Demo gegen Antisemitismus -
eine rechte Schmierenkomödie!


11.12.09
HamburgHamburg, Antifaschismus, News 

 

von Kommunistische Assoziation Hamburg (KAH)

Am Sonntag, den 13. Dezember 2009, findet in Hamburg eine Demonstration gegen "Antisemitismus von links" statt. Die Polizei rechnet mit bis zu 200 Teilnehmern. Doch um die Bekämpfung von Antisemitismus geht es gar nicht, erklärt die Kommunistische Assoziation Hamburg (KAH). Sie erwartet ein "Gruselkabinett" aus "antideutschen" und anderen neokonservativen Kriegshetzern, Rassisten, oder einfach Täterkindern und -enkeln, die die Palästinenser für die unmögliche 'Wiedergutmachung' des deutschen Menschheitsverbrechens an den Juden zur Kasse bitten" - eine rechte Schmierenkomödie mit reichlich Islamophobie und Menschenhass.

Weitere Informationen über die Organisatoren des Aufmarschs: kommunistischeassoziation.wordpress.com

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Kritische Analyse der wahren Motive:

Von der „antideutschen“ Schmierenkomödie zur Grand opéra.
Die Paralyse der Kritik: eine Gesellschaft ohne Opposition

Karrieren machen sich manchmal leicht: Eben noch Handy-Verkäufer in der Kleinstadt, gelang Paul Potts dank Britain’s Got Talent der Aufstieg zum weltberühmten Opernstar. Ganz ähnlich erging es der – allerdings völlig talentfreien – Hamburger „antideutschen“ Neocon-Gruppe Kritikmaximierung nach der Blockade ihrer kriegspropagandistischen Veranstaltung durch Antiimperialisten und andere Linke. Unversehens wurde diese Aktion einmal durch die neoliberale Medien-Mangel gedreht. Heraus kam ein „antisemitischer Krawall“ mit zahlreichen „Nazis“, jüdischen und anderen „Opfern“, ein Super-Skandal, der – seit ein „antideutsches“ Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten (BGHU) für den 13. Dezember zur Protestdemonstration gegen „linke antisemitische Schläger“ aufruft – international und bis in die Spitzenpolitik für allerhand Empörung sorgt.

Was war geschehen

Rund 30 Aktivisten des Internationalen Zentrums B5 in Hamburg-St. Pauli hatten am 25. Oktober 2009 eine Veranstaltung der „antideutschen“ Gruppe Kritikmaximierung im benachbarten Kino B-Movie verhindert, in deren Rahmen der Film „Warum Israel“ des französischen Regisseurs Claude Lanzmann gezeigt werden sollte. Dafür hatten sie das Eingangstor zum Hof, in dem sich das Kino befindet, mit einer Kette verschlossen und mit einem Transparent bespannt, auf dem die Segregationsmauer im Westjordanland abgebildet war. Davor hatten sich vier junge Männer postiert, die, mit Holzgewehren bestückt und abgetragenen Tarnjacken verkleidet, die Besatzung eines israelischen Checkpoints darstellen wollten, um an die Lebensrealität der Palästinenser in den besetzten Gebieten zu erinnern. Die habe Lanzmann in seinem Film „vergessen“, hieß es in einem vor Ort verteilten Flugblatt.

Diesem Szenario sahen sich die Kinobesucher – eine mehr oder weniger geschlossene Gruppe „Antideutscher“ – gegenüber. Die im Internet verbreitete Legende hingegen will, dass sie vor dem B-Movie ein zum Äußersten bereiter linker Schlägertrupp erwartet hatte. Gerüstet mit „Quartzhandschuhen und Holzstäben“ (Rheinische Post), Gürteln und sonstigen „Waffen“ sollen die B5-Aktivisten die „Antideutschen“ mit Faustschlägen traktiert und daran gehindert haben, in den Kinosaal zu gelangen.

