„Intifada Tahip!“

25.05.14
KölnKöln, Internationales, Bewegungen 

 

von H. Hilse  Soko Köln

War neben „überall ist Taksim- überall ist Widerstand“ einer der Favoriten unter den beliebtesten Sprechchören auf der Demonstration von annähernd hunderttausend gegen den Besuch von Tahip Erdogan in Köln am 24. Mai. 

Zahlenakrobaten  

Hatten die berühmten „offiziellen Stellen“ noch am Vortage von „erwarteten 20 000“ geredet, so korrigierte selbst die Polizei im Laufe des Samstags die Zahlen nach oben und sprach von 45 000 Teilnehmern, während die Zugaufstellung noch lief.

Fast dieselbe Zahl war von gleicher Stelle im Vorjahr angegeben worden, als am 21. Juni 2013 gegen Erdogans ersten Besuch in Köln protestiert worden war. Damals fand die Kundgebung ebenso wie die herbstliche Verdi-Warnstreikkundgebung desselben Jahres mit offiziellen 40 000 jedoch in der Kölner Innenstadt auf dem Heumarkt statt. Diesmal, am Samstag hätten nicht einmal die Hälfte der Demonstranten dorthin gepasst.

Daher konnte die Abschlusskundgebung auch nicht im Innenstadtbereich stattfinden, sondern wurde in den Grüngürtel an den Fernsehturm verlegt.

Demnach müssen entweder die damals angegebenen Zahlen weit übertrieben oder aber die jetzigen Zahlen weit untertrieben sein. Die kölner Lokalzeitung express macht eigene Zahlen auf: achtzehntausend Anhänger In der Kölnarena, fünfundvierzigtausend Gegner. Der Journalist hat es sich einfach gemacht: maximale Platzzahl der Kölnarena sind 20 000 und gewiss hat die Polizei einen Überblick. Dass die Polizeiangaben zeitlich schon durchgegeben wurden, als noch die Zugaufstellung erfolgte, mag ihm unbekannt sein.

Der Autor dieser Zeilen hat an allen vergleichend genannten Veranstaltungen teilgenommen und kommt zu dem Schluss, dass die aktuelle offizielle Zahlenhalbierung der Demo aus rein aussenpolitischen Gründen erfolgte, um das Klima nicht weiter zu vergiften.

Viele demoerprobte Kölner sind sich völlig darin einig, dass dies für Köln eine der größten politischen Demonstrationen überhaupt war und nur mit der Demonstration zum Weltwirtschaftsgipfel 1999 verglichen werden kann. Damals sprachen die Medien von sechzig bis hundertausend Teilnehmern.

Demo schon in Bewegung - warten auf Anschluss

Demospitze setzt sich endlich in Bewegung 

Einheitsfront im besten Sinne

Die unterschiedlichen politischen Strömungen der türkischen Linken waren in großen Blöcken angetreten und mit Fahnen und Transparenten gut zu unterscheiden. Die gegenseitige „Anmache“ der 79er und 80er Jahre zwischen den verschiedenen Strömungen ist fast völlig verschwunden. Auch die Printmaterialien und Werbungen sind längst nicht mehr so massenhaft und grell wie früher.

 Ein durchgängiges Thema war das Soma-Unglück mit offiziell nun 301 Toten. Große Gruppen der Demonstranten trugen die gelben Helme der Bergleute mit der Aufschrift „Soma“. ( siehe auch Link mit dem offiziellen Soma Lied ) Auf einem riesigen Schwarzen Transparent war zu lesen: Das war kein Unglück- es war Massenmord ! Gruppen von Gewerkschaftern trugen Schilder mit der Aufschrift:

12 Jahre AKP-Regierung = über 14 000 Tote am Arbeitsplatz.

Dahinter folgte ein großes weisses Transparent mit den Emblemen der DGB Gewerkschaften und einem großen schwarz-weiss Bild eines Bergmanns. „LEBEN ist wertvoller als Profit“ hiess die Aufschrift.

Hoch die internationale Solidarität

Die internationale Solidarität wurde immer wieder nicht nur in Sprechchören beschworen. Auf Pappschilden hiess es beispielsweise „ Schulter an Schulter und Hand in Hand gegen das Kapital in jedem Land“ oder auf einem großen Transparent stand in großen Lettern „Die Regierungen spalten, wir fügen zusammen“ Umrahmt wurde diese Parole den Ländernnamen Ukraine, Russland, Syrien, Irak, Türkei, Libyen..

Ein anderes durchgängiges Thema war die Demokratie. So hiess es beispielsweise auf einem Transparent: „Arbeiter sterben in Soma - Demokratie liegt im Koma“ Immer wieder wurde auch Taksim mit dem blockübergreifenden Sprechchor vom Widerstand thematisiert.

Erdogan selbst wurde vielfach als Faschist gebrandmarkt und auf Schildern wurde Merkel gefragt, warum sie „so einen“ zu den Demokraten zähle. Drastisch hiess es: Premierminister, von deinem Geld trieft ebenso das Blut wie von deinen Händen! Ebenso eindeutig: Tahip, du wirst nicht gewählt, sondern zur Rechenschaft gezogen. Viele Texte bezogen sich auch auf den heute entlassenen Berater des Premiers.

Wie die Nachrichtenagentur Anadolu am Samstag berichtete, wurde Yusuf Yerkel bereits am Mittwoch gefeuert. Yerkel hatte bei einem Besuch in Soma vor anderthalb Wochen mehrfach auf einen am Boden liegenden Mann eingetreten, der von Polizisten festgehalten wurde. Ein Foto von dem Vorfall sorgte international für helle Empörung, zumal es um eine Solidaritätsdemo für die Bergarbeiter ging.

 Yerkel bedauerte später, dass er wegen zahlreicher »Provokationen, Beleidigungen und Angriffe« außer sich geraten sei. Für die Attacke selbst entschuldigte er sich jedoch nicht. Nach dem Vorfall war Yerkel sieben Tage krank geschrieben, weil er sich bei den Tritten angeblich selbst am Bein verletzt hatte. Das passt wiederum zu der lapidaren Bemerkung des Premierministers angesichts hunderter toter Bergleute, dass so was überall passieren könne. Helfen wir unseren türkischen Kollegen, Mitbürgern und Genossen, dass sie sich diese Bande bald vom Hals schaffen können.

Auffällig war, dass im Gegensatz zu früher viele Schilder auch zweisprachig oder sogar nur auf deutsch lesbar waren. Damit ist die Erneuerung der „deutschen Arbeiterbewegung“, die sich heute auf eine Klasse von über hundert Nationalitäten und vielfältigen Kulturen in diesem Land einstellen muss, wesentlich leichter geworden.
Leichte Ansätze deuteten sich an: hier und da eine Fahne der PdL und ab und an mal ein IGM-Fähnchen wogten einsam in dem Menschenmeer. Ansonsten war die deutsche Linke in individuellen Personensplittern präsent. 

„Aus Anlass von Soma“ – Das Soma-Lied
www.youtube.com/watch?v=v-c_vR-FkSw
    


VON: H. HILSE SOKO KÖLN






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