln, noch hochleben lassen.“ (S. 8) Und: „Der Programmentwurf der Linken [...] ist deutlich links von der alten Programmatik der PDS angesiedelt.“ (S. 8 f.)

 

Dieser Programmentwurf wurde dann zu Zeiten des NaO-Prozesses verabschiedet, die altbacken-etatistische Gesine Lötzsch / Klaus Ernst-Führung von den zumindest jetztzeiti­geren und bewegungsorientierteren Vorsitzenden Bernd Riexinger und Katja Kipping ab­gelöst. Auch die Linkspartei-Strömung Antikapitalistische Linke (AKL) verfaßte eine Neugründungserklärung, die immerhin deutlich lesbarer als das NaO-Manifest ist.

Umso mehr hätte daher – auch nach bloßen pragmatischen Erfolgskriterien – klar sein müssen: Ein Wettbewerb mit der Linkspartei um die gleichen Leute ist auf Sand gebaut. Zwar ist klar, daß revolutionäre Politik nur erfolgreich sein kann, wenn langfristig Reformis­tInnen von revolutionären Positionen überzeugt werden; aber dies kann nicht der Start­punkt eines revolutionären Organisierungsprojektes sein. Es geht vielmehr zunächst ein­mal darum, andere Leute als die ReformistInnen zu organisieren, weil es auch um ein an­deres Projekt geht – und anschließend gemeinsam ReformistInnen von revolutionären Ide­en zu überzeugen.

Auf der Grundlage dieser Einsicht war es im „Na endlich“-Papier möglich, das Verhältnis zur Linkspartei als solidarische Konkurrenz statt als Vernichtungswettbewerb zu bestim­men:

„Auch wenn es nervt, wir sagen es noch mal, eine unsektiererische Politik gegenüber der LINKEN wird die erste und größte Herausforderung für das neue Projekt, so es denn tatsächlich an den Start geht. Natürlich treten wir in Konkurrenz zur LINKEN (sonst bräuchten wir ja gar nicht loslegen), aber nach unserer festen Überzeugung muss das neue Projekt glaubhaft rüberbringen, daß es sich um eine sozusagen ‚solidarische Konkurrenz’ handelt.“ (S. 9)

Und:

„Niemand, der für 5 Pfennig politischen Verstand hat, zweifelt daran, daß z.B. Petra Pau und Lucy Redler nicht für ewig in einer Partei bleiben werden. Aber diese unvermeintlichen Differenzierun­gen und Um- / Neugruppierungen stehen in der LINKEN (noch) nicht auf der Tagesordnung.“ (ebd. –  meine Hv.)

Einen anderen Tonfall gegenüber der Linkspartei brachte dann – manche mögen sagen: „ausgerechnet“ – Tino P. in die Debatte; aber seine Position entbehrte zumindest nicht ei­ner inneren Logik: Gerade weil Tinos NAO keine NaO des „Spektrums der subjektive[n] Revolutionär/inn/en“ („Na endlich“-Papier, S. 4), sondern eine breite[1] NAO sein sollte, soll­te es nun darum gehen, Leute aus der Linkspartei herauszubrechen und wurde in den Mo­dus der Beschimpfung (statt der differenzierten Analyse) verfallen:

„Die deutsche Linkspartei kann diesen Pol nicht bilden, sie ist eine verknöcherte und wenig demokra­tische Partei, die seit ihrem Bestehen 90% aller ihrer Energien in Wahlprozesse investierte und de­ren Mitgliedschaft mehrheitlich einer absurden DDR-Nostalgie anhängt. Mit den linken Strömungen innerhalb der Linkspartei suchen wir die politische Diskussion und wollen sie dazu bewegen, die in der jüngsten deutschen Geschichte unselige Tradition des ‚Entrismus’ zu überdenken.“

(http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2013/03/15/bericht-ueber-die-veranstaltung-vom-14-juni/)

Damit können wir zu der zweiten – die erste (vom „ANTARSYA-Modell“ [als Gruppen-Bündnis] zur NAO-Schnellgründung [als Mitgliederorganisation] hatte ich in Teil I und IV meiner Antwort besprochen) – wichtigen Verschiebung, die vom Beginn des NaO-Prozes­ses bis Gründung der NAO Berlin erfolgte, kommen.