„Antideutsche“ schalten Staatsschutz ein

Wie die Antideutsche Gruppe Hamburg erklärt, wurde am 25.10. aus ihren Reihen die Polizei gerufen. Diese blieb jedoch untätig und beobachtete lediglich die Szenerie – offenbar sah sie keinen Grund zum Einschreiten. Die von den „Antideutschen“ behauptete „Prügelaktion“ (BAK Shalom) hat gar nicht stattgefunden. Es gab Rempelein, Schubsereien und unserer Kenntnis nach insgesamt vier Backpfeifen, als die „Antideutschen“ einen Durchbruch versuchten. Mittlerweile haben Zeugen berichtet, dass es nicht nur von Seiten der Antiimperialisten zu o.g. Tätlichkeiten gekommen war, sondern auch von den sich in den Medien als Saubermänner darstellenden „antideutschen“ Rechten. Sie sollen Pfefferspray gegen die Aktivisten der B5 eingesetzt haben.

Mindestens ein Angehöriger des „antideutschen“ Lagers hat nach Angaben der Antideutschen Gruppe Hamburg einen der Kino-Blockierer wegen einer angeblichen Schlägerei, die Tage später an einem anderen Ort stattgefunden habe, bei der Polizei angezeigt – der Staatsschutz ermittelt. Medienberichte, die sich auf Polizeiangaben stützen, bestätigen das. Sie schweigen allerdings darüber, wer die „Schlägerei“ angefangen hat.

Der „antideutsche“ Denunziant wird den Ermittlern Lügen der gleichen Preisklasse erzählt haben, wie sie von den „antideutschen“ Ultras der Zeitschrift Bahamas – einem Flaggschiff dieser Szene – und anderen Neocons samt ihrer Fan-Gemeinde aus der Roten Flora und der blau-weißen Web-2.0-Antifa über die Ereignisse am 25.10. verbreitet werden: Antiimperialisten sollen „Judenschweine“ und „Schwuchteln“ gerufen haben.

Nun fehlen nur noch seriös klingende Aussagen, die der mittlerweile überstrapazierten Verleumdungsmasche der „Antideutschen“ zum Erfolg verhelfen. Nachdem nämlich bekannt wurde, dass die am 25.10. vor der B5 eingesetzten Polizeibeamten „antisemitische Pöbeleien“ nicht bestätigen können und keine Anzeigen von Zeugen erstattet wurden, die mutmaßliche Täter identifizieren und ihre Aussagen notfalls auch unter Eid wiederholen könnten, bleibt den Urhebern der Schmutz-Kampagne nur ein letzter Strohhalm: „Lennart K.“.

„Lennart K.“

Vor dem Hintergrund des nord(„anti“)deutschen Bauerntheaters, das sich seit seiner Uraufführung zur Grand opéra auf internationaler Bühne ausweitet, mag es den einen oder anderen beruhigen: Wenigstens „Lennart K.“ (laut Spiegel Online „Augenzeuge“, der gehört haben will, wie „Judenschweine“ gerufen wurde) ist kein Phantom der „antideutschen“ Oper – es gibt ihn wirklich. Er gehört zu den ungezählten Pop„antideutschen“, die sich in der Roten Flora wohlfühlen wie die Made im Speck. Kein Wunder: Verbotsschilder auf dem Flora-Monatsprogramm mit durchgestrichenem „Pali-Tuch“ und durchgestrichener Friedenstaube machen deutlich: Araber und Kriegsgegner sind im Event-Center der mittelständischen Hamburger Jugend unerwünscht. Noch wohler fühlen sich die „Antideutschen“ allerdings im Web 2.0. Dort stellen sie – und so auch „Lennart K.“ – Fotos von Devotionalien der israelischen Armee neben Fotos von ihren Nike-Schuhen, ihrer Freundin, der israelischen Nationalfahne und Mettwurst-Brötchen aus.

