Noch Glut in der Asche?

07.09.12
OrganisationsdebatteOrganisationsdebatte, SoKo, Netzwerk 

 

von Horst Hilse

Bericht von der Berliner NaO – Sommerdebatte (31.Aug.bis 2.Sept.)

für Sokistas in der „Provinz Westdeutschland“ , - wie es aus Berliner Sicht formuliert wurde.

Wir von Soko waren mit 7 Leuten an die Spree gereist, um an der Nao Sommerdebatte teilzunehmen und wir hatten dann in der am Parkrand gelegenen Tagungsstätte tatsächlich einen schönen Ausblick auf die wenige Meter entfernte Spree. Hinzu kam das schöne Sommerwetter, die Tagung auf der Terrasse im Grünen sowie die freundliche Aufnahme durch die Berliner SIB Genossen.

Vielleicht war es dieses Ambiente, das sich so positiv auf die Stimmung auswirkte, dass alle Beteiligten sehr darum bemüht waren, die durchaus vorhandenen Differenzen nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern sich um die Gemeinsamkeiten zu bemühen und den Konsens zu suchen.

Knapp 60 Vertreter/innen von RSB, SIB, Interkomms, isl, GAM, Soko sowie Einzelpersonen diskutierten zwei Tage lang intensiv darüber, wo sich gemeinsame Schnittmengen finden lassen, um in Deutschland eine kämpferische antikapitalistische Kraft aufzubauen. Obwohl noch nicht alle Berichte aus den 8 Workshops vorliegen, (-die am Samstag Vormittag und am Nachmittag zu je 4 Gruppen stattfanden-) gibt es in einigen wichtigen Punkten eine weitgehende Übereinstimmung:

  • Die derzeitige kapitalistische Krise ist keine „Schuldenkrise“, wie uns von den Medien vermittelt wird, sondern eine tiefgehende Krise des kapitalistischen Systems. Diese läuft in mehreren Phasen ab und frisst sich immer tiefer in alle gesellschaftlichen Bereiche.. Ausgangspunkt war die Überproduktionskrise, die das Platzen diverser Blasen bewirkte, was wiederum den Finanzsektor destabilisierte, der dann mittels der Staatsverschuldungen vor dem Zusammenbruch gerettet werden musste. Die derzeit betriebene Sparpolitik mit der Auspressung der Bevölkerung soll diese riesigen Verluste wieder ausgleichen. Auch die nun seit über 10 Jahren ununterbrochenen Ressourcenkriege sollen die Gewinnsituation der Kapitalbesitzer verbessern. Wir befinden uns in einer globalen Krise, die alle gesellschaftlichen Strukturen modifiziert und durch die ökologische Katastrophe extrem verschärft wird.
  • Ein „revolutionärer Bruch“ ist nur als eine revolutionäre Etappe mit vielen Aufschwüngen und Niederlagen denkbar und erschöpft sich nicht in einem einmaligen Revolutionsakt. Wir werden künftig oft recht heftige Revolten erleben und auch viele Niederlagen sind wahrscheinlich nötig, damit Antikapitalisten die Fähigkeiten erlernen können, die eine Systemüberwindung erfordert.

Damit aber löst sich die Sozialistische Revolution nicht in Prozesse unterschiedlicher Intensität auf, sondern es wird einen zugespitzten Umschlagspunkt geben, wo die Menschen den ökonomischen Apparat des Kapitals ihrem Willen unterwerfen und den bürgerlichen Staat mit seinen Funktionen der Profitsicherung stillegen.

  • Die früher ausgearbeiteten Taktiken der Kommunistischen Internationale sind auf die heutige Situation nicht übertragbar. Die Einheitsfronttaktik war auf große Massenparteien bezogen, die sich als feste Blöcke organisiert hatten und zumindest verbal den Kapitalismus bekämpften. Heute dagegen haben wir eine marginalisierte linkssozialistische Splitterszene, eine gerupfte Sozialdemokratie, die vorbehaltlos das kapitalistische System bejaht und einen minimalen Aufstieg klassischer reformistischer Strömungen. Im Umgang mit dieser Situation ist das klassische Instrumentarium des Klassenkampfes weitgehend ungeeignet und kann höchstens intentional als kreativer Impulsgeber dienen.

Die Gewerkschaften bilden zwar eine Art elementarer Einheitsfront, werden aber durch einen Apparat behindert, der ernste Kämpfe in der Regel möglichst vermeidet.

