NAO Berlin: War sie ein Pudding oder eine Elephantenkuh?

02.08.16
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Weitere Fragen an und Einwände gegen Micha Schilwa & Co-AutorInnen. Teil III

von TaP

Das NAO-Bilanzpapier von Micha Schilwa, Edith Barthelmus-Scholich u.a., das am Freitag der vergangenen Woche von scharf-links veröffentlicht wurde, beginnt mit dem Hegel-Zitat, daß die „Furcht zu irren schon der Irrtum selbst“ sei. Das entscheidende Problem ist in der Tat nicht das Irren; das passiert uns allen – sei es aufgrund unzugänglicher Informationen oder Analysefehlern – immer wieder mal.

Nach Lenin ist das Entscheidende unser Umgang mit unseren Irrtümern:

„Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei […]. Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei“ (LW 31, 43)

Unter diesem Gesichtspunkt leidet das Papier der 14 an dem Mangel, daß es zwar ausführ­lich die Geschichte des NaO-Prozesses (vor NAO-Gründung) aus Sicht der AutorInnen noch einmal nacherzählt, aber die tatsächliche Praxis der dann im Febuar 2014 gegründe­ten NAO, insbesondere die der größten Ortsgruppe (Berlin), kaum vorkommt.

Damit wird aber auch der Irrtum aus der Welt geschafft: Es gab zwar einen Mißerfolg („die NaO ist gescheitert“ [S. 1]), aber seine Ursachen werden kaum analysiert.

•    Auf rund einer Seite (S. 11 f.) wird zwar die Positionierung der NAO zur ANEL-Betei­ligung an der SYRIZA-Regierung in Griechenland diskutiert; aber die AutorInnen werden ja wahrscheinlich selbst nicht behaupten, daß die NAO auch nur zehn Mit­glieder mehr gewonnen hätte, wenn sie zu Griechenland etwas Anderes beschlos­sen hätte.

•    Auf einer weiteren guten halbe Seite (S. 12 f.) wird überhaupt die Rolle der Gruppe Arbeitermacht (GAM) in der NAO diskutiert und kritisiert – und aber (zurecht) festge­stellt: „Es wäre aber viel zu kurz gegriffen und auch ungerecht, die Ursachen dieses Scheiterns nur bei der GAM zu suchen.“

•    Aber es gibt ja noch isl und RSB, bei denen Verantwortung abgeladen werden kann: „Umso größer die Enttäuschung (insbesondere in Berlin): Bis auf die gelegentliche Teilnahme an bundesweiten Treffen hat die isl real buchstäblich nichts zum NaO-Auf­bau beigetragen.“ (S. 7) Und, naja, der RSB war sowieso nicht richtig dabei; hatte ein ‚Fixiertheits-Problem’: Der „RSB [blieb] fixiert auf Antarsya-Modell“ (S. 6)

Die entscheidende Frage wird aber umgangen: Hat die NAO einen (anderen) Fehler (wenn die [vermeintlichen] Fehler der GAM nicht der ausschlaggebende Grund waren) begangen, der hinderte, daß die Massen zur NAO strömten, oder war schon die NAO-Gründung der Fehler[1]? Lag der Irrtum schon in der Erwartung: ‚Wenn erst einmal gegründet wird, dann geht es aber richtig los; dann werden die „vielen bislang vereinzelten und verstreuten Anti­kapitalistInnen in Deutschland“ (Manifest, S. 30) in die NAO strömen’?

Um diese Fragen umgehen zu können, wird in dem Papier dem Hegel-Zitat ein Zitat von Fritze Engels hintergeschoben:

„Herzlichen Glückwunsch an die Diplom-Trotzkisten und alle anderen von der revolutionären Weisheit geküssten, die von vorneherein sicher wussten, dass die NaO [...] unweigerlich scheitern musste. Von uns, den Unterzeichnenden verfügt keine(r) über einen ‚marxistischen Geschichtsfahrplan’. Wir verfuhren und werden weiter verfahren nach dem Motto des alten Engels ‚The proof of the pudding is eating.’“ (S. 1)

 

Nun sagt uns das Essen des Puddings zwar in der Tat, ob der Pudding gut geraten ist – aber die meisten Menschen werden so vorsichtig sein, vor dem Löffeln wissen zu wollen, ob vor ihnen eine Schlüssel Schoko-Pudding oder eine Schlüssel Exkremente steht. – Oder in den Worten Althussers:

„Man serviert uns das schöne Argument vom Pudding, den man essen muß, um seine Qualität feststellen zu können. Uns aber interessiert der Mechanismus, der uns bestätigt, daß das, was wir für unse­ren Pudding halten, auch wirklich ein Pud­ding ist und nicht eine Elefantenkuh.“[2]

Mit der Engelsschen Pudding-Epistemologie (zu griech. ἐπιστήμη [epistēmē] = Verstehen, Wissenschaft, Wissen, Erkenntnis) wurde die NAO-Gründung zu einem Probieren auf’s Ge­ratewohl...