Das „Na endlich“-Papier enthielt zwar zwei nachlässig formulierte Stellen[2], aber die Grund­tendenz war klar und bis Ende Sept. / Anfang Okt. 2013 auch unstrittig innerhalb der SIB:

„Die neue Organisation wird revolutionär sein oder sie wird gar nicht sein.“ (S. 11)

Der „revolutionäre Bruch“, der dann im NAO-Manifest von Ende 2013 nicht mehr auftauch­te, war einer der „5 unverhandelbare Punkte“ im „Na endlich“-Papier (S. 5). ...und schließ­lich sollten laut „Manifest“ „vereinzelte und verstreute AntikapitalistInnen“ (S. 30 des „Mani­festes“) statt „des Spektrums subjektiver Revolutionär/inn/en“ (S. 4 des „Na endlich“-Pa­piers) vereinigt werden.

Die Sichtweise der 14 Bilanzpapier-AutorInnen

Die 14 Bilanzpapier-AutorInnen bestreiten dagegen, daß es eine solche Verschiebung gab („Kampf gegen die halluzinierte ‚Rechtsentwicklung’ der NaO“[3]) und stellen die damalige Diskussion als sinnlosen Streit um inhaltsleere Wörter dar, der in Wirklichkeit von Mob­bing-Gelüsten genährt worden sei:

In Wahrheit ging es darum, die Aufnahme der ‚Internationalen sozialistischen Linken’ – isl in die NaO zu torpedieren bzw. nach deren Aufnahme sie (und die ‚Sozialistische Kooperation’ – SoKo) wieder raus zu drängen. Die Methode: Dem ‚rechten’ Flügel immer mehr und immer weitgehendere pseudo-revolutionäre ‚Bekenntnisse’ abverlangen“ (S. 3)

„Die NaO-Mehrheit hat immer wieder deutlich gemacht, dass sie den Beitritt der isl als großen politi­schen Gewinn betrachtet und ein ‚Rausmobben’ niemals akzeptieren würde. Inhaltlich hielten wir da­gegen, dass es für eine Mini-Gruppe wie die NaO, die Äonen davon entfernt ist, die ‚Machtfrage’ tat­sächlich stellen zu können, ziemlich lächerlich ist, monatelang darüber zu diskutieren, wie friedlich oder gewaltsam, wie prozesshaft oder abrupt der ‚Bruch’ mit dem Kapitalismus denn nun zu sein habe.“ (S. 4)

Um diesen Vorwürfen Plausibilität zu verleihen, suggerieren die 14 AutorInnen darüber hinaus eine bestimmte Chronologie des Diskussionsverlaufs:

„Am Anfang“ habe es „Zustrom von ganz links außen“ (Zwischenüberschrift auf S. 2) gege­ben:

„Fast von Anfang an dabei waren die 'Internationalen Kommunisten – IK, eine sehr kleine auf Berlin beschränkte Gruppe, es folgten einzelne GenossInnen wie Detlef Georgia Schulze (DGS) und ‚Sys­temcrash’ und schließlich auch die 'Internationale Bolschewistische Tendenz – IBT (dazu später mehr).“ (S. 2)

Die isl habe dann die wünschenswerte Korrektur gebracht:

„Auch wurde der isl-Beitritt von vielen als Gegengewicht zur anfänglichen ‚ultralinken Schlagseite’ der NaO stürmisch begrüßt.“ (S. 7)

Sonderlich sinnvoll ist ein solches Vorgehen, Streitgegenstand und -verlauf verzerrt darzu­stellen, nicht, kann es doch nichts zur Klärung der tatsächlich bestehenden Differenzen beitragen. ‚Effektiv’ ist es allenfalls, wenn es in der strittigen Sache selbst an Argumenten fehlt und stattdessen auf etwaige Lesefaulheit des Publikums kalkuliert wird, vor dem die Gegenposition dadurch diskreditiert werden soll, daß ihr imaginäre Positionen untergeschoben werden.