  • Einig ist man sich darin, dass auf Grund ihrer Machtstellung sowie durch ihr antagonistisches Klassenverhältnis nur die „Arbeiterklasse“ in der Lage ist, den Kapitalismus ernstlich zu gefährden. Dabei erfasst dieser Begriff alle Lohnabhängigen und beschränkt sich nicht nur auf die „produzierend“ tätigen Schichten der Lohnabhängigen. Das „Gesicht dieser Klasse“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in allen europäischen Staaten erheblich gewandelt: Sie ist weiblicher und in ihrer Zusammensetzung wesentlich internationaler geworden. So umfasst beispielsweise die „deutsche“ Arbeiterklasse heute 5 bis 8 Nationalitäten. Die veränderten Produktionsweisen mit der Überschreitung der Betriebsgrenzen sowie die besonders in Deutschland betriebene starke Spaltung und Segmentierung stellen an eine klassenorientierte Bewegung extreme Anforderungen.
  • Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist durch die kapitalistischen Raubzüge extrem beschädigt. Damit ist nicht nur die als „Umgebung“ den Menschen gegebene Natur gemeint, sondern auch die innere Natur, d.h. also sein Verhältnis zu sich selbst. Die technokratischen Lösungen des „green deal“ werden keinesfalls der Problemlage von Klimawandel gerecht und sind realistischer weise nur umsetzbar in scharfem Konflikt mit einer auf Profit ausgerichteten Wirtschaftsstruktur. Die Folgen der inneren Kolonisierung des Menschen sind als weitverbreitete psychische Krankheiten erfahrbar.
  • Die Geschlechterverhältnisse sind heute mit klassischer, vergeschlechtlichter, rassistischer und körperbezogener Unterdrückung äußerst eng verwoben und eine sozialistische Kraft kann sich nicht in traditionell patriarchaler Weise den „armen Frauen“ zuwenden, sondern muss sich der Geschlechterökonomie, wie sie z.B. in geschlechtsspezifischen Armutsprozessen und der 'care'- Arbeit in ihrer lohnabhängigen und nicht entlohnten Variante zum Ausdruck kommt, stellen. So wie es eine Ethnisierung sozialer Ausbeutung gibt, existiert eine ebensolche auch als „Vergeschlechtlichung“. Hier im Detail weiterzuarbeiten und die Ausgrenzungsmechanismen zu erfassen ist eine linke Pflichtaufgabe.

Daher war auch Gabriele Winker zu einem Referat über Marxismus und Feminismus eingeladen worden, das ebenfalls als ein 'Highlight' der Zusammenkunft gewertet werden muss.

Die Workshops verdeutlichten uns nochmals die riesigen Aufgabenfelder, vor die eine antikapitalistische Politik heute gestellt wird. Um wirken zu können, brauchen wir im NaO-Prozess jede helfende Hand und jeden denkenden Kopf dringend.

Wir einigten uns darauf, bis Februar ein Manifest zu entwickeln und die SIB Essentials weiter zu präzisieren und zu einem programmatischen Rohentwurf zu formen. Außerdem soll unser Webauftritt werbemäßig besser gestaltet werden.

Als Soko haben wir hoffentlich einen guten Eindruck im Kreis der Genoss/innen hinterlassen: wir stellten einen Workshop – Referenten und zwei Berichterstatter. Referate und Berichte der Workshops werden demnächst einsehbar sein auf der Nao-Webseite: http://nao-prozess.de/

Ein großer Dank gebührt der Berliner Crew für die Organisierung der Tagung mit Unterbringung und Verpflegung!

Noch haben wir keine gemeinsame Organisa-tionsform, noch haben wir keine gemeinsame Praxis vor Ort und noch sind wir eine margina-lisierte Randerscheinung im derzeitigen Polit-betrieb. Aber das muss so nicht bleiben und der Berliner Funkenflug stimmt hoffnungsvoll.

Noch haben wir kein weithin sichtbares Feuer entfacht. Aber die Rauchzeichen deuten auf eine lebendige Glut, die Sauerstoff und Heizmaterial braucht:
Also pustet kräftig und sammelt uns und andere, damit wir „denen da oben“ unseren Ausbeutern ein Feuerchen machen….

h. hilse

 

 

 

 

 


VON: HORST HILSE






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