Was tatsächlich strittig war

Der oben schon teilweise zitierte Satz aus dem Bilanzpapier lautet vollständig:

„Herzlichen Glückwunsch an die Diplom-Trotzkisten und alle anderen von der revolutionären Weisheit geküssten, die von vorneherein sicher wussten, dass die NaO aufgrund ihrer links / rechts / oder sonst wie ‚zentristischen’ Ausrichtung unweigerlich scheitern musste.“

In der Tat waren sich die KritikerInnen der NAO-Schnellgründung sicher, daß diese keinen Erfolg haben wird; und in der Tat haben die KritikerInnen damit recht behalten.

Und in der Tat hatten die KritikerInnen, wie es ursprünglich auch im „Na endlich“-Papier der SIB versprochen war, (mittelfristig) eine Organisation von RevolutionärInnen und nicht, wie es dann aber das NAO-Manifest vorsah, – eine Organisation von RevolutionärInnen und diffusen AntikapitalistInnen angestrebt.

Aber niemandE von den KritikerInnen war so vermessen zu behaupten, die NAO werde scheitern, weil sie nicht revolutionär angelegt wurde, und eine revolutionäre NAO wäre folg­lich eine größere Attraktion für die Massen.

Unser Motto war schon damals „Lieber weniger, aber besser“; „Für eine Strategie des lan­gen Atems und der kleinen Schritte“.

Die Bilanzpapier-AutorInnen machen für den vermeintlichen Realismus ihres gegenteiligen Ansatzes ‚Lieber nicht ganz so gut, aber dafür ganz, ganz Viele’ zwei Argumente geltend:

1.

„Es wäre überlegenswert, ob es besser gewesen wäre, die NaO sofort als Personenbündnis aufzubauen und nicht den Umweg über Organisationen zu machen, die überwiegend gar nicht den NaO-Aufbau im Blick hatten, [...]. Das Potential für solch eine Arbeit war sicherlich – wenn auch nicht in der anvisierten Größenordnung – vorhanden, wie die sich entwickelnde Antifabewegung deutlich aufzeigte. Es fehlte dem NaO-Projekt wahrscheinlich eine konkrete Aufgabenstellung, die für den Aufbau einen verbindlichen praktischen Charakter dargestellt hätte.“ (S. 6)

Diese Überlegung übersieht dreierlei:

a) Mir ist schon nicht klar, welche Antifa„bewegung“ gemeint ist. Sicherlich gibt es zahlrei­che Antifagruppen, auch diese oder jene größeren Antifa-Mobilisierungen; aber von einer massenhaften und kontinuierlichen (= Definitionsmerkmale von „Bewegung“) Antifabewe­gung kann m.E. nicht gesprochen werden. Eher kann schon in Bezug auf die Willkommens-Initiativen (vielleicht sind sie ja gemeint) von „Bewegung“ gesprochen werden. Aber in ihnen ein aktuelles Potential für eine (revolutionäre oder auch nur) antikapitalistische Organisation „links von der PdL[3]“ (S. 10) zu sehen, ist die nächste Blauäugigkeit.

In den Willkommens-Initiativen dominieren Grünen- und Linkspartei-Mitglieder und -Wähle­rInnen sowie linksliberale ChristInnen. In Bezug auf das Linkspartei-Spektrum gäbe es dort nur dann Verwerfungspotential, falls sich in der Linkspartei die Linie Lafontaine/Wagen­knecht durchsetzen würde.

b) Aber auch dann bleibt das Problem, daß der Schritt von ‚Betroffenheit’ / Aktivität in Ein-Punkt-Initiativen hin zu politischer Organisierung groß ist. In Bezug auf MieterInnen-Initiati­ven wird dies auch im Bilanzpapier festgestellt: „Die Meisten sind gar nicht unbedingt gegen eine ‚parteiförmige’ Organisierung, sehen aber für sich selbst keinen Sinn darin (‚Ich hab’ doch meine Mieterinitiative’).“ (S. 15) – aber eine strategische Schlußfolgerung wird von den AutorInnen daraus nicht gezogen.

c) Damit soll nicht gesagt werden, daß Mitarbeit in Antifa-Gruppen, Willkommens- oder auch MieterInnen-Initiativen keine Aufgaben für die Mitglieder einer NaO hätten sein kön­nen – nur erübrigt dies nicht, vorher zu klären, mit welcher Strategie und Taktik diese Mitar­beit erfolgen soll. – Für die Bereiche Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit sowie Mieten- und Stadtpolitik wurde die Entwicklung von Praxiskonzepten 2013 von den InterKomm vorge­schlagen; GAM und SIB zogen freilich eine NaO-Gründung ohne Konzept vor.

2.

