Der Arbeitskampf bei mdexx - Interview mit dem Betriebsratsvorsitzenden Herbert Strosetzky


Herbert Strosetzky, BR-Vorsitzender bei mdexx


Flashmob-Aktion vor der Siemenszentrale in München


Auf einer der vielen Betriebsversammlungen


In der Pressekonferenz nach den Sozialplanverhandlungen. v.l.n.r.: Herbert

29.01.10
BremenBremen, Wirtschaft 

 

Von Sönke Hundt, www.die-linke-bremen.de

Am 9. Dezember 2009 ist bei mdexx in der Bremer Neustadt nach einem langen und heftigen Arbeitskampf, nachdem die Verhandlungen über einen Interessenausgleich gescheitert waren, ein Sozialplan zwischen den Beteiligten unterschrieben worden. Der Unterschrift vorausgegangen waren lange Auseinandersetzungen in der "großen" Einigungsstelle, die mit je fünf Verhandlungsführern besetzt war. Auf der Arbeitgeberseite nahmen teil: die beiden Geschäftsführer von mdexx Bremen, zwei Rechtsanwälte und der Personalchef ("Direktor Human Relations"), der zwar für mdexx tätig aber bei der Siemens AG angestellt ist. Die Arbeitnehmerseite in der Einigungsstelle wurde vertreten vom ersten und zweiten Betriebsratsvorsitzenden (Herbert Strosetzky und Dieter Zapf), dem Gewerkschaftssekretär Peter Stutz von der IG-Metall, Rechtsanwalt Michael Nacken und einem betriebswirtschaftlicher Sachverständigen. Den Vorsitz hatte Michael Grauvogel, vorsitzender Richter am Landesarbeitsgericht Bremen, auf den sich beide Parteien geeinigt hatten.

In diesem Interview kommt Herbert Strosetzky, Betriebsratsvorsitzender bei mdexx, ausführlich zu Wort. Er ist von Sönke Hundt vor allem nach seinen Einschätzungen des Konflikts, nach dem Scheitern des Interessenausgleichs und dem Abschluss des Sozialplanes befragt worden. Das Interview fand am 21. Januar 2009 statt und ist autorisiert.

Frage: Am 9. Dezember 2009 ist in der Einigungsstelle nach langen Auseinandersetzungen ein sehr weitgehender Sozialplan endlich unterschrieben worden. Was habt Ihr erreicht?
Antwort: Zuerst die aus unserer Sicht positiven Punkte:
Für alle Arbeitnehmer, die jetzt oder bis Mitte 2012 ihren Arbeitsplatz verlieren, gibt es die Möglichkeit für ein Jahr in eine Transfergesellschaft zu wechseln und sich weiter zu qualifizieren Für alle Arbeitnehmer, die jetzt oder bis Mitte 2012 ihren Arbeitsplatz verlieren, gibt es eine überdurchschnittliche Abfindung. Von der Siemens AG und angeblich zu einem kleinen Teil von dem Finanzinvestor CGS werden 17,2 Mio. Euro auf ein Treuhandkonto für diesen Sozialplan eingezahlt. Dieses Konto verwaltet die Arbeitnehmerseite allein. Der Arbeitgeber hat dabei keine Einflussmöglichkeit. Dieses Geld kann somit nicht in irgendeinen Strudel (Insolvenz, Verkauf o.ä.) gerissen werden. Eine solche Regelung gab es m.W. noch niemals vorher. Es wird eine Bestandsgarantie für den Standort Bremen bis zum 30. Juni 2012 ausgesprochen.

Die negativen Punkte: Es wird die Kündigung von 200 Mitarbeitern und eine Verlagerung eines Teils der Produktion nach Tschechien geben. Außerdem gilt die Bestandsgarantie für die dann verbleibenden rd. 280 Arbeitsplätze nur für 200 bis Mitte 2012 in Abhängigkeit eines definierten Umsatzvolumes. Ob der Betrieb nach diesem Datum weiterexistiert, wird von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängen. Ich bin da eher skeptisch, denn die Geschäftsführung von mdexx wird ab sofort wie geplant beginnen, die eher lukrativen Teile der Fertigung (Transformatoren) nach Tschechien zu verlagern.  Was dann an Produktion und an Arbeitsplätzen hier in Bremen bleibt,. ist eine rapide negative Veränderung der Fertigungstiefe und ein nicht wieder gutzumachender Abbau von hochqualifierten und ehemals hochmotivierten Mitarbeitern.
 