Das Statement von Manuel Kellner (isl)

zum NaO-Prozeß-Selbstdarstellungs-Flugi vom Mai 2012

Hören wir also, was die isl selbst (in Person von Manuel Kellner) zu den Rede stehenden Fragen sagte. In seinen Kritische Anmerkungen zum Selbstdarstellungsflyer „Neue antika­pitalistische Organisation. Muss das wirklich sein?!“ (dieses Flugi wurde im Mai 2012 von SIB, SoKo, RSB und InterKomm unterschrieben und herausgeben und nachträglich auch von scharf-links unterzeichnet) schrieb Manuel Kellner u.a. – ich zitiere ausführlich und im Zusammenhang:

„Der Begriff ‚subjektive RevolutionärInnen’ ist abstrus. Sein Sinn besteht wahrscheinlich darin, dass sich die einen Grüppchen von den anderen Grüppchen auch weiterhin abgrenzen ‚dürfen’ in dem Sinne, dass ja eigentlich nur das eigene Grüppchen ‚revolutionär’ ist – man anerkennt ja nur den subjektiv formulierten Anspruch der anderen, ‚revolutionär’ zu sein. Andererseits drückt die Verwen­dung des Begriffs ein Spannungsverhältnis aus zwischen den schon im Namen bekundeten Vorha­ben, antikapitalistische Kräfte zusammenzuführen und zu organisieren und dem Vorhaben, erst mal eine Organisation derjenigen zu schaffen, die für die sozialistische Revolution sind.

Wichtig ist für diese Unterscheidung die Kategorie des ‚revolutionären Bruchs’. Nicht gradueller Übergang von der heutigen kapitalistischen Klassengesellschaft zur sozialistischen Demokratie, sondern eine radikale Umwälzung, die zum Bruch mit dem Kapitalismus führt. In diesem Verständnis ist die französische NPA natürlich revolutionär, und in diesem Verständnis sind auch Teile der Partei DIE LINKE revolutionär (Große Mehrheit der Antikapitalistischen Linken, Teile der Sozialistischen Linken, Teile der Kommunistischen Plattform, Marx 21, SAV, isl…).

Wenn das so gemeint ist, dann ist unausgesprochen die Frage der revolutionären Strategie nicht ge­klärt und bleibt im Rahmen der neuen Organisation anhand der Verarbeitung alter und neuer Erfah­rungen zu klären. Bei der Abgrenzung einer revolutionären Strategie vom Linksreformismus ist die Staatsfrage die Gretchenfrage. Da wäre also nicht einfach der revolutionäre Bruch mit dem Kapitalis­mus, sondern der Aufbau von zum bürgerlichen Staatsapparat alternativen (räteartigen) Herrschafts­organen von unten, die an die Stelle dieses Staatsapparats treten, der delegitimiert und zerschlagen wird. Das ist die revolutionär-marxistische Position.

Und eben weil es heute falsch wäre, diese Position – auch wenn wir an ihr festhalten – zum Maßstab und zum Mitgliedschaftskriterium für den Aufbau neuer breiter antikapitalistischer Organisationen und Parteien zu machen, ist es heute richtig, antikapitalistische Positionen und den angestrebten Bruch mit dem Kapitalismus zum Kriterium zu machen und gleichzeitig zu sagen, dass die strategischen Fragen nach dem ‚Wie?’ eines solchen Umwälzungsprozesse damit noch nicht geklärt sind, sondern im Rahmen der breiten antikapitalistischen Organisation oder Partei auch anhand der Verarbeitung neuer (und nicht nur historischer) Erfahrungen geklärt werden sollen.“

(http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2012/06/17/zwei-kritische-anmerkungen-zum-selbstdarstellungsflyer-neue-antikapitalistische-organisation-muss-das-wirklich-sein/)

•    „Der Begriff ‚subjektive RevolutionärInnen’ ist abstrus.“

Manuel stellte sich damit, was sein gutes Recht war und ist, gegen das, was wohl mit Fug und Recht als Schlüsselpassage[4] des „Na endlich“-Papiers bezeichnete werden kann:

„Die GenossInnen der ‚Arbeitsgruppe Marxismus’ (AGM, heute RSO) haben das schon 2004 ganz nett formuliert:

‚Mit allen uns bekannten internationalen Strömungen haben wir doch so relevante Differenzen, daß wir uns nicht auf einer seriösen politischen Grundlage anschließen könnten. Wir haben aber auch nicht den ebenso größenwahnsinnigen wie lächerlichen Anspruch mancher Gruppierungen, daß alle anderen Revisionist/inn/en, Zentrist/inn/en oder ähnliches seien.

Wir sehen uns vielmehr als Teil des Spektrums subjektiver Revolutionär/inn/en (Hervorhebung durch die Autoren [des „Na endlich“-Papiers]), die nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, eine revolutionäre Organisation zum Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft aufzubauen („10 Jahre AGM“, August 2004)

Wir sind fest überzeugt (sonst würden wir uns nicht in das neue Projekt einbringen wollen), daß die Zeit trotz aller Schwierigkeiten reif ist für ein organisatorisches Angebot an dieses ‚Spektrum der sub­jektiven RevolutionärInnen’“ (S. 4 f. – fette Hv. im „Na endlich“-Papier; kursive Hv. von mir)“

Manuel machte auch deutlich, daß es dabei nicht nur um einen Schlüsselbegriff, sondern auch um zwei unterschiedliche NaO-Konzeptionen geht:

•    „Spannungsverhältnis aus zwischen de[m ...] Vorhaben, antikapitalistische Kräfte zusammenzuführen und zu organisieren und dem Vorhaben, [...] eine Organisation derjenigen zu schaffen, die für die sozialistische Revolution sind“

Außerdem machte Manuel deutlich, daß für die „sozialistische Revolution“ die ‚Zerschla­gung des bürgerlichen Staatsapparats’ nicht „pseudo-revolutionäre[s]“ (Bilanzpapier der 14, S. 3) Wortgeklingel, sondern ein Schlüsselbegriff ist:

•    „Bei der Abgrenzung einer revolutionären Strategie vom Linksreformismus ist die Staatsfrage die Gretchenfrage. Da wäre also nicht einfach der revolutionäre Bruch mit dem Kapitalismus, sondern der Aufbau von zum bürgerlichen Staatsapparat alternativen (räteartigen) Herrschaftsorganen von unten, die an die Stelle dieses Staatsapparats treten, der delegitimiert und zerschlagen wird. Das ist die revolu­tionär-marxistische Position.“ (meine Hv.)

Und schließlich machte Manuel deutlich, daß die isl selbst sehr wohl von der Notwendig­keit der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates ausgeht, aber diese Frage nicht zum Mitgliedschaftskriterium einer NaO machen möchte:

•    „Und eben weil es heute falsch wäre, diese Position – auch wenn wir an ihr festhal­ten – zum Maßstab und zum Mitgliedschaftskriterium für den Aufbau neuer breiter antikapitalistischer Organisationen und Parteien zu machen, ist es heute richtig, an­tikapitalistische Positionen und den angestrebten Bruch mit dem Kapitalismus zum Kriterium zu machen“

Deshalb also nicht „revolutionärer Bruch“ – wie es noch in den „5 unverhandelbare Punk­te“ des „Na endlich“-Papiers (S. 5) hieß –, sondern „Bruch mit dem Kapitalismus“ (so der Formulierungsvorschlag von Manuel).

Nun lassen sich sicherlich Argumente für und wider Manuels Vorschlag vorbringen, aber unstrittig sollte zwischen ernsthaften DiskussionspartnerInnen sein:

•    Manuel schlug etwas Anderes vor, als im „Na endlich“-Papier stand – mindestens zielte er darauf, einen dort existierenden Widerspruch zwischen Überschrift („anti­kapitalistische Organisation“) und nachfolgendem Text (‚revolutionäre Organisation’) im Sinne der Überschrift aufzulösen (‚antikapitalistisch, aber nicht notwendigerwei­se revolutionär’).

•    Es ging um eine ernsthafte politische Differenz und nicht darum, daß irgendjeman­dE Lust hatte, irgendjemandeN rauszumobben.

