Gescheiterte Staaten

31.05.15
KrisendebatteKrisendebatte, Debatte, Kultur 

 

Rezension von Gerd Bedszent: “Zusammenbruch der Peripherie”

Von Hannes Sies

Der Untergang des Kapitalismus –von Robert Kurz bis Monty Python
Bedszents Buch beschreibt den Zusammenbruch der Peripherie als Lexikon gescheiterter Staaten, die sich seiner Analyse als “Tummelplatz von Drogenbaronen, Warlords und Weltordnungskriegern” (Buchuntertitel) zeigen. Er belegt anhand von acht Beispielen den Zerfall einstmals funktionierender Staaten in von Mafia, Warlords und Gotteskriegern kontrollierte Gebiete. Ökonomisch geht es um den Zerfall ganzer Volkswirtschaften in Elend und kriminelle Schattenökonomie. Die “zerfallenden Staaten”, in denen Regierung und Rechtsstaat höchstens noch simuliert werden, taugen nicht einmal mehr zur geregelten Ausbeutung durch Großkonzerne, argumentiert Bedszent. Sie seien mithin Produkt einer gescheiterten Eroberungspolitik des Neoliberalismus, der das Plündern und Zerstören ins Unermessliche steigerte.
Statt historisch oder thematisch gliedert sich der Band lexikalisch: Jamaika, Kolumbien, Kosovo, Libyen, Mali, Mexiko, Ukraine, Zypern –vielleicht ein Hinweis auf die geographische Austauschbarkeit der Szenarien des Zerfalls staatlicher Ordnung. Den Länderanalysen vorangestellt ist ein knappes Theoriekapitel: “Vom Zerfall der Peripherie –notwendige Vorbemerkungen”. Als eine gemeinsame Ursache für die unterschiedlichen Zerfallsszenarien des Zusammenbruchs der Peripherie analysiert Bedszent global wirkende Prozesse der von westlichen Zentren dominierten Weltökonomie.
Diese Prozesse folgen der marxistisch fassbaren Logik der Warenproduktion, die auf Basis des Ansatzes von Robert Kurz in den einleitenden “Vorbemerkungen” betrachtet wird. Die immer häufiger propagierten militärische Einsätze “westlicher Weltordnungskrieger” sind demnach kein Gegenmittel zum Zerfall, sondern fördern vielmehr den Absturz selbst funktionierender Nationalökonomien in eine “poststaatliche Barbarei”.
Von “Rest-Linken”, Anarchisten und nicht näher benannten “Globalisierungskritikern” grenzt Bedszent sich ab, da diese angeblich nur die neuesten neoliberalen “Strukturreformen” als Krisenursache erkennen: “Institutionen, wie beispielsweise die Weltbank, werden dabei abwechselnd als monströse Bösewichte präsentiert oder aber es wird ihnen ‚Versagen‘ vorgeworfen.” (Bedszent S.15). Noch kräftiger teilt Bedszent nach Rechts aus, gegen die Medienprominenten Jürgen Elsässer, der “zum Rechtspopulisten konvertiert”, die US-Notenbank für einen “Geheimbund jüdischer Banker” halten würde, sowie Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk, die den “Rechtspopulismus in Deutschland immer hoffähiger” gemacht hätten (Bedszent S.28f.).
Das einleitende Theoriekapitel dringt jedoch nicht sehr tief und wird auch in den Länderkapiteln kaum aufgegriffen. Der Schwerpunkt von Bedszent liegt in der Analyse von kriminellen Schattenseiten des Kapitalismus, insbesondere des Drogenhandels, den er von Jamaika über das besonders ausführlich behandelte Kolumbien und Mexiko bis ins Kosovo verfolgt. Vom Recht auf Rausch und Legalisierung hält Bedszent wenig, sieht hiesigen Drogenkonsum als weiteres Zeichen westlicher Dekadenz. Das Buch zeichnet die Geschichte der Länder seit ihrer Kolonialisierung nach bis zum Versinken in Elend und Verbrechen. Das gesammelte Lexikonwissen wird gut sortiert präsentiert und auf die Thesen Bedzents hin zugespitzt, wie das Beispiel Kolumbien zeigt:
“Kolumbien... wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von spanischen Konquistadoren erobert, die einheimische Bevölkerung dabei zum größten Teil ausgerottet... Die spanische Krone hatte das Gebiet nach der Eroberung an verdiente Konquistadoren verteilt –Keimzelle der ungleichen Besitzverhältnisse an Grund und Boden...” (Bedszent S.46 ff.)
Über den Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien unter Simon Bolivar ab 1809 und den Bürgerkrieg 1899-1902, arbeitet Bedszent sich zum begrenzten wirtschaftlichen Aufschwung der 1920er Jahre durch und damit zum sozialistischen Widerstand und seiner blutigen Niederschlagung durch US-Großkonzerne im Verbund mit Großgrundbesitzern.
“Die im Jahre 1926 gegründete Partido Socialista Revolucionario (PSR) vertrat dann schon klassische kommunistische Positionen. Ein von ihr unterstützter Streik der Bananenarbeiter im Jahre 1928 wurde auf Betreiben des US-Konzerns United Fruit Company (heute bekannt unter dem Namen Chiquita) jedoch durch das Militär zusammengeschossen; 1000 bis 1500 Arbeiter fielen dem Massaker zum Opfer. In der Folge schwappte eine Welle rechten Terrors durch das Land.” (Bedszent S.48)
Kolumbien sei derzeit das einzige lateinamerikanische Land, in dem noch heute eine linke Guerilla militärisch aktiv ist die, so Bedszent, über Rückhalt in der Bevölkerung verfügt. Ihr ursprüngliches Anliegen war der Schutz der Landbevölkerung vor den bezahlten paramilitärischen Banden. Die Rechten wie die Guerilla finanzierten sich durch Koka-Anbau. Ab 1965 wurden paramilitärische Gruppen legalisiert, Konzerne wie Coca Cola zahlten an die Paramilitärs (angeblich Schutzgeld) und profitierten bei Massenmorden an Linken und Gewerkschaftern.1966 schlossen sich Guerillas zur FARC zusammen und in den 1970er Jahren kam es zu Sozialprotesten, Streiks und Landbesetzungen.
1982 gründete die FARC die legalen Partei Union Pariotica (UP), um den Bürgerkrieg in politisch zu schlichten. Dieser Versuch wurde jedoch, so Bedszent, in Blut ertränkt. US-Präsident Clinton pumpte ab 1999 ca.1,6 Milliarden US-Dollar nach Bogotá, davon 70 Prozent direkt ans Militär für die Zerstörung der Koka-Pflanzungen im Süden – also in den Gebieten der Guerilla: Der angebliche Antidrogenkrieg war eher Aufstandsbekämpfung. Großflächiger Herbizideinsatz vernichtete nicht nur Kokapflanzen, sondern auch Regenwald und Felder. 2002 stellte US-Präsident George W. Bush erneut 38 Millionen US-Dollar für den “Antiterrorkrieg” in Kolumbien bereit und im Krieg des rechtsextremen Präsidenten Uribe gegen die Guerrilla wurde die Bevölkerung terrorisiert. Erst Uribes Nachfolger, Ex-Verteidigungsminister Juan Manuel Santos, nahm 2010 Verhandlungen mit der FARC auf, der Drogen- bzw. Bürgerkrieg hatte bis dahin 600.000 Tote gekostet. Die FARC unterbreitete ein Reformprogramm, das die Abschaffung unproduktiven Großgrundbesitzes sowie geschützte Zonen für kleinbäuerliches Wirtschaften forderte. 2012 wurde zwar unter der Regierung Santos ein Gesetz zur Rückgabe geraubter Ländereien erlassen, aber ob dessen Umsetzung gelingt, ist derzeit unklar, so Bedszent, die Probleme würden sich “über kurz oder lang wieder in gewaltsamen Auseinandersetzungen entladen.”
Robert Kurz (1943-2012) hatte sich auch durch die Zeitschrift “Krisis” einen Ruf als Apokalyptiker unter den Neomarxisten erworben. Nachdem diese Richtung wegen ihrer düsteren Untergangsszenarien schon als “marxistische Zeugen Jehovas” verspottet wurde, benannte sich “Krisis” um in “Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft”, eine Publikation des Horlemann Verlags –genau wie das vorliegende Buch von Bedszent. Robert Kurz auf 26 Seiten neunzehnmal herbeiziehend sieht Bedszent die Misere der behandelten Peripherie als gescheiterte Modernisierung, gemäß dem seinem Buch vorangestellten Zitat:
“Für den größten Teil Afrikas, Lateinamerikas und Asiens wurde die Integration in den Weltmarkt zur sozialökonomischen Katastrophe, die kein Ende mehr nimmt und bereits apokalyptische Zustände hervorgetrieben hat.” Robert Kurz 1991
Diese Kurzschen apokalyptischen Zustände weiß Bedszent trefflich zu dokumentieren: Weite Teile Mexikos und der südlichen Nachbarstaaten stünden faktisch unter Kontrolle von Drogenkartellen, zwischen ihnen tobe seit Jahren ein blutiger Krieg um Vertriebswege und Marktanteile: “Die offizielle Staatsgewalt ist im Zerfall begriffen.” (S.125) Im unter der Schirmherrschaft westlicher Militärs gegründeten Staat Kosovo blühe das organisierte Verbrechen: “Die Zukunft dieser Region sieht wohl auch weiterhin mehr als düster aus.” (S.77) Seit dem Bürgerkrieg des Jahres 2011 würden weite Teile Libyens von Stammesmilizen und islamistischen Gruppen kontrolliert: “Die Zukunft für die libysche Bevölkerung wird auch in Zukunft weiter nicht rosig aussehen. Eher pechschwarz.” (S.100) Im Saharastaat Mali konnte eine Abspaltung des Nordens vom dominierenden Süden des Landes nur durch eine westliche Militärintervention verhindert werden: “Wir steuern auf einen langandauernden Konflikt zu...” (S.118) Der ehemaligen Sowjetrepublik Ukraine drohe derzeit eine Zerreißprobe zwischen westeuropäischen und russischen Wirtschaftsinteressen, der demokratische Westen bediene sich antisemitischer Totschläger: “Es sieht für die ukrainische Bevölkerung schlecht aus. Sehr schlecht.” (S.162) Und abschließend die in der Finanzkrise gescheiterte und von neoliberalen EU- und IWF-Programmen gebeutelte Steueroase Zypern: “...die Zukunft der Bevölkerung wird wohl finster aussehen.” (S.176)
Dass er sich bei allen düsteren Blicken in die pechschwarze Finsternis des Kapitalismus immer noch ein Quentchen Humor bewahren konnte zeigt Bedszent mit der Auswahl seines auf die Wiederbelebung türkischen und griechischen Nationalismus‘ in Zypern bezogenen Schlusszitats:
“Szene aus dem bekannten Monty-Python-Film Das Leben des Brian: Als sich bei der Massenkreuzigung gegen Ende des Streifens einer der Todeskandidaten als Samariter outet, erhebt sich bei seinen judäischen Mitgefangenen ein allgemeiner Sturm des Protestes: “Nach den Statuten des römischen Besatzungsrechtes haben wir ein Recht darauf, nach Stämmen geordnet gekreuzigt zu werden!” (Bedszent S.176)
Eindrucksvoller als diese Satire auf Nationalismen parodierten die Pythons in “Life of Brian” bekanntlich das linke Sektierertum (“Front zur Befreiung Palästinas” gegen die “Palästinensische Befreiungsfront”). Hätte Bedszent doch die Botschaft dieses Films auch auf seinen Umgang mit “linken Theoretikern” (S.10), “Globalisierungskritikern” (S.15), “antiimperialistischen Gruppen” (S.21), “linksradikalen Aktivisten” (S.26), “anarchistischen Autoren” (S.32) usw. bezogen. Etwas mehr Suche nach Gemeinsamkeiten und Anschluss an laufende Diskurse hätten dem ansonsten sehr instruktiven Buch gut getan.
Eine Rezension von Hannes Sies


Gerd Bedszent, Zusammenbruch der Peripherie: Gescheiterte Staaten als Tummelplatz von Drogenbaronen, Warlords und Weltordnungskriegern, Berlin: Horlemann Verlag 2014

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz