Noch einmal zum NaO-Prozeß und zur NAO - Was war mit „ANTARSYA-Modell“ gemeint?

12.08.16
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Zur RSB-Kritik im Bilanzpapier von Micha Schilwa & Co-AutorInnen. Teil IV

von TaP

Im NaO-Prozeß ging es vor allem um ANTARSYA als organisatorisches Modell (und seine grundsätzliche revolutionär-antikapitalistische Ausrichtung, aber nicht um Details der Programmatik und Geschichte der beteiligten Gruppen). Um Letztere aber hier trotzdem zumindest zu nennen und einen groben Eindruck von den Spektren, die an ANTARSYA beteiligt sind, zu geben...: Zur Zeit sind sieben Gruppen der griechischen Linken an diesem Bündnis beteiligt. ANTARSYA, die Antikapitalistische Linke Zusammenarbeit für den Umsturz, gründet auf eine längere Tradition der Kooperation und entstand 2009 aus dem Zusammenschluß zweier vorhergehender Bündnisse. Bei der Kommunalwahl 2014 kam ANTARSYA auf 2,3 %. Diese beiden älteren Bündnisse waren: • Das 1999 gegründete Bündnis MERA (engl. Übersetzung des ausgeschriebenen Namens: Radical Left Front). Dort – wie auch heute bei ANTARSYA – war bzw. ist die größte Gruppe NAR (New Left Current / Neue linke Strömung); ebenfalls deren Jugendorganisation nKA (Youth of Communist Liberation / Jugend der kommunistischen Befreiung) war und ist beteiligt. NAR spaltete sich 1989 von der KKE (damaliges Wahlergebnis – in einem Bündnis mit Kräften, die später SYRIZA bildeten: 13,1 %) ab, nachdem dieses Wahlbündnis (einschl. KKE) eine Regierungskoalition mit der konservativen Nea Dimokratia gebildet hatte. Außerdem waren MERA-Gründungsmitglieder: Die maoistische Revolutionary Communist Movement of Greece (EKKE), die trotzkistische Workers Revolutionary Party (EEK) und die Independent Communist Organization of Serres (AKOS), über die mir nichts bekannt ist; 2004 kamen noch die Alternative Ecologists hinzu. Von den zuletzt genannten vier Gruppen sind heute EKKE und Alternative Ecologists an ANTARSYA beteiligt; die EEK stand bei der Wahl im Sept. 2015 in einem Wahlbündnis mit ANTARSYA. und • das 2007 gegründete Bündnis ENANTIA (engl. Übersetzung des ausgeschriebenen Namens: United Anti-Capitalist Left). An diesem waren beteiligt die Socialist Workers’ Party (SEK) (was die griechische Schwester der britischen SWP [in Tradition von Tony Cliff] ist), die Organization of Communist Internationalists of Greece-Spartacus (OKDE Spartakos) (was die griechische Sektion der IV. Internationale [in der Tradition von Ernest Mandel] – in Deutschland: isl und RSB – ist) sowie die beidem vom französischen struktural-marxistischen Philosophen Louis Althusser sowie Mao Tse-tung beeinflußten Gruppen Left Recomposition (ARAN) and Left Anti-capitalist Group (ARAS). Alle vier Gruppen waren bis zum vergangenen Jahr auch an ANTARSYA beteiligt; dann schieden allerdings ARAN und die Mehrheit von ARAS aus ANTARSYA aus, da sie vorzogen sich an der SYRIZA-Abspaltung LAE („Volkseinheit“) zu beteiligen. Die ARAS-Minderheit ist nun unter dem Namen Aristeri Syspirosi (Left Group) Mitglied von ANTARSYA. Organisationen, die an ANTARSYA beteiligt sind Linke Gruppe EKKE NAR nKA Alternative ÖkologInnen OKDE Spartakus SEK.