•    Bei der Frage der Zerschlagung des bestehenden Staatsapparates geht es nicht darum, „immer mehr und immer weitgehendere pseudo-revolutionäre ‚Bekenntnis­se’ ab[zu]verlangen“, sondern um ein tatsächliches Definitionsmerkmal von „revolu­tionärer Bruch“ (im Unterschied zu: „Bruch mit dem Kapitalismus“ i.S.v. Manuel).

•    Und es ging auch nicht darum, die „Aufnahme der ‚Internationalen sozialistischen Linken’ – isl in die NaO zu torpedieren bzw. nach deren Aufnahme sie [...] wieder raus zu drängen“, sondern es ging darum, welche NaO-Konzeption sich im NaO-Prozeß durchsetzt: Das Konzept ‚Angebot an das Spektrum der subjektiven Revo­lutionärInnen’ oder das Konzept ‚Angebot an alle AntikapitalistInnen’.

•    Es ist müßig zu spekulieren, wie sich isl entschieden hätte, wenn sich das Konzept ‚Angebot das Spektrum der subjektiven RevolutionärInnen’ durchgesetzt hätte. – Vielleicht hätte sich die isl – so wie sich InterKomm, [paeris] und IBT entschieden, sich nicht an der diffus-antikapitalistischen Schnellschuß-NAO zu beteiligen – ihrer­seits entschieden, sich nicht an einer revolutionären NaO zu beteiligen; vielleicht hätte sie darin aber doch Sinn gesehen, da sie ja selbst beansprucht, auf revolutio­när-marxistischem Boden zu stehen (auch wenn sie zusätzlich etwas Breiteres für nötig hält).

Wir wissen nicht, wie sich die isl entschieden hätte. Jedenfalls ging es nicht darum, die isl aus dem NaO-Prozeß ‚rauszumobben’, sondern darum, welchem Konzept eine NaO folgen solle.

Warum erschien mir (und erscheint mir weiterhin) das revolutionäre NaO-Konzept aus dem „Na endlich“-Papier richtig zu sein?

Wie gesagt, es lassen sich Argumente für und wider Manuels Vorschlag vorbringen. Mich überzeugte und überzeugt der Vorschlag nicht – zumal angesichts dessen, daß in Deutschland schon zwei breit angelegte Formationen links der klassischen Sozialdemo­kratie – die Linkspartei auf parlamentarischer Ebene und IL auf außerparlamentarischer Ebene – existieren.

Warum sollten sich die imaginierten vielen verstreuten AntikapitalistInnen, die sich weder der Linkspartei, noch der IL, noch der GAM, noch der isl, noch dem RSB, noch RIO, noch der RSO, noch den Gruppen der Bündnisse …ums Ganze, 3A und Perspektive Kommu­nismus, noch der DKP, noch der MLPD, noch der SoKo anschließen/-schlossen auf einmal einer NAO anschließen wollen?!

Aber auch aus grundsätzlichen Überlegungen – unabhängig davon, daß der breit-linke Platz links von der Sozialdemokratie in Deutschland schon doppelt besetzt ist – überzeug­te und überzeugt mich der Vorschlag von Manuel nicht – und zwar aus drei bzw. vier Grün­den:

1. Diejenigen, die nicht bereits von Lenins theoretischen Argumenten in Was tun? über­zeugt wurden, sollte jedenfalls spätestens der Zusammenbruch der II. Internationale – im Sinne der von den 14 Bilanzpapier-AutorInnen angerufenen ‚Pudding-Epistemologie’[5] (‚Die Praxis entscheidet...’) – überzeugt haben, daß es einer eigenständigen Organisie­rung der RevolutionärInnen bedarf.

