Zum Umgang der kapitalistischen Gesellschaft mit behinderten Menschen


Bildmontage: HF

22.05.17
BremenBremen, Soziales, Debatte 

 

Von Britta Littke-Skiera

Anfang diesen Jahres kam die Diskussion um eine Umbenennung des Schwerbehindertenausweises auf. Die Fraktionen von FDP, Grünen, SPD und CDU stellten  dazu am 04.04.2017 einen Dringlichkeitsantrag für eine Umbenennung in der Bremischen Bürgerschaft, der Geschäftsführer von „Selbstbestimmt Leben e.V.“, Wilhelm Winkelmeier,  sprach sich im Weser Report vom 26.04.2017 gegen eine Umbenennung aus. Auch ich halte das schamvolle Verschweigen von Behinderungen aus mindestens zwei Gründen für nicht geboten:

Zum einen geht es um gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen, die aufgrund des Vorliegens einer oder mehrerer Behinderungen nicht der allgemeinen Norm entsprechen, wie sie unsere kapitalistische Hochleistungsgesellschaft gerne bei allen Menschen vorliegen hätte. Aber auch diese Menschen gehören zur Gesellschaft, und sie haben genauso das Recht auf Akzeptanz und gesellschaftliche Teilhabe wie Menschen ohne Behinderungen. Es zeugt von einer beachtlichen emotionalen Kälte, dass der Begriff „behindert“ zu einem Schimpfwort mutiert ist – dem sollte sich eine offene und tolerante Gesellschaft ganz massiv entgegen stellen.

Zum anderen geraten Menschen, denen man ihre Behinderung nicht sofort ansieht, immer wieder  in Situationen, in denen ihnen das Ausmaß ihrer Behinderung und die damit verbundenen praktischen gesundheitlichen Einschränkungen nicht geglaubt werden. Ob im Verein, im Jobcenter, im Vorstellungsgespräch oder auf der Arbeitsstelle: Überall können sie auf Menschen treffen, die  mit wenig Empathie auf ihre gesundheitlichen Beschwerden und die damit verbundenen Leistungseinschränkungen reagieren. Das hat mitunter fatale Folgen, wenn die betroffenen Leute dann zu gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten gezwungen oder genötigt werden – wenn sie etwa unter der Androhung von Sanktionen eine Arbeitsstelle antreten müssen, die sie körperlich und/oder psychisch überfordert.

Es ist daher den Betroffenen selbst die Entscheidung darüber zu überlassen, welche Tätigkeiten sie verrichten können – und welche nicht. Im Sinne dieser Entscheidungsfreiheit ist auf Betroffene entsprechend einzugehen und das Vorliegen einer Behinderung als solche genauso zu akzeptieren wie das Fehlen derselben.



Leserbrief zu: „Zum Umgang der kapitalistischen Gesellschaft mit behinderten Menschen“ von Britta Littke-Skiera - 23-05-17 14:33




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