Zur Position des Revolutio­när-Sozialistischen Bundes (RSB) bzw. in Sachen „ANTARSYA-Modell“ heißt es in dem Papier „Zum Scheitern des NaO-Prozes­ses“ von Micha Schilwa u.a. vom vergangenen Freitag:

 

„Während der RSB immer strikt gegen Individualmitgliedschaf­ten und für einen Block bereits bestehender Organisationen (‚Antarsya-Modell’) war, argu­mentierte die NaO-Mehrheit (ab einem bestimmten Punkt) genau andersrum.

In der Frühphase des NaO-Pro­zesses hatte das ‚Antarsya-Modell’ seine Berechtigung und war deshalb auch unumstritten. Es ging damals quasi um ‚ur­sprüngliche Akkumulation’, also die Schaffung eines überhaupt wahrnehmbaren Attraktionspols durch Hinzugewinnung von Or­ganisierten der radikalen Linken.

Aber nach einer ersten Konsoli­dierung der NaO (auf sehr be­scheidenem Niveau) entbrannte die Debatte. Für den RSB war ‚Individualmitgliedschaft’ bis zum Schluss gleichbedeutend mit ei­ner Quasi-Organisationsgrün­dung, die den GenossInnen als zu übereilt und voluntaristisch erschien (‚Sorgfalt vor Tempo’).

Die Mehrheit hielt dem zwei Din­ge entgegen:

Erstens war das Feld bereits be­stehender Organisationen ir­gendwann ‚abgegrast’.

Nach dem Beitritt der isl war nun wirklich alles ‚eingesammelt’, was realistischerweise in Frage kam, bis hin zu mikroskopisch kleinen Gruppen wie der ‚Marxistischen Initiative – MI (um den Genossen Dieter Elken in Berlin) oder der ‚Revolutionären Initiative Ruhrgebiet – RIR (einer zeitweiligen Abspaltung des RSB im Ruhrgebiet). Organisationen, die der NaO-Idee grundsätzlich ablehnend gegenüber stehen (wie z.B. die SAV) können unabhängig von der Performance eines solchen Projekts auch in 100 Jahren nicht gewonnen werden.

Zweitens: Hauptzielgruppe des NaO-Projekts sind nicht die (wenigen) schon/auch anderweitig Organisierten, sondern die (vielen) nicht/noch nicht/nicht mehr Organisierten. Für Letztere ist es aber extrem unattraktiv, sich als Individuen einem Block bereits bestehender Organisationen anzuschließen.“ (S. 6)

Dazu sind mehrere Dinge festzustellen:

 

1. Im debatten-eröffnenden „Na endlich“-Papier wurde zwar ANTARSYA, ein Bündnis verschiedener revolutionärer Gruppen in Griechenland, erwähnt; aber der Ausdruck „ANTARSYA-Modell“ kam darin noch nicht vor. Anvisiert war vielmehr, ausgehend von jenem Papier und einer Diskussion darüber, ohne organisatorische Zwischenschritte die unmittelbare Gründung einer neuen antikapitalistischen Organisation.

 

2. Der Ausdruck „ANTARSYA-Modell“ und der mit ihm gemeinten Inhalt kamen – und zwar zunächst innerhalb der SIB selbst! – auf, als sich abzeichnete, daß die im „Na endlich“-Papier benannten Voraussetzungen für die Gründung einer NaO bei weitem nicht so schnell zu erreichen sein werden, wie dies im „Na endlich“-Papier gewartet worden war; aber auch klar war, daß nicht endlos diskutiert werden kann, ohne organisatorische Fortschritte zu machen.

 

3. Trotzdem blieb der NaO-Prozeß die ganze Zeit – von März 2011 bis Sept. 2013 – ein bloßer Diskussionsprozeß (mit gemeinsamen Mobilisierungen von jeweils unterschiedlichen Teilen zu bestimmten punktuellen Anlässen – als Dreingabe). Niemals ist im NaO-Prozeß behauptet worden, daß das „ANTARSYA-Modell“ schon erreicht sei; daß es schon einen status quo beschreibe. Das heißt: In der tatsächlichen „Frühphase“ handelte es sich nicht um die Realisierung des „ANTARSYA-Modell“.