Frage: Und deine Bewertung dieses Sozialplans insgesamt?
Antwort: Wir bewerten dieses Ergebnis als großen Erfolg, das ohne unsere monatelangen Kampfmaßnahmen niemals erreicht worden wäre. Aber in Jubel bricht da keiner aus. Die mögliche Schließung des ehemaligen Traditionsbetriebes von Siemens nach 2012 und der Verlust von rd. 500 industriellen Arbeitsplätzen ist einfach bitter. Siemens hat in den vielen Verhandlungen keinen Zweifel daran gelassen, dass es eine weitere Transformatorenfertigung in Bremen nicht mehr will. Die Summe von 17,2 Millionen für die Abfindungen und die Transfergesellschaft ist gigantisch, das sind eben Normen, die im Siemenskonzern noch gelten. Das hätte ein Mittelständler niemals darstellen können. Das konnte nur der große Konzern im Hintergrund, auch wenn er längst nicht mehr Eigentümer war und sich durch den Verkauf an die Heuschrecke CGS aus der operativen Verantwortung rausgezogen hatte.

Frage: Wie berechnen sich die Abfindungen?
Antwort: Dafür gibt es eine Formel, wo ein Faktor zugrunde gelegt wird, der sich nach den Beschäftigungsjahren und dem Lebensalter richtet. Dieser Faktor reicht von 0,55 bis 1,0 vom Monatsbruttogehalt. Das Ergebnis ist von daher je nach Betriebszugehörigkeit und Alter plus zusätzlichen ausgehandelten Zuschlägen sehr unterschiedlich.. Der Höchstbetrag der Abfindung ist allerdings bei 210.000 € brutto gedeckelt.


17,2 Millionen kamen von Siemens

Frage: Um diese 17,2 Millionen hat es dann ja auch noch harte Auseinandersetzungen mit dem jetzigen Eigentümer, dem Schweizer Finanzinvestor CGS, gegeben.
Antwort:  Am Anfang gab es das Angebot vom Investor von 0,2 vom Monatsbrutto mal Beschäftigungsjahre. Als wir die Zusage von Siemens hatten, für den Arbeitsplatzverlust (allerdings nur für Kündigungen und Aufhebungsverträge und nicht für die Restrukturierung des Standortes) 17,2 Millionen zur Verfügung zu stellen, plante der neue Eigentümer CGS, möglichst wenig an die Mitarbeiter weiterzugeben. In der Einigungsstelle waren unsere direkten Verhandlungspartner ja immer die Geschäftsführer und ihre Rechtsanwälte von der CGS. Uns wurde schnell klar, dass wir in den Verhandlungen mit der Heuschrecke CGS allein nicht weiterkommen und sind dann direkt am 29. Oktober mit einem Bus nach München zur
Siemenszentrale am Wittelsbacher Platz gefahren, um den Siemens-Konzern nachdrücklich an seine Verantwortung zu erinnern. Am 18. November sind wir mit sechs Bussen und vielen Privatfahrzeugen zur GBR- / KBR Sitzung von Siemens in Hannover gefahren, wo auch noch andere Siemensstandorte gegen die Portfoliobereinigung demonstrierten.
Wo wir mit dem Siemens-Personal-Chef Walter Huber gesprochen haben, der uns bestätigte, dass die 17,2 Millionen für die Belegschaft sind. Da die 17,2 durch eine Kaufpreisreduzierung des Standortes gespeist werden sollte, behauptete CGS, dass es ein geheimen Vertrag mit der Siemens AG gebe, wonach 8 Millionen € zum Tilgen von Schulden verwandt werden können.