In dieser Frage[6] stimme ich ganz mit den GenossInnen der IBT über ein:

„The lesson that Lenin, Trotsky and the Bolsheviks drew from the experience of ‘a party of the whole class’ was that revolutionaries need to organise themselves separately from reformists. [...]. Revolu­tionaries may indeed make a tactical decision to pursue the struggle against reformism through short-term entries into bourgeois workers’ parties, but we neither advocate the creation of a reformist organisation nor project such a development as a necessary ‘step forward’.“

(http://bolshevik.org/1917/no32/ibt_1917_32_03_NPA.html)

2. Nun mag, ganz im Sinne des IBT-Arguments „make a tactical decision to pursue the struggle against reformism through short-term entries into bourgeois workers’ parties“ ge­sagt werden, daß die Mitarbeit in breiteren Formationen nicht notwendigerweise die eigen­ständige Organisierung von RevolutionärInnen ausschließt.

Und in der Tat ist die isl ja – neben ihrer Mitarbeit in der ‚breiten’ Linkspartei – eigenständig organisiert, und z.B. GAM und isl blieben – neben ihrer Mitarbeit in der nicht ganz so ‚brei­ten’ NAO – eigenständig organisiert.

Dies bringt mich zu meinen beiden nächsten Argumenten:

a) Ein paar Dutzend isl-Mitglieder können in einer reformistischen Partei mit mehreren zehntausend Mitgliedern, wie der Linkspartei, nicht viel ausrichten. Selbst die SAV, die ein ganzes Stück größer ist (aber sich sogar in ihren eigenen Texten um die Frage der Zer­schlagung des bestehenden Staatsapparates herumdrückt) kann nicht viel ausrichten.

Die GAM konnte mit ihrer Mitgliedermehrheit in der NAO-Berlin mehr ausrichten – aber ich bleibe dabei, daß das ‚Fischteich-Modell’ (statt eines wirklich Annäherungsprozesses der subjektiven RevolutionärInnen) ein besonders absurder Fall von Entrismus ist.

b) Die Schwäche der revolutionären Linken in Deutschland ist nicht nur – und nicht einmal in erster Linie – ein Problem der geringen bis sehr geringen Größe jeder dieser revolutio­nären Gruppen. Es geht auch nicht nur das Problem der geringen programmatischen Ver­einheitlichung der subjektiven RevolutionärInnen:

Selbst wenn alle subjektiven RevolutionärInnen in der BRD (von AnarchistInnen bis MLPD; von Spartakist Arbeiterpartei bis Teilen der IL; von antiimperialistischen ‚Szene-MaoistIn­nen’ bis zum antinationalen ...ums Ganze-Bündnis) der Linkspartei beitreten würden, dort versuchen würden, konsequent alle Sätze, über die sie sich einig sind (viele wären es, wie gesagt, nicht), ins Parteiprogramm zu stimmen – was wäre damit gewonnen?

Und selbst, wenn sich diese subjektiven RevolutionärInnen ohne ReformistInnen vereini­gen würden – wenn sie dies nicht nur auf der Grundlage der Wörter „subjektiv revolutio­när“, sondern einer gewissen ausformulierten programmatischen Minimal-Grundlage (Es­sentials) tun würden, hielte ich dies für richtig –, dann würde doch die Arbeit überhaupt erst anfangen:

Das Problem ist doch nicht nur, daß in dieser und jener Frage mal diese und mal jene sub­jektiv-revolutionäre Gruppe recht hat; sondern, daß in vielen Fragen keine dieser Gruppen recht oder überhaupt auch nur eine Antwort hat (und sei es eine falsch). Viele grundlegen­de Fragen werden – teils aus Borniertheit; teils wegen zu geringer Arbeits-/Zeitkapazitäten – nicht einmal diskutiert...

Was ich also

3. sagen möchte, ist:

Die Zusammenführung der subjektiven RevolutionärInnen auf einer programmatische Mi­nimalgrundlage wäre gerade deshalb notwendig, damit dann anschließend die liegenblie­benen Hausarbeiten – mit zusammengelegten Ressourcen und nach ‚Borniertheits-Rasur’ – gemeinsam nachgeholt werden (und nicht, um danach endlich einen [undifferenzierten] – sei es entristischen; sei es bewegungs-huberischen – „Praxis“-Fetisch ausleben zu kön­nen).

Klar, kann und soll es dann auch vermehrt gemeinsame politische Praxis geben; aber die­jenigen, die meinen, danach sei theoretische Praxis überflüßig, würden ihr nächstes blau­es Wunder erleben.