So weit – so banal. Wichtigtuer wie „Lennart K.“, die schon immer gern mal in die Zeitung wollten, wären hier und anderswo nicht der Rede wert, wenn sie nicht Phänotyp einer neu-rechten Stammtischkultur wären: Mittlerweile treiben sich Heerscharen junger („Anti-“)Deutscher unter Pseudonymen wie „Moshe Dayan“ in den Sudel-Ecken des Web 2.0 herum, tyrannisieren erklärte Feinde (wie Kapitalismuskritiker oder Friedenspolitiker) mit permanenten Verleumdungen und sonstigem Dauer-Stalking. Vor allem aber tun sie in Foren, die ironischerweise unter Labels wie Anti-Defamation firmieren, bevorzugt eines: Sie lassen ihrer Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit freien Lauf und beschimpfen Palästinenser oder andere, die unter Verdacht stehen, aus dem arabischen Kulturraum zu stammen, wahlweise als „grüne Pest“, „Islam-Nazis“ oder „Musels“. „Lennart K.“ nennt Muslime, die gegen den Gaza-Krieg protestierten, „Fascist Madness“. Und einer seiner Gesinnungsfreunde bejubelt den massenhaften Tod von Palästinensern und die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zynisch: „Hamastan ist abgebrannt!“ Das „antideutsche“ Web 2.0 ist eben nicht nur Tummelplatz für Verleumder, Lügner und Psychopathen – dort gären auch Rassismus und Menschenhass.

„Den Global-Peace-Mob bekämpfen!“ – Das Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten als Aussteigerprogramm

Aber warum sollte die politische Nähe zu unappetitlichen „Lennart K.“-Typen einem erschreckend großen Teil der (Ex-)Linken noch peinlich sein? Organisationen wie die FAU oder die Berliner VVN-BdA haben alle Ekel- und Schamgrenzen hinter sich gelassen und marschieren – ebenso wie Vertreter von jüdischen Gemeinden, Hochschuldozenten, Künstler und andere Bürger, die ins „antideutsche“ Jauchebecken hinabgestiegen sind, weil sie reflexartig alles blind unterschreiben, wo „gegen Antisemitismus“ draufsteht – Seite an Seite mit dem Bündnis gegen Hamburger Unzumutbarkeiten.

Unzumutbar ist dabei nicht zuletzt, dass die Organisatoren, inklusive ihrem Sprecher Andreas Benl, Autoren der Zeitschrift Bahamas sind – eines Sprachrohrs der neuen Rechten. Ein Bündnis mit Bahamas ist ein willkommenes Aussteigerprogramm für palästinafahnenflüchtige und andere Linke, die in die Siegerstraße zum Lager der Neokonservativen abbiegen wollen.

Bahamas verbreitet – selbstverständlich im Namen Israels und der Shoah-Opfer – offen, was man in der Roten Flora bislang nur hinter vorgehaltener Hand aussprechen kann: Ressentiments gegen das „Multikulti-Gewese“, gegen Migranten im Allgemeinen und Muslime im Besonderen und Begeisterung für die „vernünftigen Einwände“ des französischen Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen „gegen die ungebremste Islamisierung“ (Bahamas). Nur konsequent, dass das Zentralorgan der „Antideutschen“, zusammen mit der Jungen Freiheit, dann auch Jubelarien auf die italienische Rassistin Oriana Fallaci („Moslems vermehren sich wie Ratten“) und ihre Vernichtungsfantasien angestimmt hat.

Nicht wenige Unterstützer des BGHU stehen der Bahamas-Redaktion in nichts nach. Beispielsweise die Prozionistische Linke Frankfurt: „Den Global-Peace-Mob bekämpfen!“ Das Internet-Portal Lizas Welt, Experte für Rufmord-Kampagnen gegen die jüdisch-israelische Linke. Die Gruppe Morgenthau, die gegen „antirassistische Tabus“ und „Klimageschwätz“ wettert und für „militärische Interventionen“ zur Verteidigung der westlichen Zivilisation am Hindukusch und überall wirbt. Last but not least: die Antideutsche Gruppe Hamburg, die sich nicht einmal entblödet, öffentlich Stimmung gegen Barack Obamas halbherzige Friedensbemühungen zu machen, und sich nach der Rückkehr der Bush-Administration und ihrer Kriegsverbrecherpolitik sehnt.

Auch für Frontunterhaltung ist gesorgt – in jeder Beziehung: Der Schlagersänger Torsun von Egotronic, der Lieblingsband der zur Staatsräson gebrachten Merkel-Jugend, ist mit von der Partie. Denn der weiß ganz genau: „In puncto Israel oder so, da ist meiner Meinung nach die antideutsche Analysesituation die zutreffendste.“ Wenn er nicht gerade totalen Nonsens brabbelt, dann freut sich Torsun wie ein Schneekönig, wenn die israelische Armee gegen die Palästinenser „zurückballert“, wie er das Gaza-Gemetzel nennt. Ein IDF-Rave mit Bomben und verstümmelten Leibern macht fast so viel Spaß wie eine Elektropop-Party mit bergeweise Koks und Strömen von Alkohol.

13.12.2009 – mal wieder blau-weiße „Flagge zeigen“

Dieses Gruselkabinett ruft für den 13. Dezember zur Demonstration gegen „linke antisemitische Schläger“ auf. Der Zug, der sich an diesem Tag vor der Roten Flora zum Angriff auf die B5 in Bewegung setzen wird (sicher schließt sich noch, wie meist bei „antideutschen“ Aufmärschen, die Partei Bibeltreuer Christen an), besteht nicht nur aus Kriegshetzern, Kultur- und anderen Rassisten oder einfach Täterkindern und -enkeln, die die Palästinenser für die unmögliche „Wiedergutmachung“ des deutschen Menschheitsverbrechens an den Juden zur Kasse bitten. Er besteht auch aus autonomen und anderen Linken, die zu den deutschen, US-amerikanischen und britischen Barbareien in Bagram, Abu Ghuraib, Kunduz und sonstigen Zentren massenhafter Menschenschlächterei und -quälerei im Namen der Zivilisation geschwiegen haben und schweigen. Wir meinen all die deutschen Heuchler, die heute „antisemitische Zensur“ schreien, wenn die Kritikmaximierungs-Bellizisten in ihrer Hasspropagandafreiheit eingeschränkt werden, aber keine Probleme damit haben, wenn jüdische Linke wie Ilan Pappé in Deutschland Redeverbot erhalten oder ein Haufen „antideutscher“ Stammtischbrüder unter Leitung des Linkspartei-Politikers Andreas Waibel im Frankfurter Club Voltaire einfällt und dort wahllos auf Besucher eindrischt.

Hamburger LINKE gegen Linke

Apropos Linkspartei: Der Landesvorstand der Hamburger LINKEN, der an dem gewaltverherrlichenden öffentlichen Applaus einiger seiner Parteigenossen für das israelische Massaker auf dem Gaza-Streifen nichts auszusetzen hatte, beweist die gleiche Doppelmoral. Er prügelt, wenn auch verbal, fleißig mit: Statt Friedenspolitiker in den eigenen Reihen, wie Norman Paech und Joachim Bischoff, gegen „antideutsche“ Pöbler innerhalb und außerhalb der Partei zu verteidigen, dem grassierenden Neokonservatismus mit einer konsequenten Ideologiekritik zu begegnen und die Umtriebe des BGHU als das zu enttarnen, was sie sind: eine rechte Schmierenkomödie, machen Hamburger LINKE lieber Jagd auf linke Gegner der „Antideutschen“. Wie die Online-Zeitschrift scharf-links berichtet, wurde die Homepage der Arbeitsgemeinschaft Kritische Linke der LINKEN einfach aus dem Netz geschossen und die Gruppe zwangslaufgelöst. Auch die Website der AG.Medien unterliege der Zensur: Unerwünscht kritische Inhalte seien „auf Anweisung des Landesvorstands“ einfach gelöscht worden, so scharf-links. Aber das ist nicht alles: Christiane Schneider, Vizechefin der Linkspartei-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, hat Claude Lanzmanns Film „Warum Israel“ ideologisch verklärt und das große Halali gegen die Antiimperialisten z.B. mit der Falschbehauptung, jene hätten „das Existenzrecht Israels bestritten“, auch noch kräftig angeheizt.