Frage: Die Auseinandersetzungen eskalierten dann schnell...
Antwort: Ja, und zwar erheblich. Die IG Metall, bei uns immer vertreten durch Peter Stutz, hat schon am 21. Oktober zum ersten Warnstreik, dem dann weitere folgten, aufgerufen. Und wir als Betriebsrat haben permanent unsere unterbrochene Betriebsversammlung fortgeführt. Danach ging das nur noch Warnstreik, Betriebsversammlung, Warnstreik, Betriebsversammlung usw. Zum Schluss haben wir noch so etwas organisiert, das wir "Industrie-Camping" genannt haben, weil die Leute mit Liegen und Camping-Stühlen gekommen und auch Nachtwachen vor dem Werkstor und in den Hallen organisiert haben. Es bestand nämlich der nicht unbegründete Verdacht, dass schon mit dem Abtransport von Anlagen nach Tschechien begonnen werden sollte. Von Radio Bremen wurde das als Betriebsbesetzung bezeichnet. Bei Warnstreiks gibt es übrigens kein Geld, auch von der Gewerkschaft nicht. Betriebsversammlungen finden dagegen während der (bezahlten) Arbeitszeit statt. Der Betriebsrat darf Betriebsversammlungen nach Betriebsverfassungsgesetz pro forma nur vier mal im Jahr einberufen. Daran haben wir uns natürlich auch gehalten. Aber ich habe dann die Betriebsversammlungen nicht mehr geschlossen, sondern nur unterbrochen und vertagt.

Frage: Wie hat die Öffentlichkeit auf eure Aktionen reagiert? Antwort: Da können wir uns wirklich nicht beklagen. Ganz wichtig war natürlich die Solidarität und die Delegationen aus den anderen Bremer Metall-Betrieben wie Mercedes, ArcelorMittal, Gestra, Airbus, Lloyd-Motoren-Werke, Atlas-Elektronik und Siemens-Windpower /  Niederlassung Bremen. Dann die Vertreter der IG-Metall, Dieter Reinken, 1. Bevollmächtigter vom Bezirk Bremen und Jutta Blankau, Bezirksleiterin der IG Metall Küste aus Hamburg waren hier und haben während der Warnstreiks vor den Beschäftigten gesprochen. Durchweg alle Medien einschließlich der Bild-Zeitung haben ausführlich und überwiegend positiv über unseren Kampf mit der Heuschrecke und mit Siemens berichtet. Eine Vertreterin vom kda (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) Ingeborg Danielzick und der (Wirtschaftswissenschaftler) Prof. Dr. Rudolf Hickel sowie die Politik haben uns unterstützt und geholfen. Leider mussten wir uns aber auch damit auseinander setzen, dass viele Vertreter in Politik, Gewerkschaft und auch bei den Betriebräten, den "Ackermannsche Renditewahn" (Profitgier)" - so nenn ich das mal - oft schon innerlich akzeptiert haben oder sogar für notwendig halten. Dies wurde mir in mehreren Gesprächen immer wieder klar, was die Angelegenheit für uns nicht einfacher gemacht hat.


Warum kein richtiger Streik?

Frage: Ist denn von Euch vom Betriebsrat und von der IG Metall auch überlegt worden, einen richtigen Streik auszurufen?
Antwort: Ja, das ist in der Tat überlegt worden. Dies machte nach dem Abschluss des   Sozialplanes aber keinen Sinn mehr, weil unsere Forderung im Sozialtarifvertrag fast auf den Punkt übereinstimmte. Hier muss man wissen, Immer dabei und sehr geholfen hat uns die ganze Zeit Peter Stutz als Gewerkschaftssekretär; und er hat sich für uns wirklich - auch in seiner
Gewerkschaft - weit aus dem Fenster gelehnt.

Frage: Der in der Einigungsstelle ausgehandelte Sozialplan sieht eine Bestandsgarantie für den Standort Bremen bis Mitte 2012 vor. Das ist ja wirklich kein sehr langer Zeitraum. Heißt das im Klartext, dass Betriebsrat und Gewerkschaft davon ausgehen, dass danach Schluss ist mit mdexx in Bremen?
Antwort: Wir haben immer gesagt, dass wir nicht alle Leute würden halten können. Wir hatten ein Konzept mit unserem betriebswirtschaftlichen Sachverständigen entwickelt, den Betrieb zu restrukturieren und zukunftssicher zu machen. Mit einer Reorganisation, mit der Konzentration auf die rentablen Teile der Produktion und mit der Aufnahme von neuen Produktlinien wäre es möglich gewesen, dass der Betrieb hier weiter schwarze Zahlen - wie in der Vergangenheit auch - schreibt. Eine Verlagerung in diesem Umfang hätte es dann aber nicht geben dürfen. Wir haben immer wieder die Diskussion über die Zukunft von mdexx gefordert. Aber der Investor hat sich auf eine solche Diskussion niemals eingelassen, und sie haben sich in dieser Frage keinen Millimeter bewegt. Es ist alles abgelehnt worden. Wie ich jetzt erfahren habe, hatte sogar der Wirtschaftssenator angeboten, mit mdexx über Wirtschaftsförderungsmaßnahmen zu reden. Alles abgelehnt. Kein Interesse.