 


[1] Tino: „wir brauchen eine breitere Organisation, mit einem nicht allumfassenden Minimalkonsens, nämlich ‚nur’ klarer Antikapitalismus, radikal demokratisches Funktionieren, Einheitsfrontmethode und minimale Verbindlichkeit im Rahmen einer Organisation, das heisst minimaler Zentralismus und nicht die scheinbar perfekte revolutionär-marxistisch-sozialis­tische Organisation.“ (http://arschhoch.blogsport.de/2011/12/17/zwischen-skylla-und-charybdis/)

Vgl. als Gegenposition: „Selbst Genosse Systemcrash plädiert in unserer Debatte zwar für eine ‚revolutionär-marxisti­sche’ Organisation, aber daß diese ‚perfekt’ sein könne oder solle, ist auch ihm nicht über die Lippen gekommen. Und ich plädiere für eine revolutionäre Organisation, die sowohl revolutionäre MarxistInnen als auch revolutionäre Anarchis­tInnen umfaßt – denn alle Fragen, die sich nach einer antikapitalistischen Revolution stellen, werden alle GenossInnen, die evtl. in nächster Zeit eine Organisationen gründen, aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr in ihrer politischen Praxis be­antworteten können / nicht mehr in ihrer politischen Praxis beantworten müssen! […]. Wenn also eine ‚perfekte revolutio­när-marxistisch-sozialistische Organisation’ ein Pappkamerad ist, der augenscheinlich nur aufgebaut wurde, um ihn um­hauen zu können, dann lautet die wirkliche Frage also: Was sollen wir unter einer ‚breitere[n] Organisation, mit […] klare[m] Antikapitalismus’ verstehen, zu deren Charakterisierung Tino das Wort ‚revolutionär’ nicht verwendet?!“ / „sektie­rerisch wäre, Bündnisse mit ReformistInnen und GradualistInnen zu verweigern. Aber Reformismus und/oder Gradua­lismus wäre, zugunsten einer gemeinsamen Organisation von RevolutionärInnen mit ReformistInnen und GradualistIn­nen auf eine Organisation der RevolutionärInnen zu verzichten!“ (http://arschhoch.blogsport.de/?p=220)

[2] 1. die Überschrift: „Neue Antikapitalistische Organisation? Na endlich!“ (statt: „Neue revolutionäre Organisation?“) 2. Seite 9: „Die LINKE ist ein Angebot für ‚Kapitalismus-Zähmer’, wir sind ein Angebot für ‚Kapitalismus-Abschaffer’.“ – An dieser Stelle blieb offen: Was ist mit denen, die Kapitalismus zwar abschaffen wollen, aber nicht erkennen, daß dies nur revolutionär geht?

[3] meine Hv. – Eine ‚Rechtsentwicklung der NAO’ gab es allerdings nicht; denn es gab noch gar eine NAO, sondern aus­schließlich eine Diskussion darüber, was für einen Charakter eine etwaige künftige NaO habe solle.

[4] Die Formulierungen „Wir sind fest überzeugt“ und „sonst würden wir uns nicht in das neue Projekt einbringen wollen“ sind jedenfalls ein starkes Indiz dafür, daß es sich um eine Schlüsselpassage handelt. In gleiche die Richtung deutet, daß „Spektrums subjektiver Revolutionär/inn/en“ (abgesehen von den Überschriften und zwei Wörtern in einer Fußno­ten) die einzigen fett hervorgehobenen Wörter in dem Text waren; auch dies dürfte ihre besondere Bedeutung unterstrei­chen.

[5] Friedrich Engels: „The proof of the pudding is eating.“ – siehe dazu Teil III (v. 3.8.) meiner Antwort.

[6] ...allerdings nicht hinsichtlich des – m.E. schlecht gebildeten – Ausdrucks „bourgeois workers’ parties“... – eine  Partei kann nicht gleichzeitig eine „ArbeiterInnenpartei“ und „bürgerlich“ sein. Eine Partei sollte nicht nach ihrer soziologischen Zusammensetzung, sondern nach ihrem Charakter (Programm und politische Praxis) beurteilt werden.







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