Oder anders gesagt: Das „ANTARSYA-Modell“ war nicht für die Frühphase des NaO-Prozesses, die fast ausschließlich (abgesehen von den genannten Teil-Mobilisierungen) ein Diskussionsprozeß war, vorgesehen, sondern für eine ‚Mittelphase’ (für einen Zwischenschritt), die (der) dann aber mit der NAO-Schnellgründung voluntaristisch ausgelassen wurde.

 

4. „ANTARSYA-Modell“ war daher ein Ausdruck, der beschrieb, was der nächste Schritt sein solle, der gemeinsam gegangen wird. Dieser nächste Schritt war lange Zeit – abgesehen von der SoKo, die schon sehr früh auf die Schaffung organisatorischer Strukturen mit Individualmitgliedschaften orientierte (wie im Bilanzpapier von Micha Schilwa, Edith Barthelmus-Scholich u.a. korrekt dargestellt ist) – im NaO-Prozeß Konsens.

 

5. Was bedeutete nun „ANTARSYA-Modell“?

Die Realisierung des „ANTARSYA-Modells“ hätte bedeutet, daß es nicht mehr (nur) Flugblätter von Gruppen gibt, die am NaO-[Diskussions]Prozeß beteiligt sind, sondern daß – auf der Grundlage schriftlich festgehaltener Gemeinsamkeiten (ausformulierte Essentials + Gründungserklärung) – ein „Block“ oder „Bündnis“ oder eine „Bündnisorganisation“ (die Terminologie schwankte) mit einem spezifischen (‚formellen’) Namen gegründet wird und daß gemeinsame Texte in Zukunft unter diesem Bündnisnamen veröffentlicht werden.

Von der organisatorischen Form her, wäre es etwas sehr Ähnliches gewesen, wie es zu der Zeit (um 2013 herum) im sog. ‚postautonomen’ Bereich in Form von Interventionistischer Linker (IL), ...ums Ganze-Bündnise (UG), 3A-Bündnis und mittlerweile auch Perspektive Kommunismus existiert(e).

Warum dann überhaupt ein weiteres Bündnis? Das revolutionäre Bündnis, das nach dem „ANTARSYA-Modell“ hätte aus dem NaO-Prozeß als nächster Schritt hervorgehen sollen, hätte sich

 

•    von IL und UG durch eine stärkere Klassen- (d.h.: betrieblich-gewerkschaftliche) Orientierung auf die Lohnabhängigen (d.h.: alle die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft als Ware gegen Lohn zu verkaufen)

 

•    von UG durch eine stärke Orientierung auf eine in einem weiteren Schritt später zu gründende Organisation

 

und

 

•    von 3A durch ein – bei den meisten (wenn nicht: allen) Beteiligten – ablehnendes Verhältnis zu Stalin und ein – je nach Beteiligten: mehr oder minder – differenziertes Verhältnis zu Mao

 

unterschieden.[1] Ein solches Bündnis wurde freilich nie geschaffen...

 

6. Stattdessen kam es dann – von SIB-Mehrheit und GAM vorangetrieben – zur NAO-Gründung ohne Zwischenschritt, obwohl die im „Na endlich“-Papier ursprünglich dargestellten Gründungsvoraussetzungen bei weitem nicht erfüllt waren.

Gegen diesen Einwand macht das Bilanzpapier der 14 geltend:

 

„Nach dem Beitritt der isl war nun wirklich alles ‚eingesammelt’, was realistischerweise in Frage kam, bis hin zu mikroskopisch kleinen Gruppen wie der ‚Marxistischen Initiative – MI (um den Genossen Dieter Elken in Berlin) oder der ‚Revolutionären Initiative Ruhrgebiet – RIR (einer zeitweiligen Abspaltung des RSB im Ruhrgebiet).“ (S. 6)

Dieser Einwand liegt freilich neben der Sache. Denn die ‚NaO-Idee’ war ja gerade nicht, vier trotzkistische oder überwiegend trotzkistische Gruppen (GAM, Revolution, isl und SIB) + einer handvoll Einzelpersonen zusammenzuführen, sondern es sollten auch in größerer Zahl ‚Postautonome’ und ‚PoststalinistInnen’ beteiligt sein.