Frage: Warum ist denn keine Kurzarbeit gefahren worden?
Antwort: Das war ein zentraler Punkt bei den Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht bei unserem Einspruch gegen die 200 Kündigungen. Das Arbeitsgericht Bremen hat per einstweiliger Verfügung sogar entschieden, dass Betriebsräte verlangen können, dass vor der Entscheidung über Entlassungen zuerst mit dem Betriebsrat über Kurzarbeit und über eine Verkürzung der betrieblichen Arbeitszeiten zu verhandeln ist. Dieses Urteil ist ganz wichtig, das gab es noch nie. Und jetzt können sich auch andere Betriebe, bei anstehenden Entlassungen, auf dieses Urteil berufen.


Kündigungen in der Nacht ausgetragen

Dann kam natürlich der Hammer, dass die Geschäftsführung trotz dieser einstweiligen Verfügung tatsächlich noch in der Nacht die 200 Kündigungen austragen ließ, was das Fass dann wirklich zum Überlaufen brachte. Die Geschäftsleitung wollte unbedingt kündigen, was sie bei Kurzarbeit ja nicht gekonnt hätte. Und war dafür auch bereit, sich ganz klar rechtswidrig zu verhalten. Das interessierte gar nicht. Mit dieser Nacht- und Nebelaktion hat die mdexx-Geschäftsleitung beim Arbeitsgericht und in der Bremer Öffentlichkeit auch noch den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit verspielt.

Frage: Aber was steckt eigentlich dahinter? Ein Betrieb, der noch bis Oktober 2008 immer schwarze Zahlen geschrieben hat und mit Kurzarbeit, Arbeitszeitverkürzungen und dem üblichen Instrumentarium durch die Krise kommen könnte, ist doch nichts Schlechtes für einen Kapitalisten und Investor! Er könnte Geld verdienen, könnte seiner sozialen Verantwortung nachkommen und müsste nicht diesen dramatischen Imageverlust in der gesamten Öffentlichkeit hinnehmen. Dass CGS immer als Heuschrecke bezeichnet worden ist, hat diese Investoren ja sehr geärgert. Aber durch ihr tatsächliches Verhalten haben sie sich diese Bezeichnung ja wirklich mehr als verdient! Warum also diese absolute Verweigerung, überhaupt auch nur mit Verhandlungen zu beginnen?


Siemens' sogenannte "Portfoliostrategie"

Antwort: Dahinter steckt im Grunde der Siemens-Konzern mit seiner ganz bestimmten Portfolio-Politik. Siemens ist sehr breit aufgestellt und ist in den letzten Jahren dabei, sich von Produkten und Produktlinien zu trennen, die es nicht mehr für zukunftsträchtig hält oder wo man meint, an einem anderen Standort etwa in Tschechien oder China noch billiger produzieren zu können. Also fing man an, eine ganze Reihe von Siemens-Betrieben zuerst rechtlich zu verselbständigen, dann Teile der Produktion nach kostengünstigeren Standorten zu verlagern und die Betriebe schließlich ganz zu verkaufen. Das ist ja einer ganzen Reihe von Betrieben so gegangen. Am spektakulärsten war das sicher mit BenQ. Dabei muss man wissen, dass solche Verkaufs- und Verlagerungsentscheidungen häufig völlig willkürlich sind und einer genaueren betriebswirtschaftlichen Analyse nicht standhalten. Es ist nämlich keinesweg sicher, ob an den neuen Standorten nun tatsächlich mit niedrigeren Kosten produziert wird. Man weiß zwar häufig, dass die reinen Arbeitskosten dort niedriger sind, aber wie das mit der Produktivität und der Qualität aussieht, ist eine ganz andere Frage. Aber das wird so von der Konzernplanung entschieden und dann, koste es was es wolle, auch so umgesetzt. Siemens entledigt sich dieser Werke einfach und gibt ihnen auch nicht die geringste Chance.

Frage: Aber den Imageschaden, den fürchtet das große deutsche Traditionsunternehmen, die Siemens AG?
Antwort: Das kann mal wohl sagen. Das ist ja der Grund, warum die Drecksarbeit der Verlagerungen und Entlassungen den neuen Eigentümern überlassen wird. Aber wir haben mit unseren Aktionen Siemens hier nicht aus der Verantwortung entlassen. Und wir haben damit auch einen Teilerfolg erzielt. Wenn das nicht gelungen wäre, hätte das hier noch ganz anders ausgesehen.


Drecksarbeit für den Investor

Frage: Welche Interessen hat der Investor, wenn er diese Drecksarbeit übernimmt?

Antwort: Die Verhandlungen und der Kaufpreis bleiben geheim. Über den Inhalt von Geheimverträgen können wir nur Vermutungen anstellen. Die Kündigungen und die Verlagerung der Transformatorenfertigung nach Tschechien sind sicherlich Bestandteil eines der Geheimverträge. Das durfte natürlich niemand offen zugeben, aber wir haben es über Dritte erfahren. Es zeigt ja, was für eine Brisanz das hat, dass Siemens auch nach dem Verkauf bereit war, so hohe Abfindungen zu zahlen. Aber es gab die Millionen nur unter der Bedingung, dass nichts für die Restrukturierung des Standortes Bremen getan wird. In den Verhandlungen war es immer wieder frustrierend, dass die Geschäftsführer von mdexx eigentlich nichts selber entscheiden durften. Immer wieder wurde unterbrochen und mit Siemens oder CGS telefoniert. Wobei Siemens es unbedingt vermeiden wollte, überhaupt genannt zu werden.

Frage: Bis vor einiger Zeit hat man noch im Management vom "Gold in den Köpfen der Mitarbeiter" gesprochen, auf die ein Unternehmen nicht verzichten könne, dass qualifizierte und motivierte Mitarbeiter die wichtigste Ressource für ein Unternehmen darstellen, usw., usf. Wenn heute so rigoros und ohne jede Kompromissbereitschaft Betriebe verlagert und die Leute entlassen werden, heißt das doch, dass für das Konzernmanagement die Qualifikation, die Ausbildung und Erfahrung von Belegschaften überhaupt keinen Wert mehr haben.
Antwort: Nein, die sind rein gar nichts mehr wert. Die Philosophie des Managements heute ist ja gerade, dass das alles nur noch Anlerntätigkeiten sind. Eine oder zwei Wochen reichen, meinen sie, und dann kann ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin Transformatoren wickeln. Es ist meine Erfahrung auch während meiner Zeit im Konzernbetriebsrat, dass Siemens als globaler Konzern sich nicht mehr mit der arbeitenden Bevölkerung solidarisiert. Man will im Grunde von der Handelsware leben und nicht mehr selber produzieren. Höchstens noch mal bei neuen Produkten, wie jetzt z.B. bei der Windkraft.


Information und Beteiligung der Belegschaft

Frage: Der in der Einigungsstelle nach langen Verhandlungen abgeschlossene Sozialplan kann sicher unterschiedlich beurteilt werden. Entscheidend ist, ob die Belegschaft diesen Kompromiss mitträgt. Wie beurteilst du das?
Antwort: Wir haben in unseren vielen Betriebsversammlungen und Warnstreiks alle Kolleginnen und Kollegen ausführlich informiert. Natürlich stand am Anfang der Kampf für unsere Arbeitsplätze für alle im Vordergrund. Es ist wie immer im
Leben. Im Laufe der Auseinandersetzungen hatten wir darauf gehofft, eine Transfergesellschaft für zwei Jahre durchsetzen zu können. Das wäre aber wahnsinnig teuer geworden. Wir als Betriebsrat haben dann beschlossen, dass, wenn alle gemeinsam gekämpft haben, auch alle gemeinsam den Nutzen haben sollen. Das heißt, wir haben nicht nur für diejenigen verhandelt, die aktuell gekündigt werden sollten, sondern auch für die, die bis Mitte 2012 arbeitslos werden können. Auch für sie, und damit für die gesamte Belegschaft, sollte die Möglichkeit für eine entsprechende Abfindung und für die Transfergesellschaft bestehen. Ich persönlich hätte nicht über den Hof gehen können, wenn wir der einen Gruppe gesagt hätten, so, ihr kriegt jetzt eine 100-prozentige Abfindung und zwei Jahre Transfergesellschaft, und in einem halben Jahr stehen die anderen mit leeren Händen da. Zu meckern gibt es natürlich immer etwas, aber im großen und ganzen zieht die Belegschaft mit, dies zeigt sich auch daran, das jüngere Kollegen, die sich auf dem Arbeitsmarkt noch Chancen ausrechnen und Kollegen, die in dem geplanten Konzept des Betriebes keine Zukunft sehen,  ihren Arbeitsplatz im Ringtausch, vor allem älteren Kollegen mit Familie, anbieten.


Mehr Mitbestimmung?

Frage: Der Betriebsrat, beraten durch die IG Metall und unterstützt auch von eigenen Rechtsanwälten und betriebswirtschaftlichen Sachverständigen, hat in diesem Arbeitskampf eine ganze Menge angeregt und vorgeschlagen, was man tun könnte und müsste, um den Standort Bremen mit seinen Arbeitsplätzen zu erhalten. Es ist alles abgelehnt und abgeschmettert worden, weil diese "Portfoliobereinigung", wie es im Managerdeutsch heißt, völlig komprimisslos
durchgezogen werden sollte und schließlich ja auch durchgezogen wurde. Sind mehr Mitbestimmungsrechte für den Betriebsrat und für die Belegschaft die richtige Forderung?
Antwort: Ja klar, auf jeden Fall. Es ist ja gerade die Crux, dass wir als Betriebsräte keine Mitbestimmung in wirtschaftlichen Dingen haben. Auch ohne den Abschluss eines Sozialplanes wäre die Betriebsänderung umgesetzt worden. Da der Interessenausgleich gescheitert war, konnten wir uns eigentlich nur noch zwischen Pest und Cholera entscheiden. Dass wir mit der Lösung nicht zufrieden sind, ist klar. Da aus unserer Sicht auch Siemens immer im Boot war, ist auch nie mit ehrlichen Karten gespielt worden, wie wir es schon beim Verkauf erlebt haben. Wir haben auch nie einen Einblick in die tatsächlichen Kostenstrukturen erhalten, also wie das ist mit den fixen und variablen Kosten und vor allem,  woher die wahnsinnigen Gemeinkostenblöcke kommen. Wir hatten natürlich auch keinen genauen Einblick in die wirkliche Produktivität der verschiedenen Standorte. Oder an welchem Standort Qualitätsmängel ausgebügelt werden mussten. Oder, was auch vorgekommen ist: am Standort in Tschechien wird produziert und in Bremen müssen Teile wegen Qualitätsmängeln nachbearbeitet werden. Wo werden dann die Kosten verbucht? Oder das ganze Gebiet Forschung und Entwicklung. Es macht
eben einen gewaltigen Unterschied, ob diese teilweise erheblichen Kosten eine Investition darstellen und abgeschrieben werden oder ob sie als laufende Kosten den einzelnen Produktlinien sofort zugerechnet werden. Also da gab es keine ehrliche und transparente Struktur. Da wird viel gefiltert und ist viel gefiltert worden. Ich könnte da noch viel erzählen. Man konnte sich bei vielen wirtschaftlichen Dingen seinen Reim drauf machen, was da wirklich ablief. Was die Geschäftsleitung uns vorgelegt hat, um die Verlagerung zu begründen, das waren immer nur Wischi-waschi-Zahlen, die wir nie wirklich nachprüfen konnten. Auch natürlich unsere Sachverständigen nicht, weil auch sie an die wirklich wichtigen und interessanten Zahlen nicht rankamen. Im Endeffekt war es so, dass wir dem Management nichts wirklich entgegensetzen konnten. Das Management, bzw. Siemens, hatte entschieden, dass verlagert wird, und wir konnten im Endeffekt nichts dagegen machen. Hätte der Betriebsrat ein wirkliches Mitbestimmungsrecht in wirtschaftlichen Fragen, auch bei einer Verlagerung und der Betriebsschließung, und hätte der Betriebsrat ein Recht auf unverfälschte Informationen über die Kostenstrukturen, dann hätte die Entscheidung ganz anders ausgesehen. Dann hätte nach meiner Überzeugung der mdexx hier in Bremen mit schwarzen Zahlen weitergeführt werden können. Hier ist also ganz klar die Politik gefordert, um das Mitbestimmungsrecht zu verbessern. Solange das nicht geschieht, sitzen die jeweiligen Eigentümer und ihr Management einfach am längeren Hebel.

Die Redaktion dankt für dieses ausführliche Gespräch.
 
Quelle:
http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/artikel/der-arbeitskampf-bei-mdexx-interview-mit-dem-betriebsratsvorsitzenden-herbert-strosetzky/







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