Kultur und Krise

08.07.10
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Rezension von Dieter Braeg

Evelyne Polt-Heinzl

"Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft und Literatur"
Nachwort von Wolfgang Polt mit 7 Illustrationen von Thomas Kussin

Die Krise gibt es heute täglich und  man kann sie  nachlesen,  in den Blättern die die Welt in Schutt und Asche schreiben. Tag für Tag schwatzt es Krisengeräusche aus den öffentlichen und privaten Kanälen, da wird der letzte Widerstand der Menschen entsorgt.
Oskar Lafontaine hat ja in seine Reden auch einen "Kulturteil" eingebaut, da zitiert er dann Brechts Gedichts "Fragen eines lesenden Arbeiters", er sollte eigentlich wissen, dass ökonomische Krisen, wie sie sich entfalten und gesellschaftlich wirken, von der Literatur in jedem Falle besser beschrieben werden als von den Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftlern.

Die Apostel der "reinen" Wirtschaftslehre vermitteln oft nur den Eindruck es besser gewusst zu haben um dann frech zu behaupten, dass es auch in Zukunft die Märkte regeln werden.
Krisen die von Finanzmärkten verursacht werden, sind  sich  meist sehr ähnlich und es ist verwunderlich, dass es immer wieder möglich ist, mit dem gleichen Strickmuster, Mensch aufs Kreuz zu legen. Ja, diese Geschichte, dass "Geld arbeiten" könne, die führt, immer wieder dazu, dass es plötzlich weg ist. Man predigt "Wachstum", natürlich nicht bei den Löhnen. Dann wird informiert, dass im Automobilsektor Sonderschichten nötig seien, man würde wieder einstellen. Natürlich nur mit Zeitarbeitsverträgen. Das Elektroauto wird hochgejubelt, die schon immer verantwortungslose Politik  betrieben von Meineidbäuerinnen und Meineidbauern,  die dem Volk Schaden zufügen und gerne die Hand zum Schwur heben, dass sie sich dem Gegenteil verpflichtet hätten, verlieren kein Wort darüber, dass der Strom der da aus der Steckdose kommt, fürs Elektroauto, ein umweltfreundlich erzeugter sein muss.

Evelyne Polt-Heinzl hat ein wichtiges Buch geschrieben, denn das Krisenchaos samt angekündigtem Weltuntergang und  sich auflösender Weltordnung ist in der Literatur kein unbekanntes Thema.  Die "Experten" werden mit diesem Buch rasch entlarvt, Bonus, Schrottprämie, Spekulationsgewinn oder Hedgefonds, das lenkt ab vom Krisenautomatismus.
Das "Weltunglück" der Bereicherung hat eine lange Geschichte und es ist eigentlich kein Geheimnis, dass Geld und Literatur Gemeinsamkeiten haben. "Geld lässt man arbeiten" wurde dem Publikum eingeredet, nun ist es nicht mehr da! Wie sehr erinnert das an den Spruch "Aus NIX wird NIX"?  Aber es wurde trotzdem weiterhin fleißig weiterhin im Sinne neoliberaler Ideologie gewirtschaftet.

Evelyn Polt Heinzl   informiert über  literarische Botschaften zu den Schlagwörtern  Wirtschaft, Crash oder Leitbild.  Die schreibende Zunft war schon immer die Realität überholte, lässt sich mit der empfohlenen Lektüre  manche Krise sehr genau bestimmen.

Wie war das denn im großen Familienroman von Thomas Mann, wie haben die Handelnden Buddenbrooks auf wirtschaftliche Veränderungen reagiert?  Wie lebensnah sind die Arbeitsweltschilderungen von Upton Sinclair oder die Fabrikwelt von Hermann Broch? Was treibt die Spekulanten um bei Joseph Roth?

"Der Betrieb scheint an einer grassierenden Alzheimer-Erkrankung zu leiden. Es ist, als hätte es Erzähler wie Gerhard Fritsch oder Lebert (Hans, nicht Benjamin) nie gegeben und als hätten - willkürlich herausgegriffen - Bernhard, Frischmuth, Gstrein, Hackl, Henisch, Innerhofer, Kappacher, Menasse, Migutsch, Reichert, Roth, Schreiner, Winkler (Josef, nicht  Andrea) oder Wolfgruber in ihren Büchern nie Geschichten  erzählt" stellt die Autorin fest. Die Literatur ist der Welt des Kapitals immer einen Schritt voraus. Die Sprache der Besitzenden und Spekulanten,  etwa  bei Elfriede Jelinek, entspricht der Realität. In den ausufernden Diskussionen der unorganisierten und organisierten Linken spielt das aber keine Rolle.

In diesem Buch gibt es eine Analyse wichtiger Romane, sie beschäftigen sich mit Schieberei, Hochstapelei, Betrug und natürlich auch mit den Bankern. Über Kriegs- und Krisengewinner  wird nicht nur im Wirtschaftsteil berichtet,  man kann das alles in der Welt der Literatur auch finden. Und auch in "Einstürzenden Finanzwelten" geht es zu wie im täglichen Leben. Die Gesellschaft ist eine schlechte und wird immer so organisiert, dass immer die Habenichtse die Zeche zu zahlen haben, die Reichen aber immer reicher werden und es auch bleiben. Auch im Literaturgeschäft geht es ähnlich zu, die Bestsellerproduzentinnen und Produzenten sind die Stars und es ist schon peinlich wie sehr man jene, nicht nur in der Literaturkritik, totschweigt, die über das was ist und kommt, zu berichten  wissen.

Ein hilfreicher Anhang nennt wichtige literarische Werke, die LeserinLeser zur Krise das Hirn durchlüften:  Heimnito vfon Doderer - Die Dämonen; Gisela Elsner - Das Winbdei; Wilhelm Genazino - Die Liebesblödigkeit; Margit Hahn - Totreden; Hanno Millesi - Der Nachzügler; Margit Schreiner - Haus Frauen Sex; Masrtin Suter - Das Bonus-Geheimnis; Gernoit Wolfgruber - Niemandsland oder auch Bert Brecht - Die heilige Johanns der Schlachthöfe.

"Wirtschaftskrisen zum Nachlesen" empfiehlt  am Ende des Buches auf zweieinhalb Druckseiten insgesamt  49 Autorinnen und Autoren die sich mit Wirtschaftskrisen beschäftigen. Da sollte man Platz schaffen im Bücherregal und Zeit haben um zu lesen, denn in all diesen Büchern werden Krisen  beschrieben und kommentiert.

Vertrauen wir in dieser großen Zeit jenen, die Bücher schreiben wie "Einstürzende Finanzwelten". Das Buch ist spannend, aufregend und es vermittelt Solidarität.

Dieter Braeg

 

Evelyne Polt-Heinzl : "Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft und Literatur"
Nachwort von Wolfgang Polt mit 7 Illustrationen von Thomas Kussin. Sonderzahl Verlag Wien 2009. 237 Seiten. 18.--€ ISBN  978 385449 322 8

 







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