„Aus Berliner Sicht gab es dazu aber keine vernünftige Alternative – eine Gruppe, die mit 60 – 70 Mitglieder nicht ‚los legt’, droht (auch in einer Millionenstadt wie Berlin) alle ‚Zeitfenster’ zu verpassen.“ (S. 7)

Nun waren es ja aber – nach NAO-eigener Zählung – bei Gründung nur „ca. 40“ (Stefan Godau; nach der gewohnt großzügigen Zahlweise von Micha Prütz „genau 50“) Mitglieder.

Das dürfte ziemlich genau die Summe der GAM-, Revolution-, SIB- und isl-Mitglieder[4] in Berlin + nicht mehr als einer handvoll zuvor Unorganisierter gewesen sein. Angesichts die­ser Konstellation bleibt es das Geheimnis der 14 Bilanzpapier-AutorInnen,

•    welches Zeitfenster verpaßt worden wäre, wenn diese vier Gruppen (oder, bei Ver­zicht auf Gründung und Manifest, außerdem noch noch InterKomm und [paeris])[5] im Rahmen eines Gruppen-Bündnisses statt einer Mitgliederorganisation zusammenge­arbeitet hätten,

und

•    warum es der handvoll bis dahin Unorganisierten unzumutbar gewesen sein soll, sich einer dieser Gruppen (zuvorderst der SIB als ideologisch diffusester) anzu­schließen oder im Rahmen einer SympatisantInnen-Struktur mitzuarbeiten...

Und selbst, wenn es dann nach Beitritt von SYKP- und ARAB-Mitgliedern 60 - 70 NAO-Mit­glieder in Berlin waren, ist dies keine Größenordnung, die einen Erfolg in dem Ausmaß, das mit dem „Na endlich“-Papier anvisiert war, verspricht. Die größeren maoistischen Gruppen der 1970er Jahre (die trotzkistischen Gruppen der damaligen Zeit waren kleiner als jene) dürften in ihren jeweiligen Hochburgen (Kommunistischer Bund [KB] in Hamburg; KPD/AO in Westberlin und KBW in Heidelberg + umliegendes Rhein/Main-Gebiet) bei Gründung mehr als 70 Mitglieder gehabt haben – und doch wurde schon aus ihnen (mit tendenzieller Ausnahme des KB, der immerhin bis Anfang der 1990er Jahre überlebte und auch noch in den 1980er Jahren Relevanz in sozialen Bewegungen und in Bezug auf den damaligen linken Flügel der Grünen hatte) – bei deutlich besserem gesellschaftlichem Klima und globalen Umfeld – keine Erfolgsgeschichten.

 

Warum soll es also zwingend (oder auch nur aussichtsreich) gewesen sein, im Feb. 2014 eine NAO zu gründen, wenn deren Anspruch war, nicht nur die „27. Kleingruppe“ (S. 1) zu werden? Warum soll gar richtig gewesen sein, dafür den – auf inhaltliche Vertiefung und zahlenmäßige Erweiterung angelegten – NaO-Prozeß zu opfern?

 


[1] Allein die BremerInnen unter den Bilanzpapier-AutorInnen scheinen in diese Richtung zu tendieren: „Wo es aufgrund der tiefgreifenden sozialen Verwerfungen des krisengeschüttelten Kapitalismus und der organischen Zersplitterung der Subalternen weder ein eindeutiges revolutionäres Subjekt gibt noch eine wie auch immer zu verstehende ‚vorrevolutionäre’ Situation, wo – mit anderen Worten – die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Aufbau einer antikapitalistischen Organisation praktisch nicht vorhanden sind, wird es letztlich jedes linksradikale Projekt zum Aufbau einer antikapitalistischen Organisation schwer haben. Zumindest diese ‚historische Lehre’ haben wir in Bremen aus dem vorläufigen Scheitern des Projekts gezogen.“ (S. 10 f. – Hv. von TaP)

[2] Einführung: Vom ‚Kapital‘ zur Philosophie von Marx, in: Louis Althusser / Étienne Balibar, Das Kapital lesen, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 1968, 11 - 93 (65) [= eine anscheinend sehr freie, aber eingängige Übersetzung; vgl. dies. / Roger Establet / Pierre Macherey, Das Kapitals lesen. Vollständige und ergänzte Ausgabe mit Retraktationen zum Kapital, Westfälisches Dampfboot: Münster, 2015, 85: „Was uns an dem schönen Argument, dass die Beweisprobe des Puddings darin liegt, dass man ihn isst, [hier] allein interessiert, ist doch der Mechanismus, welcher uns die Gewissheit gibt, dass wir wirklich Pudding essen und keine junge Elefantin im Warmhaltebad, wenn wir denken, dass wir unseren morgendlichen Pudding essen.“)

[3] PdL = Partei Die Linke. – FN von TaP.

[4] Ob die SKYP, die Ende 2013 das Manifest unterschrieb, aber laut Bilanzpapier (S. 8) erst „[i]m Sommer 2014“ beitrat, bei der Berliner Gründungsversammlung im Feb. 2014 vertreten war, ist mir nicht bekannt.

[5] IBT existiert in Berlin nicht; der RSB nur in sehr, sehr schwacher Besetzung.







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