 

Dagegen mag eingewandt werden, daß diese aber nicht wollten. Das ist zutreffend – auf ‚postautonomer’ Seite wurden [paeris] und InterKomm durch Manifest und Schnellgründung verprellt; eine „größere Zahl“ hätten auch sie nicht beizusteuern gehabt –; aber dies ändert ja nichts daran, daß das, was im Feb. 2014 in Berlin gegründet wurde weder quantitativ (Mitgliederzahl) noch qualitativ (beteiligte Spektren) etwas mit dem zu tun hatte, was im „Na endlich“-Papier im März 2011 vorgeschlagen wurde.[2]

 

Das, was jetzt auch noch mal in dem Bilanzpapier von Micha Schilwa u.a. beansprucht wird – nämlich,

 

„am Ende des Tages nicht auch noch die NaO-Idee – also den Versuch einer weit ausgreifenden und ernsthaften Umgruppierung der revolutionär-antikapitalistischen Kräfte in Deutschland – beschädigen [zu] wollen.“ (S. 1)

– hätte erfordert, Ende 2013 / Anfang 2014 einzugestehen,

 

•    daß das, was ursprünglich angestrebt worden war, bei weitem nicht erreicht worden ist;

 

•    daß – vielleicht – auch weniger als Zwischenschritt sinnvoll ist;

 

•    daß dieses ‚Weniger’ aber gerade nicht, das ist, was im „Na endlich“-Papier unter dem Arbeitstitel „Neue antikapitalistische Organisation“ vorgeschlagen wurde.

 

Eine solche rigorose Analyse unterblieb freilich bei NAO-Gründung – und sie unterbleibt leider auch jetzt nach NAO-Auflösung...

 

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Bleibt die Frage: Warum wurde das „ANTARSYA-Modell“ – trotz zeitweiliger besser Einsicht – schließlich wieder aufgegeben?[3]

 


[1] Etwas unklar blieb, was „ANTARSYA-Modell“ genau in Bezug auf individuelle Mitgliedschaften geheißen hätte. InterKomm, IBT und ich selbst positionierten uns diesbzgl. deutlich ablehnend; der RSB und Teile von [paeris] waren diesbzgl. weniger rigide. Für diesen – nie genauer diskutierten – Punkt hätte sich aber sicherlich eine einvernehmliche Lösung finden lassen, wenn sich Einvernehmen hätte darüber erzielen lassen, daß für das Bündnis keine Entscheidungen mit Mehrheit, sondern nur im Konsens (oder jedenfalls sehr, sehr großen Mehrheiten) getroffen werden können.

[2] Selbst das trotzkistische Spektrum wurde bei der Berliner NAO-Gründung im Feb. 2014 nicht ausgeschöpft: RIO und RSO, deren französischen Schwesterorganisationen (Révolution Permanente bzw. L‘Etincelle) an der NPA beteiligt sind, beteiligten sich an der NAO-Gründung nicht.

[3] Meine Hypothese lautet: Weil auch das Ziel ausgewechselt wurde: Statt Zusammenführung „des Spektrums subjektiver Revolutionär/inn/en“ („Na endlich“-Papier, S. 4 und 5) sollte es nunmehr um Einsammlung „vereinzelte[r] und verstreute[r] AntikapitalistInnen“ (Manifest, S. 30) gehen.

Für das Einsammeln von verstreuten und vereinzelten Leuten ist ein Bündnis von Gruppen in der Tat ungeeignet. Nur wurde niemals bewiesen, daß es eine relevante Anzahl von AntikapitalistInnen, die vereinzelt, aber trotzdem organisierungswillig sind, gibt. Das NAO-Schnellgründungs-Experiment hat jedenfalls Eines bewiesen: Daß die NAO nicht der Pudding war, den diese Vereinzelten, falls es sie gibt, essen wollten.







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