Lanzmann

Wer und wessen Werk wird hier eigentlich mit allen Mitteln als politische und moralische Autorität inthronisiert? Claude Lanzmann war als Schüler in der Résistance, später Kampfgefährte Jean-Paul Sartres und ist Regisseur des Dokumentarfilms „Shoah“, der wohl bedeutendsten filmischen Dokumentation des NS-Völkermords, so die gängigen Angaben zu seiner Biographie in den Medien. Dies ist eine selektiv verkürzte Darstellung. Was seine Anhänger verschweigen: Von den kommunistischen Idealen Sartres hat sich Lanzmann längst verabschiedet. Setzte sich Sartre bis zuletzt für die Entrechteten dieser Welt ein – Lanzmann hat sich auf die andere Seite, auf die Seite der Mächtigen gestellt. Der Geschützdonner ihrer gewaltigen Militärapparate und nicht der Klang der „Internationale“ lassen sein Herz höher schlagen. Wie der Regisseur der Welt anvertraute, vernachlässigt er in seinem filmerischen Schaffen dann auch die Perspektive der Wehrlosen vor den Panzern, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens von der brutalen Kriegsmaschinerie überrollt wurden. Er richte sein Augenmerk auf den „Mann im Inneren des Panzers“, so Lanzmann – „wenn es sich um einen Israeli handelt.“ Dass dieser Panzerfahrer nicht Israel in seinen Grenzen von 1967 verteidigt, sondern den Weg freischießt für eine völkerrechtswidrige Eroberungs- und Besatzungspolitik, erwähnt der Lautsprecher für Liebermans Groß-Israel-Ideologie lieber nicht. So verwundert es auch nicht, dass Lanzmann keinerlei Mitgefühl mit dem palästinensischen Zivilisten vor dem Panzer kennt – Millionen von Menschen, die auf der Westbank und dem Gaza-Streifen ohnmächtig in die Kanonenrohre der Tanks einer der stärksten Armeen der Welt blicken müssen. Die arabische Bevölkerung des Nahen Ostens existiert für Lanzmann nur als Inkarnation des Barbarischen schlechthin. „Israels Feinde machen keine Gefangenen.“ Solche reißerischen Slogans, die mittlerweile zum Markenzeichen des Regisseurs geworden sind, erweisen sich als Propaganda-Märchen – diverse Gefangenenaustausche, die israelische Regierungen mit arabischen Kriegsgegnern verhandelt und durchgeführt haben (aktuelles Beispiel: Gilat Shalit), strafen den Regisseur Lügen. Lanzmann zeichnet ein kulturrassistisches Schreckensbild des mordlüsternen Arabers, dessen angesichtig nichts gelte, so Lanzmanns Plädoyer für ein noch rücksichtsloseres Vorgehen des israelischen Militärs, außer der Logik des Krieges: „Töten, um nicht getötet zu werden.“ Eine Vorstellungswelt entfesselter Brutalität, in der „antideutsche“ Blogger ihren sozialdarwinistischen Gewaltphantasien freien Lauf lassen können – die Zahl der mit israelischen Merkava-Panzern und sonstigem Kriegsgerät geschmückten Internetauftritte lässt sich kaum überschätzen. Eine Welt, die Lanzmann mit schwülstigen Pathosformeln treffsicher bedient: „In ‚Warum Israel’ sehen wir in einem Bild einen Kampfjet am Himmel, wir hören den Lärm, und jemand sagt: ‚Das ist beruhigende Musik in meinen Ohren’“, schwärmt er der Welt mit bellizistischer Emphase von seinem Film.

Die machtpolitische Option der Antisemitismuskritik

Seit dem 25.10. reiten Claude Lanzmann und seine kriegsbegeisterten Fans auf einer Welle der Sympathie. Vom CDU-Hardliner Wolfgang Bosbach bis zur autonomen Kleinstadt-Antifa – überall Empörung über „antisemitische Krawalle“, die gar nicht stattgefunden haben, und „Courage!“-Rufe an den Filmemacher. Mit ihrer Unterschrift unter der Parole „Es darf keine antisemitische Filmzensur geben!“ sonnen sich auf der Internet-Plattform NPD-Blog dutzendweise A-, B- und C-Prominente im Glanz des heroischen Kampfes gegen den „linken Antisemitismus“: Cem Özdemir, Pop-Papst Diedrich Diederichsen, Ralph Giordano oder die Jura-Studentenband Tocotronic.

Alle wollen dabei sein, wenn es gegen den herbeihalluzinierten linken „antisemitischen Mob“ in St. Pauli geht. Denn da gibt es neben kostenloser PR eine Menge zu holen: Künstler Daniel Richter, der aus einem Milieu stammt (das hat er in seinem Interview mit der Welt vergessen zu erwähnen), in dem der Name Israel vor gar nicht langer Zeit noch in Anführungszeichen gesetzt wurde, nutzt die Gunst der Stunde für eine gründliche Reha-Maßnahme in der neuen Heimat: im bürgerlichen Lager. Dabei schreckt er nicht einmal davor zurück, den bekennenden Sozialisten und Kommunisten von der B5 – genauso, wie Die Welt und Wallstreet-Journal es gern hören – anzudichten, sie hätten eine zweite „Reichskristallnacht“ verbrochen. „Diese Linken sind aufgetreten wie SA-Männer, die in den Dreißigerjahren vor Läden standen, auf die sie die Worte ‚Kauft nicht bei Juden!’ geschmiert hatten“, weiß Richter ganz genau. Was für eine unfassbare Geschichtsklitterung und Verharmlosung der faschistischen Prügel- und Mordorgien gegen Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten!

Diese für manchen vielleicht merkwürdige und bisweilen unübersichtliche Allianz von vermeintlich linksradikaler Szene und bürgerlich-konservativer Presse – der Antisemitismus in der CDU maximal eine Randnotiz wert ist ­–, liberalen Professoren wie linksliberalen Bundestagsabgeordneten repräsentiert das, was wir die „machtpolitische Option der Antisemitismuskritik“ nennen. „Antisemitismuskritik“ besteht hier wesentlich aus einer permanenten Gleichsetzung von Rechts und Links. Ihr Gegenstand ist nicht der Antisemitismus, sondern das, was ihre Wortführer darunter verstehen wollen: „Barbarischer Antikapitalismus“ und „Islamversteherei“. Das drückt sich in Worten wie „Linksnazis“, „Islamfaschismus“ oder „antisemitische Antifa“ aus. Die Behauptung, der Antisemitismus habe sich „aus seiner rechten Lagerbindung“ gelöst und nach Links ausgedehnt, wo er sich „hinter den Unschuldsmasken von Antirassismus, Antiimperialismus oder Globalisierungskritik“ verberge (Frankfurter Rundschau), erlaubt es, konsequent antikapitalistische Linke als „antisemitisch“ zu denunzieren.

Wenn Linke Kapitalismus sagen, dann meinen sie Ausbeutung, Elend und Armut – eben das „ganze System des Schwindels und Betrugs“ (Karl Marx). Wenn „antideutsche“ und andere Neocons linken Kapitalismuskritikern unterstellen, diese meinten in Wahrheit „die Juden“, dann projizieren sie ihre eigenen hässlichen Ressentiments – „Kapitalismus = Juden“ – auf andere. Der „antideutsche“ Philosemitismus ist nichts weiter als ein alter ego des Antisemitismus. Denn er fußt auf antijüdischen Vorurteilen (die ihren Ursprung in der westlichen Zivilisation haben und in Deutschland zur Vernichtungsideologie ausgewachsen waren) und verleiht ihnen ein freundliches Antlitz. Unter veränderten historischen Bedingungen kann dieser Philoantisemitismus wieder zurückfallen in blanken mörderischen Judenhass. Die philoantisemitischen „Antideutschen“ führen mit Parolen wie „Jede Kritik an Israel ist antisemitisch“ einen Kampf für „die Juden“, die sie fälschlicherweise mit Zionisten identifizieren, und verteidigen den nur in ihren deutsch-pathologischen Phantasien existierenden Idealstaat Israel, in dem es angeblich keine Klassenherrschaft, keinen Rassismus, keinen Antisemitismus, keinen Sexismus und auch sonst keine gesellschaftlichen Widersprüche gibt. Entsprechend begreifen „Antideutsche“ Juden auch nur als abstrakte Kategorie – eine für deutsche Vergangenheitsbewältigung und Neutralisierung von Kapitalismuskritik optimal zurechtgestutzte Spezies als Summe für Ideologieproduktion verfügbarer Exemplare. Der einzelne Jude, die einzelne Jüdin als menschliches Individuum ist den „Antideutschen“ nur ein Dreck. Besonders dann, wenn er/sie mit dem von „Antideutschen“ propagierten Klischee des einzig „richtigen“ Juden, des bis an die Zähne bewaffneten zionistischen Muskeljuden, nicht kompatibel ist. Die hasserfüllten Angriffe von „Antideutschen“ auf (israelische) jüdische Linke und ultraorthodoxe Juden demaskieren den „antideutschen“ Philoantisemitismus.

Israel und zionistisches Judentum wandeln sich zur Chiffre für das „zivilisierte Abendland“ und die kapitalistische Gesellschaft. „Wer Israel schützt, schützt nicht nur den Staat der Juden, er schützt die westliche Wertegemeinschaft“, erklärt Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer AG. Und wer es nicht ganz so staatstragend mag, feiert Tel Aviv als „weltweit 10-beste Partystadt“ (Stefan Kunath, BAK Shalom). In jedem Fall aber soll gelten: Um eine „Westorientierung“ kommt man nicht herum, wie es Bahamas-Autor Martin Blumentritt zusammenfasst. Die „realen Möglichkeiten menschlicher Emanzipation“, so Blumentritt, seien „nur im Westen entwickelt“. Kritik an der westlichen Welt habe sich „in die Propagierung eines Rassenkampfes gegen die ‚weiße Rasse’ verwandelt“.

„Antideutscher“ und anderer Antisemitismuskritik von rechts geht es nicht um Israel, nicht um Juden, nicht um gesellschaftlichen Fortschritt. Sie ist vielmehr ein Mittel, jeglichen Widerstand gegen die restlose Durchkapitalisierung der Welt und gegen ihre Profiteure zu brechen und die Macht der herrschenden Klassen zu legitimieren. Diese „Kritik“ am Antisemitismus ist ein Mittel der Erweiterung und Vertiefung des kapitalistischen Zugriffs auf gesellschaftliche Ressourcen und die Ausbeutung von Arbeit, sie ist eine Ideologie der dynamischen Gewalt des Kapitals geworden. Westliche Werte und weiße Rasse gegen die „linken Antisemiten“. Das ist Kulturkampf für das Kapital. Deshalb wird diese „Antisemitismuskritik“ auch von seinen Nutznießern im Munde geführt und gegen seine Opfer gerichtet. Das Eintreten der „antideutschen“ Neocons für „zivilisatorische Mindeststandards“ und ihr angeblicher Kampf gegen die Barbarei sind eine Form des Klassenkampfes der Gewinner gegen die Verlierer des Kapitalismus.

Von der machtpolitischen Option dieser „Antisemitismuskritik“ sprechen wir, weil sie als Legitimationsideologie für eine geopolitische Neuordnung im Nahen Osten und imperialistische Kriege genauso funktionieren kann wie für eine radikal antigewerkschaftliche Politik oder auch – wie jetzt von den „Antideutschen“ in Hamburg betrieben – für die Schließung eines linken und migrantischen politischen Zentrums, wo Hartz-IV-Geschädigte und andere arme Schlucker immer offene Türen vorfinden.

„B5 räumen!“ (Martin Blumentritt). Genau darum, die Organisatoren des Spektakels sprechen es in ihren Publikationen ganz offen aus, geht es den Bahamisten, der „antideutschen“ Gruppe Kritikmaximierung, dem BGHU und seinen Unterstützern – schon seit Jahren, wie die Antideutsche Gruppe Hamburg freimütig erklärt. Denn schließlich dürfe die B5 „nicht anders behandelt werden als jeder andere Nazi“, meinen sie. Sollte das „antideutsche“ Bündnis sein Ziel erreichen, so wäre das jedoch nicht im Entferntesten die „Maximierung“ von Kritik, sondern das genaue Gegenteil: ihre Paralyse. Wir wären damit dem von Herbert Marcuse beschriebenen Horrorszenario einen Schritt näher – der Gesellschaft ohne Opposition.

Kommunistische Assoziation Hamburg (KAH)




 





VON: KOMMUNISTISCHE ASSOZIATION HAMBURG (KAH)






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